Wegen Walter (1/3)

Wegen Walter

Sabrina hielt die Hand ihrer Urgroßmutter, die erschöpft auf den Kissen lag. Diese ganzen Behandlungen hatten ihre Spuren hinterlassen und jeder konnte sehen: Die alte Frau wollte nicht mehr, sie wollte gehen. Aber sie wollte nicht gehen, ohne sich vor ihrer Urenkelin zu rechtfertigen.

„Ich habe doch nur das Beste für ihn gewollt und er hat so viel erreicht im Leben. Das war den Preis wert, egal was die anderen sagen. Ich bin die Tochter eines Dienstmädchens und eines einfachen Arbeiters gewesen, ich weiß, was arm sein heißt.“ Sie hielt inne.

Ihre Mutter hatte einen Beruf, den es schon lange nicht mehr gibt: Dienstmagd. Diese jungen Mädchen hatten dem Haushalt nicht nur ihre Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen. Sondern häufig auch den Dienstherren zu bespaßen. Und dann saßen die jungen Dinger da und konnten sehen, wie sie sich und das Kleine durchfüttern sollten. Margaretes Mutter hatte Glück, sie bekam eine weitere Stelle als Dienstmagd, trotz des Kindes. Aber für diese Großzügigkeit musste sie zahlen: mit ihrem Körper als Lustobjekt für den Dienstherrn und als Mittel zum Abreagieren für die Dienstherrin, die nicht dafür zurückschreckte, einmal mit dem Leder zuzuschlagen. Als sie dann wieder schwanger war, waren die Dienstherren beide recht entsetzt, so viel Unmoral in ihrem hochanständigen Haus! Und setzten sie fristlos vor die Tür.

Hier sah Fritz, der Margaretes Mutter immer schon begehrt hatte, seine Chance. Er heiratete sie vom Fleck weg, ließ nie einen Zweifel daran, wie dankbar sie ihm sein musste, machte ihr noch vier weitere Kinder und ansonsten das Leben schwer. Frauen in jenen Zeiten waren dankbar, wenn sie und ihre Kinder nicht verhungerten.

Margarete war das jüngste Mädel, also eine leibliche Tochter von Fritz, das jüngste Kind war ein Junge. Margarete war ein lustiges Kind, blitzend braune Augen, eher rundlich als schlank und voller Energie. Dadurch hatte sie schon früh viele Verehrer, die sie aber alle abblitzen ließ. Bis Willi kam. Willi war Maurerlehrling, als sie sich beim Dorffest zum ersten Mal begegneten. Er war ein stiller, aber humorvoller Mensch mit einer guten Portion Intelligenz. Und er hatte sich Hals über Kopf in Margarete verguckt, als sie sich beim ersten Tanz etwas näherkamen. Er war einen Kopf größer als sie, hatte hellblaue Augen, eine stattliche Figur. Er gefiel ihr, und was ihr noch mehr gefiel, war die intuitive Erkenntnis, dass er ihr keinen Widerstand auf ihrem Weg entgegensetzen würde.

Die kleine Margarete war kaum wiederzuerkennen in der Frau, die auf dem Sterbebett lag. Ihre braunen Pupillen hatten den fahlen Rand der sterbenden Greise, ihr Gebiss, das sie in letzter Zeit nur selten getragen und jetzt noch einmal nur unter Aufbringung ihrer ganzen Willenskraft hatte einsetzen können, war ihr zu groß geworden. Sie atmete schwer. Sabrina strich ihr über die Stirn, „Omi, du musst jetzt ruhen, nicht weitererzählen!“

Margarete ließ die Zähne im Mund, bis sie sprechen konnte, eher flüstern: „Doch, Sabrina, meine Kleine, ich muss es noch jemanden erzählen.“

Lebenslustig wie Margarete und Willi waren, dauerte es nicht lange, bis Margarete schwanger wurde. Sie wusste genau, was sie wollte: einen Jungen. Mädchen haben es im Leben zu schwer, sie werden ausgenutzt, missbraucht, nein, das wollte sie nicht. Sie selbst hatte noch bis kurz vor der Geburt an den schweren Webstühlen gearbeitet, die ersten Maschinen, an denen Akkordarbeiterinnen tätig waren. Und Margarete, immer ambitioniert und ehrgeizig, war eine der besten Arbeiterinnen in der Fabrik.