Wegen Walter (2/3)

Die Geburt war schwer, es waren schier unerträgliche Schmerzen, aber Margarete stand es alles durch. Der Arzt legte ihr freudestrahlend das Kind in den Arm: „Ein wunderschönes Mädchen haben sie da, liebe Frau Schmidthausen. Ich gratuliere!“.

Margarete verzog keine Miene, sie lächelte mit dem Mund, aber nicht mit dem Herzen. „Danke, Herr Doktor!“. Es tat ihr etwas weh zu sehen, wie Willi sich voller Vaterfreude über seine kleine Tochter beugte und sie vorsichtig auf dem Bauch kitzelte. Sie wusste doch, dass sie keine Tochter wollte.

Drei Wochen später – plötzlicher Kindstod. Willi war völlig außer sich, Margarete still und gefasst. „Wir sind noch jung, Willi!“

Ein halbes Jahr später war sie wieder schwanger. Sie aß und aß und aß, weil sie gelesen hatte, dass kräftige Nahrung die Chance erhöht, einen Jungen zu bekommen. Nach einer extrem schwierigen Geburt, bei der sie fast verblutet wäre, hatte sie ihren kleinen Jungen im Arm. Noch Jahre später erzählte sie stolz, dass er lange Zeit das schwerste Baby war, das in diesem Krankenhaus je zur Welt kam. Nie im Leben war sie glücklicher gewesen, sie streichelte ihn, ließ ihn am liebsten gar nicht aus den Augen und versprach ihm, dass er ein besseres Leben haben sollte als seine Eltern. Sobald sie konnte, ging sie wieder an den Webstuhl. Den kleinen Walter, wie sie ihn genannt hatten, gab sie ihrer Mutter in Obhut. Nach dem Tod des herrischen Vaters hatte sie die Mutter aufgenommen. Alle Welt dachte, das sei eine gute Tat gewesen, aber Margarete hatte alles geplant.

Ihr Kind sollte zur Schule gehen und niemand sollte auf ihren Jungen herabsehen. Dafür arbeitete sie sich in der Fabrik den Rücken wund, brach einen Akkord nach dem anderen. Der kleine Walter lag derweil in den Armen seiner Großmutter und wurde mit Liedern und Liebe versorgt.

Der kleine Walter war ein helles Kerlchen. Maßlos verwöhnt, heute hätte er vermutlich schon mit sechs Jahren das neueste iPhone zu Weihnachten bekommen. Er hatte eine riesige Spielzeugeisenbahn, mit der später noch seine Enkel spielen sollten, damals ein Geschenk, das sich eher die Reichen und Überreichen für ihre Kinder gönnten. Margarete wusste, dass sie kein weiteres Kind mehr wollte, Walter sollte es an nichts fehlen, er sollte nicht teilen müssen, wie sie es zu Hause getan hatten. Nie hatte das Essen für alle gereicht, weil es auf so viele Münder zu verteilen galt. Willi bekam sein Zeugnis als Maurergeselle, Margarete war stolz auf ihn. Sie war aber auch ehrgeizig und so musste Willi aufsteigen. Er wurde Polier, was für einen jungen Mann aus seinen Kreisen wahrhaftig ein Karrieresprung war. Margaretes Mutter gab ihre kleine Rente ab, Margarete war weiter fleißig und konnte mit Geld umgehen. Keine Frage, dass der kleine Walter aufs Gymnasium gehen sollte, aber nicht mit bloßen Füßen und in löchrigen Klamotten! Margarete ging weiter arbeiten.