Wegen Walter (3/3)

Sie wurde noch dreimal schwanger. Zwar hatte Willi so seine Schwierigkeiten – wie sich nach seinem Tod herausstellte, litt er an einer Phimose –, aber es war ihr Druckmittel, wenn sie etwas wollte oder auch nicht wollte. Ein echter Mann wollte er sein, mehr Kinder haben? Er kriege ihn noch nicht mal hoch! Ja, sie hatte ihren Willi in der Hand. Die Kollegen nannten ihn untereinander „Willi, der Pantoffelheld“.

Zwei der drei Schwangerschaften waren Fehlgeburten. „Musst du denn auch immer so riesige Körbe mit nasser Wäsche tragen!“, klagte ihre alte Mutter und wackelte mit dem Kopf. Margarete guckte grimmig, „Wer trägt sie sonst?“ Natürlich hätte sie die Last auf zwei Gänge verteilen können … bei der dritten Schwangerschaft waren wohl die Körbe nicht schwer genug, das Kind kam gesund zur Welt.

„Warum muss ich immer so kerngesunde Kinder bekommen, können sie verdammt nicht mal im Kindbett sterben?“ Der zweite kleine Sohn, Jakob sollte er getauft werden, starb kurz nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus im Bettchen. Scheins hatte er es mit seinen kräftigen Ärmchen zwar geschafft, sich das Kissen übers Gesicht zu ziehen, aber um sich wieder zu befreien, hatte es nicht gereicht. An diesem Tag schreckte Willi nach der Frühstückspause zusammen und rief seinem Freund zu: „Ich muss nach Hause … mein Jakob, mein Jakob, ich habe Sorge!“ Die Kollegen sahen hinter ihm her und schüttelten den Kopf. Willi war doch sonst nicht hysterisch.

Willi stürmte in die Wohnung, aber da war es schon zu spät. Margarete stand apathisch vor der kleinen Wiege, ein paar Tränen liefen ihr übers Gesicht. Willi sah sie an, Margarete sah Willi an und beide wussten Bescheid.

Margarete drückte Sabrinas Hand noch fester, hob ihren Kopf mit Mühe aus den Kissen und wollte Worte formen. Sabrina kam mit dem Ohr näher an ihren Mund, weil sie merkte, dass ihre Oma es loswerden musste.

„Ich habe es tun müssen, wegen Walter, weißt du … und er hat es geschafft, er wurde Ingenieur, so ein richtig Studierter.“

Sabrina streichelte die Hand ihrer Oma. Waren das schon Fieberträume?

„Vergib mir“, hauchte Margarete, „Willi, vergib mir!“ Sie macht eine Pause vor Schwäche. Margarete dachte an Willi, der vor drei Jahren von ihr gegangen war. Sie dachte daran, wie sie sich selbst ein Haus gebaut hatten, sie hatte immer ein eigenes Haus für sich gewollt, wie die Reichen es haben. Dafür hatte sie selbst Körbe schwer mit Steinen den Berg hochgeschleppt, denn das meiste mussten sie selbst leisten. Im Keller hatte sie Räume, die sie an einzelne Herren untervermietete, sonst hätten die Finanzen nicht gereicht. Das Haus war ihres und Willis Stolz. Alles eines Tages für Walter. Wegen Walter hatten sie sich wenig gegönnt, alles gespart, damit es ihm an nichts fehlte. Walter hatte das Studium mit Bestnoten abgeschlossen, einen guten Job bekommen, eine Frau gefunden. Okay, die Frau war nicht nach Margaretes Geschmack, so eine verzärtelt-kränkelnde Beamtentochter, aber was soll’s? Und zwei Kinder. Und dann war er in der Brauerei, in der er als Maschinenbauingenieur arbeitete, unglücklich gestürzt und war mit dem Kopf vor einen Kessel geprallt. Seinen Sicherheitshelm, den er sonst immer trug, hatte er in Eile im Büro liegenlassen. Da war Walter nicht einmal dreißig.

„Lieselotte, verzeih mir. Bruno, verzeih mir, und ach, Fritz, verzeih auch du mir.“ Der Wind raschelte in den Bäumen. Die alte Frau hatte selbst nur noch die Kraft einer Brise. Kaum vernehmlich bat sie noch einmal um Verzeihung „Jakob, verzeih mir, dass ich dich deinem Vater, der so stolz auf dich war, wegnehmen musste, dass du kalt und nur in einem kleinen Hemdchen unter die Erde musstest. Es war, das musst du verstehen, wegen Walter.“ Sie atmete noch schwer, sie keuchte, sie stöhnte, Margarete hauchte noch zweimal „wegen … Walter“.

Außer Sabrina war kein Verwandter anwesend. Margarete galt als verlogen, bösartig und herrisch. Sabrina sah auf die alte Dame herab. Vielleicht war sie dies alles … und alles wegen Walter, dem Großvater, den Sabrina nie kennengelernt hatte.