X-seitig Xaver (1/4)

X-seitig Xaver

Es war ein herrlicher Tag, sie hatte viel erledigt und jetzt kam der kleine Höhepunkt des Tages: ein Stück Donauwelle mit einer großen Tasse Cappuccino. Sie hatte sich das Café am Ortsausgang angeschaut von außen, ja, das war okay. Große Glasfenster, Möglichkeiten so zu sitzen, dass man niemandem im Rücken hat und gleichzeitig die Tür im Auge, die den Sicherheitsvorschriften entsprechend nach außen öffnet. Ihre persönliche Art Feng-Shui, sie lächelte. Sie schaute in das Schaufenster der Metzgerei, an dem sie gerade vorbeiging und das sie spiegelte: Sie hatte ihre gute Figur durchaus gehalten. Es war keine harte Arbeit, aber ein bisschen aufpassen musste sie schon. Sie war zwar nicht mehr die Jüngste, aber gut in Schuss. Leberstücke, gebratene Hähnchenschenkel und Gehacktes mischten sich in ihr Bild. Mit den kurzen blond gefärbten Haaren sah sie noch jünger aus als die zehn Jahre, die sie vorher immer jünger geschätzt wurde, weil niemand ihr wahres Alter glaubte. Johnny hatte ihre langen Haare geliebt, aber das Thema hatte sich deutlich erledigt.

Sie betrat das Café. Die Ladentheke zog sich durch die Breitseite des Cafés. Eine junge Frau, weißes T-Shirt, lange rote Schürze war emsig damit beschäftigt, die belegten Brötchen zu sortieren. Sie schaute hoch und fragte:

„Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ein Stück Donauwelle und einen großen Cappuccino“. Die junge Frau stellte den Kuchen auf ein Tablett und ließ den Cappuccino aus der Kaffeemaschine in die Tassel laufen.

„Mit Kakaopulver?“

Elke war vom Service sehr angetan. „Ja, bitte!“

Sie bekam sogar noch ein Plätzchen, Heidesand?, neben die Kaffeetasse gelegt. Sie nahm ihr Tablett und ging zu dem von ihr auserkorenen Sitzplatz. Das Café war fast leer. Rechts von ihr ein älteres Paar, links von ihr, direkt vor dem Fenster, eine ältere Frau, weißblasser Teint, pechschwarz gefärbte Haare, weinrote Jacke, die die Hand vor den Mund hielt und zum Fenster herausschaute. Elke spähte durch das Fenster, keine verdächtige Gestalt. Sie zog ihre karierte Wolljacke aus und legte sie auf den Stuhl gegenüber.

Sie begann die Donauwelle zu zerlegen. Frau Schmittgens hatte sie einmal gefragt, warum sie den Kuchen immer so in Einzelteile zerlegte. Elke hatte ihr eine wunderbare Geschichte dazu erzählt, Trauma in der Jugend und so. Elke dachte gern an Frau Schmittgens, die eine intelligente Gesprächspartnerin gewesen war und ihr vor allem so ziemlich alle Geschichten geglaubt hatte. Ordentlich lag die Schokoschicht neben dem Pudding und dem Teig. Auch die Kirschen hatte sie sorgfältig aus der Kuchenmasse getrennt, dafür hatte sie sich extra ein Messer mitgenommen. Sie ließ die Gabel über dem Teller kreisen, während sie überlegte, welches Stück sie zuerst aufspießen sollte. Essen war ein solch sinnliches Vergnügen, und ab und an ein Stück Kuchen konnte sie sich wirklich leisten.