X-seitig Xaver (2/4)

Was ihr anfangs nicht aufgefallen war, fing auf einer ganz tiefen Ebene an, sich bemerkbar zu machen: Die Schwarzhaarschlampe telefonierte mit dem Handy. Elke verabscheute Menschen, die beim Essen telefonieren, vor allem an öffentlichen Orten wie Restaurants oder Cafés. Sie hatte schon während ihrer Zeit mit Manfred gelegentlich kleine Szenen veranstaltet, weil sie das nicht ertragen konnte. Jetzt aber musste sie vorsichtig sein, weil sie morgen den Flieger nach Brasilien nehmen wollte. Während ihrer Zeit im Institut hatte sie eifrig Spanisch gelernt, was dem Portugiesischen stark ähnlich sein soll. Okay, Portugiesisch wäre besser gewesen, aber zu auffällig. Da gab es noch zwei Konten, von denen keiner etwas wusste, und ein kleines Häuschen am Strand. Elke sah sich schon, im gutsitzenden Bikini auf einem Laken am Strand, wie die Männer sie anblickten … wie sich ihr ein gut aussehender junger Einheimischer näherte … Sie ließ einen Teelöffel Creme auf der Zunge zergehen, aber ihre wunderbaren Bilder wurden wieder gestört.

„Also Silke hat gesagt, dass ich dich morgen abholen soll, Mäuschen. Und die Omamama kommt ja auch zu Weihnachten …“

Elke krümmte sich innerlich. Es ging weiter und weiter mit diesen Belanglosigkeiten. Mechanisch aß sie den Kuchen, auf den sie sich so gefreut hatte. Sie rührte lustlos – und das wollte bei Elke etwas heißen! – in ihrem Kaffee. Die Rotjacken-Schlampe tat gerade so, als sei sie allein auf der Welt. Nicht nur, dass ihre Stimme einen Tacken zu laut war, sie durchdrang den Raum auch so penetrant. Elke konnte sich nicht davon freimachen und sich auf die zerlegte Donauwelle konzentrieren.

„Also Mäuschen, dann sage ich mal tschüs s…“

Elke atmete auf, die Tortur würde jetzt ihr Ende nehmen. Sie hob die Gabel voller Hoffnung.

„Ach, Mäuschen, von Michael soll ich dich auch noch grüßen.“

Noch fünf Minuten. Noch ein Mäuschen-Abschied.

„Ja, die treffe ich gleich. Ich habe sie zur Konfi gebracht und bin jetzt in diesem neuen Café, wir treffen uns gleich.“

Elke überlegte, ob das Gegenüber am Telefon überhaupt noch wach sei, denn die Frau ließ keine Pause. Elke dachte an das schöne, scharfe Klappmesser in ihrer Tasche. Mit welcher Freude würde sie es dieser Frau in den Rachen stoßen, was viel befriedigender wäre, als ihr nur die Kehle durchzuschneiden. Aber sie musste sich beherrschen, zu viel stand auf dem Spiel. Also machte sie ihre beste Ablenkungsübung, sie überlegte sich Präpositionen zu Namen mit passenden Sätzen: „An Arnold sind schon viele gescheitert. Bei Boris geht das Licht aus.“ C war immer etwas schwierig, aber mit „contra“ bekam sie etwas hin. Bei X hatte sie immer noch keine richtige Lösung und dachte wieder, wie so oft an dieser Stelle, „X-seitig Xaver scheint die Sonne“. So ein Unsinn, das war ihr selbst klar.

Wenn sie sich nicht beherrschte, würde sie wieder in dem Institut landen, was ohne Frau Schmittgens langweilig wäre. Falls sie nicht überhaupt woandershin käme, und wie es dann da ist – nun, sicherlich nicht so warm und freundlich wie in Brasilien.