X-seitig Xaver (3/4)

Elke hegte fast keine Hoffnung mehr auf ungestörten Kuchengenuss und hatte schon überlegt, den Kuchen zu drei Viertel unverzehrt auf dem Teller zu lassen, als die Schwarzhaar-Rotjacken-Schlampe endlich das Telefon zur Seite legte. Sie drehte sich vom Fenster weg zum Tisch, auf dem eine Zeitung lag. Bevor sie diese auseinanderfalten und sich darin vertiefen konnte, war ihr Gesicht voll sichtbar.
Elke war entsetzt, wieso dürfen Menschen mit so einem Gesicht sich frei bewegen? Das schulterlange, spröde tiefschwarze Haar umrandete ein fahles Blubbergesicht. Kleine Schweinsäuglein in wabbeligen Hefeteig eingelassen und ein roter Schlund von Mund, der noch durch einen blutroten Lippenstift überzeichnet war.
„Bestimmt hat sie gelbe Pferdezähne“, dachte Elke, während sie beobachtete, wie die Frau ihre Zeitung anhob – natürlich ein billiges Boulevard-Blättchen – und schräg am Tisch sitzend zu lesen begann. Elke nahm die Gabel und wollte sich nicht weiter ablenken lassen, aber sie war so aufgewühlt, dass die nächsten beiden Bissen auch nicht genussvoll ihre Kehle passierten. Die Tür zum Café öffnete sich, in dieser ruhigen Stunde eher die Ausnahme. Ein pausbäckiges Mädchen in einer schwarz-neongrünen Jacke rollte in das Café. Elke fand, dass eine solche Figur nur rollen kann. Sie wollte sie gar nicht beobachten, ihr ästhetisches Empfinden war an diesem Tag schon überbeansprucht und gequält worden. Aber wie konnte es anders sein? Das bleiche blonde Mädchen setzte sich der Schlampe gegenüber. Nach einer kurzen Begrüßung formte das rote Loch im weißen Teig weitere Satzungetüme, Silke, Michael, Omamama, Weihnachten, eine schier endlose Folge von Wörtern und Sätzen. Der plumpen Kuh gelang ab und an ein Einwurf.
Elke war mehr als gestresst, mechanisch stopfte sie den Kuchen in sich hinein. Sie dachte: „Wenn ich das Wort ‚Mäuschen‘ noch einmal höre, stopfe ich der Kuh meinen Restkuchen in die Fresse.“ Elkes Vornehmheit war schwankend. Sie bemühte sich, an Brasilien zu denken, „Brasilien – Strand – erotische Männer – warme Sonne“, wie ein Mantra sprach sie das leise flüsternd vor sich hin. Die Kuchengabel stak in einer blutroten Kirsche, umgeben von kalter dunkelbrauner Schokolade.