X-seitig Xaver (4/4)

„Wie erstarrtes altes Blut“. Elke fand solche Vergleiche sehr bildhaft, Frau Schmittgens war gelegentlich bei diesen Dingen etwas zusammengezuckt. Nicht sichtbar, aber der Kranz um die Pupillen hatte sich dann leicht zusammengezogen, nein, nein, sie hatte sich im Griff. Amüsant. Eigentlich schade …

Elke saß auf ihrem Stuhl, völlig verkrampft und rang um Fassung. Nein, diesen Kuchen konnte sie nicht aufessen, den Kaffee nicht zu Ende trinken. Sie wollte gerade ihre Jacke anziehen, sie hatte schon Tasse und Teller ordentlich auf dem Tablett angerichtet, als die Tür wieder aufging. Herein walzte eine Frau mittleren Alters. Ihre lockig-strähnigen blond gefärbten Haare wellten sich um ein Wabbelgesicht, die ganze Figur wabbelte, und das in einem schwarzgrundigen Kleid mit blauem Blumenmuster. Zielbewusst ging sie auf den Tisch der Schlampe zu, die ihr zurief „Silke!“

Elke stürzte aus dem Café, die Jacke nur über den Arm geworfen, das Tablett nicht in den Geschirrturm geräumt. Es war ihr besonderer Stolz, dass sie in Selbstbedienungscafés den netten Angestellten keine zusätzliche Arbeit hinterließ, also gehörte das Tablett in den Geschirrturm geschoben, alles andere war asozial! Außerdem gab es ihr einen kleinen Lusthöhepunkt, wenn sie das Tablett rasch und tief in den Turm stieß.

Sie stand an der Tür, mit dem Rücken zur Wand und atmete schwer. Sie griff in die Handtasche zu dem kühlen Messer, das sie beruhigte und gelegentlich auch sehr aufregte, im positiven Sinn. „Die drei würde ich locker schaffen … schade nur um das Mädel hinter der Theke, die war sympathisch. Ihre toten Augen müssten nicht sein über einer Blutlache.“ Bei dem Wort Blutlache überkam sie ein ganz besonderes Gefühl, eine Verlockung, die sie sehr gut kannte. Sie war hin- und hergerissen zwischen ihren Emotionen, dem Ausleben ihrer Gelüste und der Vernunft, diesem ganzen hier zu entkommen und ein neues Leben in einem Kontinent zu verbringen, der ihr so viel Lust verhieß.

„Ich habe so viel über Herz und Verstand, Bauchgefühl“ (bei dem Wort Bauchgefühl umklammerte sie das kühle Messer mit starker Hand) „gelesen“. Und sie erinnerte sich: „Zumindest in der Coach-Szene scheinen alle zu wollen, dass ich meiner Intuition folge, meinem Bauchgefühl.“ Elke horchte tief, tief in sich hinein.