Y-seitig Yvonne (1/3)

Y-seitig Yvonne

Mimi erklärte es Sebastian zum dritten Mal, sie versuchte es so anschaulich wie möglich. „Stell dir einfach vor, eine Person steht in der Mitte, sagen wir mal, sie heißt Yvonne. Dann ist y-seitig Yvonne die y-Achse.“

Sebastian schaute aufmerksam auf die Struktur, die Mimi auf ein Blatt gezeichnet hatte. Oh ja, er war immer sehr aufmerksam, jedoch lauschte er weniger dem Inhalt. Er ließ Mimis Stimme auf sich einwirken. Sie hatte eine wunderbare Stimme, sanft und plätschernd wie der kleine Fluss im Naturpark, wo er letztes Jahr mit seinen Eltern und seiner Schwester im Urlaub gewesen war. Er mochte Stimmen hören und sie sagten ihm viel, weil er mit seinen Ohren hinter Stimmen sehen konnte, aber das war ihm nicht bewusst. Tante Elke zum Beispiel, alle fanden sie sympathisch, aber ihre Freundlichkeit war vorn auf der Stimme. Ganz hinten in den Sphären war Härte, waren Gefühle, denen er lieber nicht nachging und viel, viel Dunkelheit. Ihre Geschenke für ihn waren großzügig und sorgsam ausgesucht, und hätte sie sie ihm stumm überreicht, so hätte er Freude daran gehabt. So aber sprachen die Geschenke mit Elkes Stimme zu ihm und das war das Grauen, besonders nachts.

Mimis Stimme war genau das Gegenteil, ihrem Klang lauschend konnte er alles Üble des Tages von sich streifen. Zum Beispiel die Stimme seiner Mutter, die nicht nur gern ununterbrochen schimpfte, sondern das auch noch in einer Stimmlage, die ihm weh tat. Sein Vater schimpfte auch viel und schrie herum, aber seine Stimme hatte eine Weichheit hinter der Härte. So im Grunde.

Es gab niemanden, mit dem er sich über Stimmen unterhalten konnte. Meist bekam er seltsame Blicke zugeworfen, wenn er versuchte, sich darüber auszutauschen. Er überlegte, ob Mimi mit ihrer wunderschönen Stimme anders wäre. Er schaute sie an, hörte ihr zu und dachte sich, dass es nichts Schöneres geben könne, als mit ihr den Rest seines Lebens zu verbringen. Was für einen Fünfzehnjährigen doch eine recht beachtliche Vorstellung ist.

Mimi war nicht nur das schönste Mädchen, das er kannte, sondern auch das klügste. Da war es wie ein Wunder für ihn, als sie ihm vor einem Vierteljahr angeboten hatte, ihm zu helfen, in Mathe besser zu werden. Sie sagte zu ihm, dass sie ihn für sehr klug halte, man müsse ihm die Sache nur richtig erklären. Dabei guckte sie auf den Boden, er wusste nicht wieso. Sicher hatte sie recht. Sonst hielten ihn alle für ziemlich dumm.

Sie verzweifelte nie, wenn er lauschte, statt zuzuhören. Sie legte manchmal ihre Hand auf seine, rüttelte ihn sanft: „Sebastian, hast du gehört, was ich gesagt habe?“ Gerne hätte er geantwortet „Jedes Wort, jeden Klang“, aber das würde nicht erklären, warum er nichts wusste von dem, was sie erklärt hatte. Also begannen sie von vorn und er strengte sich an, dem zu folgen, was sie an Inhalt vermitteln wollte. Es war gar nicht schwer und manchmal verstand er es sofort, gab das aber nicht preis, weil er es gerne hatte, wenn sie ihm Dinge mehrmals erklärte, mit wechselnd schönen Stimmen und leicht anderen Worten.