Y-seitig Yvonne (2/3)

Mimis Stimme war noch schöner als die der Geographielehrerin aus der siebten Klasse. Frau Klarowitz hieß sie, aber wenn er an sie dachte, fiel ihm nur ihr Vorname ein: Anna. Eine sanfte Stimme, jedoch mit einem leicht traurigen Timbre. Das Wort Timbre hatte er aus einem Kreuzworträtsel und war stolz darauf, es aktiv zu verwenden. Manchmal war ihre Traurigkeit so bedrückend, dass er ihre Stimme abschalten musste, es war sonst nicht zu ertragen. Extrem bedrückend war es an dem Tag, als die Direktorin zusammen mit Anna in die Klasse kam und sagte: Anstatt Anna Klarowitz wird euch in den nächsten Wochen Gerhard Müllerjahn in Geographie unterrichten, Frau Klarowitz muss eine Weile ins Krankenhaus. Anna sagte ihnen noch „Lebewohl“, und das tat ihm richtig, richtig weh, nicht nur wegen des Abschieds.

Eine solche Bedrückung gab es in Mimis Stimme nicht. Es kam vor, anders ist nicht vorstellbar, dass Mimi sauer, traurig oder ärgerlich (wenn auch nicht mit ihm) war, aber die Schönheit ihrer Stimme litt nicht darunter, sie hatte dann einen anderen Klang. Wenn Mimis Stimme Trauer hatte, war Sebastian auch traurig, aber es bedrückte ihn nicht.

Sebastian hatte darüber nachgedacht, wie er den Nachhilfeunterricht beibehalten könne. Würde er zu gut, würde sie denken, er brauchte sie nicht mehr. Würde er nicht besser, so würde sie verzweifeln und aufgeben. Also jonglierte er es so hin, dass er kleine Fortschritte zeigte, die Klassenarbeiten fielen besser aus, aber nicht zu gut. Von einem Ende des Unterrichts sprach niemand.

Seine Mutter hatte Sorge, dass Mimi etwas verlangen würde, und jammerte, dass sie es nicht bezahlen könnten. Sebastian überlegte, ob Mimi etwas haben wollte? Aber sie hatte nie danach gefragt. Also sagte er seiner Mutter einfach, dass Mimi Bezahlung abgelehnt habe. Seine Mutter war zwar nicht vollends zufrieden („umsonst gibt es nichts auf dieser Welt!“, einer ihrer Lieblingssprüche), aber ließ es erst einmal bleiben.

Mimi hatte sich direkt in Sebastian verguckt, als sie neu in die Klasse kam und ihn das erste Mal sah. Diese wunderbaren schönen braunen Augen, wie Schokolade, flüssige warme Schokolade, sie verstrahlten Wärme und Güte. Er war der schönste Junge, den sie kannte, aber sie wusste, dass sie keine Chance bei ihm haben würde. Ein so gutaussehender Typ würde sich gerade in sie, in Mimi, vergucken. Alle Mädchen fanden ihn toll, allerdings tuschelten sie auch, dass er ein bisschen beschränkt wäre. Und dann kicherten sie und eines der Mädchen, die körperlich schon weitentwickelt, aber auch ziemlich ordinär war und von der alle wussten, dass sie bereits, nun, man weiß ja, was schon getan hatte, und das nicht nur mit einem einzigen Jungen, sagte lachend: „He he, dumm fickt gut!“ Mimi war entsetzt, wie konnte man Sebastian für dumm halten? Er war einer der Klügsten, nicht nur der Hübscheste, den sie kannte, er hatte nur eine andere Art als die meisten Menschen, seine Klugheit zu benutzen. Und dann diese ordinäre Wortwahl für einen Jungen mit diesen Augen, unfassbar. Die anderen Mädchen grölten, aber Mimi verließ schnell die Turnhalle, sie wollte nichts mehr hören. Aber diese Hässlichkeit saß und so aß sie in der Pause eine halbe Tafel Schokolade plus dem Pausenbrot und dem dicken Stück Kuchen, das ihre Mutter ihr eingepackt hatte. Es war wie verhext, so machte sie sich natürlich alle Chancen bei Sebastian kaputt. So ein sportlicher Typ wollte gerade so eine Kugel wie sie zur Freundin, gar keine Frage!