Y-seitig Yvonne (3/3)

Nun gut, Mimi war nicht gertenschlank, aber wie Mädchen in diesem Alter – und auch noch viele Jahre später – so sind, war ihr Selbstbild deutlich schlechter als ihre wirkliche Erscheinung. Ja, sie war ein bisschen pummelig, aber es passte zu ihr. Sie war gut proportioniert, sie hatte eine Haut, wie die Heldinnen in Märchen sie haben, schöne Augen, und mancher Junge hätte gern was mit ihr angefangen, aber sie war zu verschüchtert, um diese Versuche als solche wahrzunehmen.

Sebastian war sehr klug, das hatte sie bald gemerkt, aber auch ein Träumer. Und das macht es gelegentlich schwierig in der Schule, gute Noten zu bekommen. Und da sah sie ihre Chance, wenn er schon nicht mit ihr gehen wollte, könnte sie zumindest ein paar Stunden mit ihm zusammen sein, wenn er ihr Angebot annähme. Deshalb hatte sie ihn vor drei Monaten gefragt, ob sie ihm denn in Mathe helfen könnte? Sie war ein As in Mathe, keine Frage, und erklären konnte sie auch gut.

Angefangen hatten sie mit zweimal fünfundvierzig Minuten in der Woche. Aber Sebastian sagte, er brauche einfach mehr Zeit, um alles zu verstehen, und Mimi ging nur zu gern darauf ein. Mittlerweile trafen sie sich jeden Tag, wobei sie häufig im Wald zum kleinen Fluss spazieren gingen, sie waren beide davon überzeugt, dass es sich dort besser lernen lässt.

„Sebastian, du bist irgendwie komisch heute, was ist los?“

Sebastian war erstaunt, er hatte sich doch völlig zusammengerissen. „Wie hast du das gemerkt?“

Mimi lächelte, „Ein bisschen kenne ich dich doch jetzt!“. Er nickte.

„Wir ziehen um, mein Vater hat einen neuen Job. Wir ziehen um nach München, schon in drei Wochen.“

Mimi erstarrte, die Tränen schossen ihr in die Augen. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sebastian drehte den Kopf zur Seite, er wollte nicht, dass sie sah, wie traurig er war. Leise sagte Mimi: „München ist für Nachhilfe viel zu weit, da bin ich sechs Stunden mit dem Zug unterwegs …“ und Sebastian ergänzte:

„Schau mal, selbst wenn wir uns in der Mitte treffen, fahren wie beide drei Stunden, drei hin, drei zurück.“

„Macht sechs insgesamt“, ergänzte Mimi.

Sebastian hatte schon hin- und herüberlegt, wie er hierbleiben könne. Ein Internat vielleicht? Aber da würde seine Mutter sofort rumjammern, zu teuer, sie würde ihn vermissen. Er wusste, dass er sie wiederum nicht vermissen würde.

Mimi schaute Sebastian aus den Augenwinkeln an und sah mit größter Überraschung, dass ihm die Tränen in den Augen standen. Sie wusste nicht, wo sie den Mut hernahm, da sie normalerweise noch schüchterner war als Sebastian. Sie nahm seine Hand und flüsterte:

„Wir könnten nach Australien auswandern zusammen, und ich könnte dir morgens und nachmittags Nachhilfe geben.“ Er sah sie an, so ganz direkt, was er selten tat, und flüsterte zurück:

„Dann würde ich sicher der weltbeste Mathematikschüler.“

Darüber mussten sie beide furchtbar lachen, obwohl es doch eigentlich gar nicht lustig ist. Es war ganz selbstverständlich, dass sie Hand in Hand den Fluss entlang zum Ausgang des Waldes gingen. Es war ganz selbstverständlich, dass sie sich beim Abschied umarmten und Sebastian Mimi ins Ohr flüsterte: „Ich google heute Abend mal nach Möglichkeiten, preiswert dorthin zu kommen. Und morgen planen wir alles Weitere.“

Wenige Tage später waren beide wie vom Erdboden verschluckt. Suchanzeigen, Nachfragen an Häfen und Busstationen blieben ohne Antwort. Es ist heute praktisch unmöglich für zwei Fünfzehnjährige, einfach zu verschwinden, erst recht ins Ausland, ins ferne Ausland zu gelangen, ohne dass sie eine Spur hinterlassen. Mimis Mutter behauptete steif und fest, dass „dieser unheimliche Junge“ ihrer Tochter etwas angetan haben müsse.

Der Wald, der auch eine bemerkenswert schöne Stimme hat und an einigen Punkten lichtlos sich ins Dunkle hüllt, wollte oder konnte keine Auskunft geben.