Zu Zacharias (1/4)

Zu Zacharias

Zoe mochte Zacharias. Er war alt, sehr, sehr alt, fand sie, und lebte allein in einem kleinen Häuschen am Stadtrand. „Das Häuschen ist nicht breiter als ein Handtuch“, hatte sie ihren Eltern berichtet. Das war vielleicht übertrieben, aber sie hatte diese Floskel irgendwo aufgeschnappt. Zwei Badetücher müsste man aber schon aneinanderlegen. Das Haus hatte drei Etagen, und jede Etage entsprach nur einem Zimmer. Jetzt, wo das Gehen für ihn schwierig war und die Treppen Schwerstarbeit bedeuteten, hatte er sich entschlossen, nicht mehr im obersten Zimmer zu schlafen. Er hatte sich im Wohnzimmer ein Lager auf dem Sofa bereitet. Die Toilette war nur wenige Schritte entfernt, eine Küche brauchte er schon lange nicht mehr. Neben dem Wohnzimmertisch stand so ein riesiges altes Telefon, damit rief er beim nächstgelegenen Lebensmittelladen an, die ihn netterweise belieferten. Auf der mittleren Etage waren eine große Wohnküche und ein Badezimmer. Auch diese Räume benutzte er nicht mehr, alles war so anstrengend. Er hoffte, dass Zoe bald vorbeikäme, er spürte es immer, wenn einer ihrer Besuche bevorstand. Fast schon wie ein zweites Gesicht, er kicherte. Da schellte es.

„Hab ich’s mir doch gedacht, dass sie heute kommt!“

Als er noch im Garten arbeitete, hatten Zoe und er sich kennen gelernt. Es war an einem warmen Sommerabend, er jätete Unkraut, um sich hatte er eine riesige grüne Schürze gebunden. Ab und an richtete er sich auf, fasste mit der Hand von hinten an den Rücken und stöhnte leise, während er sich streckte. Dann beugte er sich wieder herunter, um die Brennnesseln und den Giersch zu zupfen, die sich immer gerade seinen Garten aussuchten, um es sich gemütlich zu machen. Im Grunde mochte er auch diese beiden Pflanzen, aber so ein kleines Haus braucht doch einen ordentlichen kleinen Garten, war seine Überzeugung.

Als er sich wieder einmal aufrichtete, sah er ein kleines Mädchen am Gartenzaun stehen. Sie hatte dunkle, lockige Haare, seegrüne Augen und einen Daumen im Mund. Unter den anderen Arm hatte sie einen Stofflöwen geklemmt. Sie sah Zacharias aufmerksam an, aber als er sie bemerkte, war ihr das etwas peinlich. Sie überspielte diesen Augenblick, so wie sie das üblicherweise tat, mit besonderer Keckheit.

„Hallo, ich bin Zoe, und wer bist du?“

„Ich heiße Zacharias.“

Beide betrachteten sich stumm und versuchten herauszufinden, ob ihr Gegenüber ein würdiger Gesprächspartner wäre.

„Magst du Kakao, Zoe?“

Zoe machte große Augen, „Ja, sehr, sehr gerne, am liebsten mit Schokokeksen.“ Sie wusste schon, dass dies ein bisschen frech war, aber der alte Mann sah so freundlich aus, nicht wie jemand, der gleich einen Vortrag darüber hält, wie man sich als junges Mädchen benehmen muss.