Zu Zacharias (3/4)

Zoe kam anfangs ein- bis zweimal in der Woche vorbei. Zacharias erfuhr mehr von ihr: Sie ging in die zweite Klasse, ihre Schwester war noch ganz klein und ihre Mutter arbeitete halbe Tage in einer Wäscherei und verkaufte in ihrer Freizeit Kosmetikprodukte. Sie unterhielten sich angeregt, sie fragte Zacharias aus über alles und jenes, und merkte sich alles, was er ihr erzählte: Dass er jetzt in Rente war, dass seine Frau vor sieben Jahren gestorben war und dass er keine Kinder hatte. Wie sie das Haus geplant hatten, wie sie zusammen verreist waren. Dabei tranken Zoe und Zacharias Kakao im Garten. Zoe wollte gerne ins Haus, aber Zacharias war das nicht recht. Nicht, ohne dass er ihre Mutter einmal gesprochen hatte.

Eines Tages kam Zoe mit einer erwachsenen Frau am Zaun vorbei: „Halloooooo, Zacharias! Wir gehen gerade spazieren“ Zacharias stand am Fenster, sah die beiden und ging hinaus: „Guten Tag zusammen“.

Die Frau, die neben Zoe ging, musste die Mutter sein, ausreichende Ähnlichkeit war vorhanden. Sie wechselten ein paar Worte, dann gingen beide davon. Zacharias hatte die Vermutung, dass diese Frau einmal sehen wollte, wohin denn ihre Zoe verschwand. Das fand er sehr vernünftig.

Nach den Schularbeiten stand Zoe häufig auf und rief „Mama, ich bin weg!“ „Wohin gehst du?“ „Zu Zachariaaaaas!“, und damit war der kleine Wirbelwind schon weg.

Die Besuche hielt Zoe über die Jahre bei. Zoe wurde erwachsener, Zacharias wurde immer älter. Sie half ihm manchmal mit der Gartenarbeit, aber eines Tages machte er gar nichts mehr im Garten. „Es ist schön, wenn alles so wächst, wie es möchte. Schau nur die vielen Falter, Zoe!“

Zoe stand an der Mikrowelle, die mittlerweile einen Platz im Wohnzimmer hatte, und bereitete für sie beide eine Trinkschokolade zu. Eine kleine Tradition, die sie beibehalten hatten. Sie hatte Zacharias immer alles erzählt, was sie bewegte, er war ihr lebendiges Tagebuch. Daher wusste er auch, dass sie ihr Abitur gemacht hatte. Als sie das nächste Mal zu Besuch kam, stand er mühsam auf, ging zum Schrank, zog eine Schublade heraus, in der er leise murmelnd etwas suchte. Dann hatte er es wohl gefunden, kam zurück und drückte es Zoe in die Hand: „Herzlichen Glückwunsch, liebe Zoe!“

Zoe schaute auf ihre Hand, in der ein kleines Kästchen war. Sie öffnete es und blickte auf ein kurzes Halskettchen mit einer Halbedelsteinkugel. „Ist noch von meiner Frau, aber was soll’s in der Schublade?“

Zoe war gerührt und fiel Zacharias um den Hals. Sie saßen und tranken ihren Kakao und sie erzählte ihm, dass sie nun in eine andere Stadt ziehen würde, um zu studieren. Drei Stunden Zugfahrt eine Strecke. Er nickte, er verstand. Sie hatte eine Schachtel Schokokekse mitgebracht, von der sie beide einen Keks aßen. Den Rest ließ sie für ihn zurück.

Traurig war er später, als Zoe gegangen war. Leichten und frohen Schrittes wie immer.