Zu Zacharias (4/4)

Wenn Zoe während des Studiums heimkam, dauerte es nicht lange, bis sie rief „Mutti, ich gehe gerade zu Zacharias und schaue, wie’s ihm geht!“ Sie machte dann meist auch ein paar Besorgungen für ihn und sah bedrückt, dass es ihm von Monat zu Monat schlechter ging. Dabei blieb er fröhlich, auch wenn er sich kaum noch vom Sessel zum Schlafsofa bewegen konnte. Jeder Gang war mühsam. Auch die Medizin konnte ihm nicht helfen.

„Ich bin einfach zu alt!“, kicherte er dann.

Zoe ging ein halbes Jahr ins Ausland, sie hatte ein Stipendium bekommen. Sie hatte Zacharias natürlich davon erzählt und er war so stolz auf sie, das konnte man sehen. Sie schickte ihm Ansichtskarten, auch wenn er nicht mehr so gut lesen konnte, selbst mit der starken Brille nicht.

Nach der Examensfeier, einige wenige Monate später, kam sie wieder nach Hause. Ihre Mutter, mittlerweile auch schon ergraut, umarmte sie freudig. „Jetzt will ich aber zu Zacharias“, rief Zoe, zog sich ihren Mantel über, griff zu einem Schirm und stürmte hinaus. Es war ein kalter Novembertag, den ganzen Tag schon goss es wie aus Eimern, ein kalter Wind pfiff um die Häuser.

Wie es wohl ihrem alten Freund gehen würde? Hätte man ihr Bescheid gegeben, wenn sie ihn in ein Heim gebracht hätten? Sie stand vor dem Haus und klingelte. Auf ihr Betreiben hin hatte er sich eine Fernbedienung für die Tür angeschafft. Niemand öffnete. Der Garten war verwildert wie immer. Zoe beschlich ein ungutes Gefühl, war er vielleicht eines Tages eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht?

Sie ging um das kleine Haus herum, da gab es eine Hintertür, die selten verschlossen war, Zacharias vergaß es meist. Sie öffnete die Tür und blickte direkt in die verschreckten Augen eines hohläugigen hageren Mannes, in der einen Hand hielt er eine Plastiktüte, in der anderen eine Eisenstange. Ihr blieben nur noch wenige Sekunden, um den zerschmetterten Schädel von Zacharias über den Wohnzimmertisch gebeugt zu sehen, als es sie auch traf.

„Scheiße, Alter, wo kommst du denn her?“ Der Mann im grünen Parka beugte sich über Zoe und suchte nach Wertsachen. Zwanzig Euro und sonst nichts? Er grunzte. Da entdeckte er das Kettchen, er riss es Zoe vom Hals, was eine Schnittwunde an ihrem warmen toten Hals hinterließ. Er stopfte das blutige Diebesgut zu den anderen Dingen, die er bei Zacharias hatte mitgehen lassen, ein paar Schmuckstücke, wenig Geld.

„Kein sehr ergiebiger Tag, und der ganze Dreck, furchtbar.“ Es war dunkel und nass, es würde ihn niemand sehen und Spuren hatte er wohl keine hinterlassen. Es war nicht viel, aber was erwartet man auch von so einem alten Sack. Es würde für eine warme Mahlzeit und einen Schuss reichen. Fröhlich pfeifend spazierte er eine halbe Stunde später die Einkaufsstraße entlang. Es regnete nicht mehr und der Tag war gar nicht so übel gewesen, hatte er doch wahrhaftig in dem einen Beutel noch zweihundert Euro entdeckt. Es hatte sich also doch gelohnt!