Krimi to go – A (1/3)

A wie Anfang

Wenn ich einen Krimi schreiben wollte, was müsste ich dann tun?

  • Im gewünschten Milieu recherchieren
  • Charaktere erschaffen, überdenken und ausarbeiten
  • Einen Handlungsstrang konzipieren
  • Figuren illustrieren und darauf achten, dass sie konsequent geführt werden (rote Haare müssen rot bleiben usw.)
  • Punkte beachten, die mir jetzt nicht einfallen
  • Anfangen

Der Anfang ist das Tor zum Buch, das hat mir mal ein Verleger gesagt. Es stimmt: Wenn der Anfang mich nicht fesselt oder irgendwie packt, lese ich gar nicht oder nur mit einem gewissen Widerstand weiter. Wenn der Anfang passt, bin ich eher bereit, mich auf eine Geschichte einzulassen.

Natürlich hat so ein Krimi verschiedene Möglichkeiten des Einstiegs. Ich führe drei Beispiele auf:

  1. Sofortiger Einstieg in den kriminellen Akt, eine Leiche wird beschrieben oder Ähnliches
  2. Beschreibung einer völlig harmlosen Szene, die durch das Wissen, dass es sich um ein Genre mit Spannung handelt, gerade aufgrund ihrer Harmlosigkeit unheimlich wird
  3. Einstieg durch das Aufeinandertreffen von Hauptakteuren, z.B. Beschreibung eines Detektivbüros / des Kommissars im Büro usw.

So ein Anfang muss nicht sehr lang sein und kann mehr oder weniger rasch in die Haupthandlung übergehen.

(1)

Seine Augen waren weit geöffnet, als wollte er das Universum um die Beantwortung seiner dringlichen Fragen bitten. Sein rechtes Bein war merkwürdig verdreht, so wie es nicht ins Gelenk eingehängt ist. Sein halblanges Haar saß nass am Schädel, so als wäre er frisch aus der Dusche gekommen, einer Dusche aus Blut: seinem eigenen Blut. Wenn man sich über ihn beugte, konnte man die Einschussstelle noch erkennen. Über das hellgraue Hemd zog sich eine Blutspur von der Körpermitte zum rechten Arm, dort tropfte das Blut vom Körper auf den Asphalt. Der Ausgangspunkt des Blutflusses war ein Dolch, der in seinem Körper steckte. Warum würde jemand einen anderen Menschen erschießen und erstechen? Ein Rätsel. Neben dem Körper gab es Fußspuren, Reifenspuren … der Himmel war grau und schwer, und wenn nicht bald jemand die Leiche fände, würden die Spuren in Kürze durch einen heftigen Regenguss verwischt werden, es blieben nur ein wenig Blut, Dolch und die Schusswunde zurück. Es waren Schritte zu hören auf dem Asphalt, hohl und gleichzeitig schwer. Kamen oder gingen sie? War es nur ein Passant, der die nahegelegene Kreuzung überqueren wollte? Von der Kreuzung blinkte es gelb, die Stadt stellte die Ampel nachts auf Warnbetrieb, zu teuer, um in dieser kleinen Stadt die Ampelanlage am Ortsausgang rund um die Uhr eingeschaltet zu lassen. Nein, die Schritte kamen nicht näher, sie bewegten sich fort. Einsam war es hier, das nächste Haus lag noch hinter der Ampel, einige Hundert Meter entfernt, wie das hinter Ortsausgängen häufig so ist. Außerhalb der Reichweite eines Schreis, solange man vor dem Fernseher sitzt und nicht aufmerksam nach draußen lauscht. Wie lange schon lag dieser leblose Körper wohl auf der Straße? Dies zu bestimmen würde die Aufgabe der Gerichtsmedizin sein, sobald ihnen dieser Mann zur Autopsie übergeben würde. Aber wann würde das sein? Im Morgengrauen würde man ihn spätestens finden, wenn der erste Berufsverkehr sich auf der kleinen Hauptstraße zur nächstgrößeren Ortschaft schlängelt. Der massige Körper lag halb auf dem Grasstreifen, halb auf dem Asphalt, er war unübersehbar, dafür würde das Morgengrauen reichen. Die ersten schweren Tropfen lösten sich aus den Wolken. Das Geräusch eines Motorrads war entfernt zu hören und ja – es schien in diese Richtung zu kommen. Wäre es noch früh genug, um wenigstens Spuren, wenn schon nicht ein Leben zu retten?