Krimi to go – A (2/3)

(2)

Er seufzte. Sein Job als Postbote in ländlicher Gegend bot ihm zwar viel Freiheit, war aber auch recht lästig mit der ganzen Fahrerei. Manchmal wünschte er sich, in einer Stadt zu arbeiten: Da gehst du deine Strecke ab, und das war’s. So zockelte er mit dem Auto von Haus zu Haus, gelegentlich durch ein Schwätzchen oder eine Tasse Kaffee aufgehalten. Noch zwei Kilometer zum Haus von Familie Mustermann. Er fand es immer höchst amüsant, dass es wirklich Menschen gibt, die diesen Universalnamen tragen. Wie oft würden sie sich mit einem gequälten Lächeln Scherze darüber anhören müssen? Er wusste so ziemlich genau, was seine Zielkunden – wie er sie nannte – an regelmäßiger Post bekamen. Es wurde immer weniger. Wann würde überhaupt keine Post mehr verteilt, alles per elektronischer Übermittlung weitergegeben? Er wusste nicht, ob er das gut oder schlecht finden sollte. Aber so ganz ohne Zeitungen, Kataloge, Glückwunschkarten? Er schüttelte den Kopf, nein, so recht konnte er sich das nicht vorstellen. Aber hätten sich seine Eltern vorstellen können, dass man auch ohne Telefonzelle die Mutter nachts anrufen konnte „Ich habe die letzte Bahn verpasst, kannst du mich bitte abholen…“?

Noch etwa achthundert Meter. Heute hatte er für Frau Mustermann einen großen, fett gefüllten Umschlag dabei. Den Absender kannte er nicht. Nicht, dass er neugierig wäre, aber man schaut doch schon mal irgendwie zufällig auf den Umschlag, sagte er sich. Den Namen des Absenders oder der Absenderin hatte er nicht parat, er erinnerte sich jedoch später noch konkret, dass der Vorname abgekürzt war. So ein schöner wattierter Umschlag. Er mochte diese wattierten Umschläge, nicht diese harten Kartons.

Noch wenige Meter. Und dann stand er vor dem Gartentörchen im Jägerzaun, der das Grundstück abgrenzte. Er sah sich um, irgendetwas war anders als sonst. Hatten die Vögel aufgehört zu zwitschern? Oder war es die Wäsche, die im Garten schlaff von der Leine hing, als hätte sie schon vor Stunden abgehängt werden sollen? Oder war es die Tür zum Gartenhäuschen, die lose in den Angeln hing und halb geöffnet war? Ungewöhnlich für die ordentliche Familie Mustermann. Er nahm den Umschlag, die beiden Zeitschriften und den Katalog aus der Tasche. Frau Mustermann bekam regelmäßig eine Strickzeitschrift, die jüngste Tochter so ein Teenie-Blättchen. Der Werkzeugkatalog war für Herrn Mustermann. Die Familie wohnte jetzt seit acht Monaten hier, Herrn Mustermann hatte er noch nie gesehen.

Er erreichte die Tür, er klingelte, denn die Post passte nicht in den kleinen Briefkasten. Er wartete. Nichts, keine Schritte, kein lautes „Ich komme gleich!“. Als die Familie im Sommerurlaub gewesen war, hatte Frau Mustermann ihm vorher Bescheid gegeben, aber letzten Samstag, als er das letzte Mal etwas auszuliefern hatte, hatte sie nichts davon gesagt. Er klingelte ein zweites Mal. Das Fenster oben links, so fiel ihm auf, stand offen. Also musste doch jemand im Haus sein? Er beschloss, einmal hinter das Haus zu gehen, vielleicht saß Frau Mustermann mit ihrem Strickzeug im Garten und hatte Kopfhörer in den Ohren.

Er schellte ein letztes Mal, dann dreht er sich um und ging links über den Kiesweg in Richtung Garten. Als er um die Ecke bog, gefror ihm das Blut in den Adern und er wünschte sich, er hätte diesen letzten Schritt nie getan.