Krimi to go – A (3/3)

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Er saß leicht gelangweilt an seinem Schreibtisch. Sollte er wirklich den Laptop aufklappen und den Bericht tippen, der schon gestern fällig gewesen war? Ja, eine gute Idee, bitte kein Ärger mehr mit der neuen Chefin. Sie war gar nicht so übel, aber recht pedantisch, vor allem wenn es um Termine ging. Er seufzte. „Hoffentlich werde ich nach dreißig Jahren Betriebszugehörigkeit nicht mal so…“ Im Grunde arbeitete er gerne bei dieser Versicherung und hatte sich in seinen Job als „Versicherungsdetektiv“ gut eingearbeitet. Es machte Spaß, es forderte die Kombinationsgabe, aber es verstärkte auch ganz allgemein das Misstrauen Mitmenschen gegenüber. Andererseits befreite es ihn vom Schreibtisch, den er nicht besonders mochte.

Nun ja, es kam kein befreiender Anruf, die Chefin blieb in ihrem Büro, niemand klopfte an seine Tür. Er schielte in seine Kaffeetasse, auch noch halbvoll, also wirklich kein Grund, das Büro zu verlassen und sich einen Kaffee zu holen. Der Kollege war seit zwei Wochen krank, also gab es einfach nichts, was ihn ablenkte. Seufzend klappte er den Laptop auf und wartete, bis das Betriebssystem hochgelaufen war. Puh, das ging schnell. Er ordnete den Blätterstapel rechts vom Gerät und öffnete die Vorlage. Einmal drin im Schreiben, rutschte es immer ganz gut, und so war er dann auch leicht verärgert, als es an die Tür klopfte. „Ja bitte?“ rief er etwas unwirscher, als es gemeint war.

Eine junge Frau steckte den Kopf durch die Tür, schaute ihn überrascht an, trat halb herein und sagte: „Entschuldigung, bin ich hier falsch? Wenn ich störe, tut mir leid!“

Er taxierte sie kurz, das gehört zum Beruf. Mittelgroß, mittelschlank, mittelhübsch. Das war die Schublade, in die er sie packen konnte. Natürlich: Mittellange brünette Haare, so etwas mehr als kinnlang. „Wo wollen Sie denn hin?“

Die Frau kam herein. „Zu einer Stelle, die sich mit Versicherungsbetrug beschäftigt. Ein Herr Dubczik soll dafür zuständig sein, der Name steht auch auf der Tür?“ Sie sah ihn fragend an.

„Ja, das bin ich, sorry, wenn ich etwas barsch war – ich war gerade in einen wichtigen Bericht vertieft.“ Die Frau war offensichtlich beeindruckt und er beglückwünschte sich, das Wort „wichtig“ in diese Erklärung eingebaut zu haben. Er lud sie mit einer Geste ein, sich auf den kleinen roten Sessel auf der anderen Seite des Schreibtischs zu setzen. Sie nickte kurz „Danke“, zog ihren beigen Mantel etwas hoch und setzte sich. Ihm fiel sofort auf, dass sie nicht die Beine übereinanderschlug, wie Frauen das meist machen. Sie kreuzte die Beine im männlichen Stil, wie sie das im Vor-Jeans-Zeitalter nie getan hätte. Jeans – keine besonders teure Marke, jedoch auch kein Sonderangebot. Das Sweatshirt, das er durch den halboffenen Mantel sehen konnte, gute Qualität, ein witziger Spruch, etwas Glitter, weder billig noch teuer. Den Mantel hatte sie vermutlich in einem besseren großen Laden gekauft, keine Boutique-Ware, aber auch kein Ramsch. Hatte er hier das Mittelmaß in Person vor sich sitzen?

„Was kann ich für Sie tun?“

Sie betrachtete ihr Gegenüber. Ein netter junger Mann, eventuell noch etwas zu jung für diesen Beruf? Sie taxierte ihn innerlich, ein wenig Mittelmaß, dachte sie. Er würde ihr auf der Straße nicht auffallen, weder positiv noch negativ. Er war ganz gut angezogen, aber sicherlich hatte er in diesen Anzug kein Monatsgehalt investiert. Sein Lächeln war allerdings sehr nett, sie lächelte und dachte „Das ist schon Obergrenze Mittelmaß“. Genug beobachtet, sie hatte nicht den ganzen Tag Zeit. Sie griff zu ihrem Lederrucksack, den sie die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, und holte ein Papier heraus. „Schauen Sie selbst“, und schob es ihm über den Schreibtisch zu. Er schaute darauf, sah das Foto, las den kurzen Text und pfiff durch die Zähne. Er blickte hoch: „Das kann doch nicht sein!“

„Deswegen bin ich gekommen. Ich sollte mich vielleicht vorstellen, ich bin seine Großkusine!“

Das war interessant. Man kennt diese Fotos, die beim Überfahren einer Kreuzung bei Rot oder zu schnellem Davonsausen gemacht wurden. Selten ist der Fahrer günstig getroffen, aber meist deutlich erkennbar. So auch hier. Das Foto war eindeutig, das Datum auch. Es wurde interessant.