Krimi to go – B wie Blut (1/2)

B wie Blut

Es gibt gute Krimis auch ganz ohne Blut, ohne Zweifel. Da ich selbst kein Blut sehen kann, bei Erzählungen davon schon ein mulmiges Gefühl bekomme und beim Fernsehen von Ärzteserien und entsprechenden Krimis gerne auch Löcher in das nächstgelegene Regal starre, würde ich selbst nicht so gerne von Blutlachen sprechen. Andererseits finde ich so ein bisschen von der roten Suppe schon wichtig, denn vieles lässt sich heute kriminaltechnisch aus Blut feststellen, Krankheiten, DNA-Spuren und was es da noch so alles gibt.

Hier setzt der Punkt ein, wo ich ordentlich recherchieren müsste. Und ganz ehrlich: Das lockt mich nicht. Manchmal denke ich, dass ich deshalb niemals einen „vernünftigen“ Thriller, Krimi oder auch andere Form von Roman werde schreiben können, weil ich den Hintergrund nicht wirklich ausleuchte, sondern mich mit Informationen aus zweiter Hand begnüge. Diese Informationen habe ich aus anderen Krimis, dem Fernsehen oder allenfalls noch Wikipedia. Wissenschaftlich ist das schon gar nicht und auch erzähltechnisch nicht besonders gelungen. Nichts ist doch peinlicher, als wenn man ein Berufsfeld falsch beschreibt, nicht einmal die Dienstränge bei der Polizei richtig hinbekommt. Insoweit würde mir so ein Fantasyroman mehr liegen, da muss ich nur die Handlung und die Konsequenz beachten.

Es gibt verschiedene Beispiel dafür, warum Fernseh- bzw. Pressewissen und Realität einfach auseinanderklaffen. Wer weiß es nicht, dass eine Lebensversicherung bei Selbstmord nicht zahlt und daher ein Selbstmord des totkranken Vaters zur Rettung der Familie seine Angehörigen tragischerweise dennoch verarmen lässt? Nur, dass dies leider nicht stimmt, ich weiß es aus dem persönlichen Umfeld. Mein Vater hat sich selbst das Leiden verkürzt, ganz offensichtlich, also es wurde nicht als „normaler Tod“ verschleiert. Dennoch bekam meine Mutter die Summe der Lebensversicherung voll ausgezahlt. Es gibt halt meist nur eine Sperrfrist von zwei Jahren – verständlich, denn wenn ich eine Versicherung mein Eigen nennen würde, hätte ich auch keine Lust auf Kunden, die auf einen Selbstmord spekulieren.

Zurück zum Blut. Ein wenig darf sein, es darf an der passenden Stelle strömen oder eine Lache um die Leiche bilden. Das gehört zur Atmosphäre. Aber ich muss als Autor nicht Stunden und Seiten mit der Beschreibung von Leichen und ihren Wunden verbringen. Ich mag zum Beispiel diese ganzen forensischen Untersuchungen mit ihren gruseligen Details nicht. Ich muss nicht sehen, wie eine Leiche nach der Autopsie wieder notdürftig zusammengenäht wird. Ich bin nur froh, dass in meiner Kindheit und Jugend im Fernsehen der Umgang mit Wunden und Blut wesentlich zurückhaltender war. Wenn ich mir das alles hätte anschauen müssen, was da heute so über den Bildschirm tropft, ich hätte sicherlich ein schweres Trauma davongetragen.

Es würde also bluten in meinem Thriller, und zwar da, wo ich es für nötig halte, ohne dass es die Stimmung dominiert. Das Subtile ist heute nicht mehr gefragt, wer nicht eine oder zwei zerhackte Leichen detailliert beschreibt, ist wohl nicht mehr gerne gelesen? Dies ist ein weiterer Grund, warum mein Thriller, wenn ich ihn denn schriebe, zur Unverkäuflichkeit verdammt wäre. Vielleicht würde ihn, wenn die Idee gut sein sollte, ein Drehbuchautor aufgreifen und mit den nötigen Brutalitäten, Gewalttätigkeiten und „Blutergüssen“ publikumsnah aufpäppeln. Es ist nur noch die Frage, wie hoch die Summe ist, damit ich das ertragen kann. Wie bestechlich bin ich? Solange ich mir das Machblutwerk dann später nicht anschauen muss, sollte ein Milliönchen reichen.

Auch Bestechlichkeit beginnt mit B. Leider finde ich Bestechlichkeit ziemlich langweilig, vielleicht, weil sie so lebensnah ist. Brutalität gehört zum B, aber auch das mag ich nicht, weder brachiale Brutalität noch verhaltene über die Psychomasche. So hat der Film Clockwork Orange mich jahrelang verfolgt. Das brauche ich nicht auch noch selbst zu fabrizieren.

Wenn schon Blut, ergibt sich auch die Frage: Wie viele Leichen muss es geben? Reicht eine am Anfang für die ganze Geschichte? Oder ist es wie bei Inspektor Barnaby, bei dem immer eine Leiche auf die andere folgt? Mindestens zwei werden es dort, meist drei und gelegentlich vier, bis alle Verdächtigen einfach tot sind. Das vereinfacht die Aufklärung. Beides hat seinen Reiz. „Nur“ eine Leiche erfordert Handlungsnebenstränge, die den Leser wachhalten, das Geflecht der Geschichte muss dichter sein. Mehrere Leichen geben eine gute Sequenz vor und helfen dem Leser bei der Aufklärung, bevor der Autor sie auswalzt. Da ich selbst, wenn ich einen Krimi lese, immer auf den letzten Seiten anfange, damit die unerträgliche Spannung mir nicht das normale Lesetempo nimmt und ich nur noch den Text überfliege, wäre auch zu fragen, ob ich vielleicht gleich das letzte Kapitel an den Beginn setzen könnten. Dies sei für Zeiten verwahrt, wenn ich dann – theoretisch – das Erzählen beherrsche und auch einmal neue Pfade begehen kann.

Wie auch immer, bieten meine Beispielanfänge gute Aderlässe. Bei Anfang 1 ist es schon vorhanden, bei Anfang 2 erwarten wir alle, dass der Postbote beim Eintritt in den Garten jede Menge Blut sieht. Und im letzten, dem Versicherungsfall, liegt die Blutlache förmlich schon auf dem Schreibtisch, wenn dort von einem „Toten“ gesprochen wird. Auch wenn er schon länger im Grab oder einem Kolumbarium zu liegen scheint, wird er vielleicht exhumiert, was natürlich nur mit einem Grab, nicht dem humuslosen Kolumbarium funktioniert. Vielleicht könnte irgendwo noch eine Blutprobe von ihm umherschwirren. Und wenn man die Geschichte gar nicht dahin bekommt, dass die erste Leiche Blut lässt, kommt eben eine zweite Leiche hinzu. Da möchte ich natürlich nicht unsere beiden Bis-Jetzt-Protagonisten heranziehen, zu sympathisch sind sie mir schon. Vielleicht die nette, aber ach-so-genaue Chefin? Auch wenn mir jetzt nicht einfällt, warum so eine Abteilungsleiterin blutig dran glauben muss, so gibt es da bestimmt Möglichkeiten. Im Zweifelsfall kann immer die Mafia dafür herhalten, obwohl ich eigentlich niemals Krimi mit der Mafia lese und außer „Dem Paten“ auch nicht sehen mag.