Krimi to go – F (2/2)

Kirstin trägt einen Hut mit schwarzem Schleier. Das kenne ich auch nur aus Filmen. Wer trägt denn ernsthaft noch einen Hut mit schwarzem Schleier bei einer Beerdigung, auf der kaum noch überhaupt Schwarz getragen wird? Auch muss ich mir langsam Gedanken machen, ob Caesar evangelisch, katholisch oder konfessionslos ist. Das bestimmt zum einen die Art des Friedhofs und zum anderen, wer die Grabrede hält. Ich denke, Caesar ist konfessionslos, dazu weiß ich etwas, denn ich habe bei der Beerdigung meines Großvaters schon eine überaus peinliche Grabrede eines bestellten Redners gehört. Nicht einmal den Namen bekam er richtig hin… Also wird der Grabredner in diesem Buch auch schwülstig reden (Elaine verdreht ständig die Augen) und gelegentlich „Herr Meyer“ statt „Herr Beyer“ sagen. Ansonsten beschränkt er sich auf „der liebe Verstorbene“ – und wer weiß, wer da die Augen verdreht? Der Mörder mit Sicherheit. Naomi, die Kleinste, weint wieder herzergreifend. Andererseits könnten auch Sandra und Boris die Hauptgestalten der Beerdigung sein, ich habe mich noch nicht entschieden. Sandra würde ein atemberaubend teures Kleid tragen, Boris würde von einem Fuß auf den anderen treten, weil er sich unwohl fühlt.

Die Friedhofsstimmung lässt mich von der zweiten Ehefrau und ihrem Geliebten Abstand nehmen. Lassen wir Caesar mit Kirstin verheiratet sein. Kirstin trägt einen dunklen Hosenanzug, dazu eine dunkelblaue Jacke, es regnet nicht! Die Kinder tragen zwar gedeckte Farben, aber so viele schwarze Dinge haben sie einfach nicht im Kleiderschrank. Die Beerdigung ist gut besucht, denn Caesar Beyer war Sparkassenleiter einer kleinen Sparkasse in einem Vorort einer großen Stadt. Ja, es ist Köln, das kenne ich ein wenig aus meiner Studienzeit und muss nicht tausend Filme über Berlin schauen, bevor ich die Sparkasse dort platziere.

Warum trägt ein Sparkassenleiter Juwelen mit sich herum? War er unlauter und hat die Schließfächer geräubert? Oder war das sein erspartes Vermögen? Diese Frage wäre zu klären, falls dieser Krimi je geschrieben würde.

Ein Friedhof könnte auch im Falle Mustermann eine wichtige Rolle spielen. Ich könnte das parallel laufen lassen wie im Fall Beyer, nur dass hier Herr Mustermann als Witwer mit den Kindern dumm herumsteht. Es könnte auch die ganze Familie ermordet worden sein, dann ergäbe sich ein anderes Bild. Herr Mustermann war IT-Manager und die Frage steht im Raum, ob die Ermordung der Familie vielleicht etwas mit Datenschutz oder anderweitigen bahnbrechenden IT-Erfindungen zu tun hat. Wobei hier als Raum die Friedhofskapelle zu wählen wäre, denn Familie Mustermann gehört zumindest auf dem Papier zu den Protestanten. Gerne würde ich sie der neuapostolischen Kirche zuordnen (dort gibt es einen Pokestop für mich), aber davon habe ich gar keine Ahnung. Recherche würde drohen, die dann noch nicht einmal zum Ziel führt, weil die Konfession auf keinen Fall etwas mit dem Mord / den Morden zu tun hat. Hellerwiesen und der Postbote sind natürlich gekommen. Es wird getuschelt, dass Hellerwiesen nur gekommen ist, um ein größeres Erbe anzutreten, das ebenfalls im Zentrum vieler Gerüchte steht. Im Prinzip ist das Erbe nur eine kleine Lebensversicherung und das Haus. Würde ein Leichtfuß wie Hellerwiesen überhaupt in einem Hause wohnen wollen, in dem seine Schwester samt Anhang ermordet worden waren? Wobei ich mich ganz automatisch dafür entschieden habe, dass die ganze Familie Mustermann dran glauben musste. Ein schauriges Bild! Von Herrn Mustermann sind einige Kollegen zur Beerdigung erschienen, zwei Freundinnen von Frau Mustermann und die gesamten Schulklassen der beiden Kinder. Es werden sowieso am Zaun des Hauses Unmengen von Blumen, Kerzen und Teddybären abgelagert. So ein tragischer Todesfall ist eine gute Deponie für überflüssigen Kleinkram.

Für die Polizei ist Caesar Hellerwiesen der Hauptverdächtige. Wir erkennen an seinem normalerweise fröhlichen Lächeln, dem schwer zu bändigenden blonden Haar usw., dass er es nicht sein wird, sondern eher einer romantischen Verstrickung erliegen wird. Vielleicht lasse ich ihn zusammen mit dem traumatisierten Postboten Motiv und Mörder finden? Caesar hat keinen festen Job, das Fitness-Center läuft laut Gerüchteküche nicht mehr so recht und der Postbote nimmt sich eine Auszeit, vielleicht wartet sowieso ein Sabbatjahr auf ihn. In diesem Fall muss er nun einen Namen haben. Martin Schröter? Das klingt gut und lässt ihn etwas älter erscheinen als Caesar. Die beiden geben ein prima Duo aus Leichtsinnigkeit und Behäbigkeit. Er ist sechsundfünfzig Jahre alt. Wenn nun noch die romantische Verstrickung von Caesar hinzugenommen wird – da könnten die drei zusammen am Ende eine Detektei gründen. Sozusagen wäre dies der Einstieg in eine Krimiserie. Die zukünftige Freundin von Caesar ist Computerexpertin (und heißt Klara-Anna Schwesig), was Raum lässt für Martins Frau, die an der Rezeption sitzen wird. Bingo!