Krimi To Go – I (wie in in) (1/2)

I wie Igel

Was hat ein Igel in einem Thriller zu suchen? Nun, er könnte den entscheidenden Hinweis geben. Natürlich nicht, indem er sich auf die Hinterbeine stellt und einen Vortrag über Mordwaffen hält oder am Hosenbein des Täters schnüffelt, das wäre zu plump. Er könnte durchaus eine Rolle spielen und das sogar, ohne dass ich großartig über Igel recherchieren müsste. Zum Beispiel könnte derjenige, der den Fall letztendlich löst, beim Betrachten einer süßen kleinen Igelfamilie den entscheidenden Gedankenblitz bekommen. Oder die Igelstacheln lösen ein ähnliches Denkmuster aus. Es wäre auch einmal ein neuer Aspekt, soweit ich weiß, hat ein Igel noch nie eine besonders große Rolle in einem Kriminalfall gespielt. Wobei ich darauf hinweisen möchte, dass ich keine Expertin in Sachen Krimi bin und auch nicht so viele gelesen habe, vor allem nicht in letzter Zeit. Aber ein Titel wie „Der Igel bringt es an den Tag“ weckt doch Assoziationen zu einem anderen Titel, nämlich einer Ballade von Adelbert von Chamisso (im Internet einfach zu finden). Dort geht es um einen Mord, wo der Mörder ziemlich dämlich ist, weil er ständig so geheimnisvoll brabbelt „Du bringst es nicht an den Tag“, während er in die Sonne guckt, und die zufällig anwesende junge Frau ihn schließlich zum Sprechen bringt. Seine gerechte Strafe findet er auch. Nun macht es wenig Sinn, in der modernen Zeit einen Mörder auf eine Gartenbank zu setzen, der mit finsterer Miene eine Igelfamilie anfährt: „Ihr bringt es nicht an den Tag“, mit derben Stiefeln nach den süßen Kleinen tritt, wobei er beobachtet wird und ihm schließlich das Geheimnis entwunden wird. Nein, das gefällt mir nicht, das ist zu sehr an Chamisso angelehnt.

Eine andere Möglichkeit wäre ein brutaler Mörder, der in einer Waldhütte haust, ein richtig verschlossener Typ, der vor keiner Grausamkeit zurückscheut, sich gleichzeitig rührend-widerwillig um verwaiste kleine Igelkinder kümmert. Er könnte mit ihnen reden und dabei sein Geheimnis oder zumindest einen Hinweis herausplappern. In der Optik stelle ich ihn mir vor wie den versoffenen Vater von Anna, der einstigen Freundin des Bergdoktors in der gleichnamigen Fernsehserie. Noch besser wäre natürlich, wenn Frau Mustermann, während sie im Garten sitzt, kreischt, als eine Igelfamilie – die Igelfamilie! – vorbeizieht und ein Buch nach ihnen wirft. Einfach weil sie üble Laune hat, nicht, weil sie im Grunde einen Igelhass hat. Der Mörder, wie immer in grimmiger Stimmung, gerade mit der Kündigung für seine Waldhütte in der Tasche und voller Zorn, hört und sieht dies und lässt seine Aggressionen in einem Ausbruch unglaublicher Gewalt an Frau Mustermann aus. Einmal Blut gerochen, nimmt seine Wut ihren weiteren Lauf und der Rest der Familie muss dran glauben, ebenso die Einrichtung. Wem das zu weit hergeholt scheint: Es gibt so viele Dinge im echten Leben, bei denen wir ausrufen „Das hätten wir in einem Film für unglaubwürdig gehalten!“, somit das ist nachvollziehbar.

Dann gibt es natürlich noch IGeL – medizinische Leistungen, die man in der Arztpraxis selbst bezahlen muss, ausgeschrieben: Individuelle Gesundheitsleistungen. Dies brächte einen Mediziner in den Krimi. Heute sind das meist Forensiker, also Gerichtsmediziner, wie ich das Wort noch von früher kenne. Diese werden kaum IGeL-Leistungen an den autopsierten Leichnamen vollbringen. Also muss es ein anderer Arzt, oder eine andere Ärztin sein. Ja, vielleicht bringen wir einen Frauenarzt ins Spiel, der regelmäßig überhöht seine IGeL-Leistungen abrechnet. Und nun trifft es sich, dass Frau Mustermann – was wir bisher noch nicht wussten – Arzthelferin in dieser Praxis ist. Sie ist auch für die Abrechnungen verantwortlich und bekommt Wind von den Ungereimtheiten in Sachen IGeL. Nun sind ein paar Euro oder ein paar Tausend Euro zu viel abgerechnet nicht unbedingt der Grund für einen Mord. Vielleicht hat er sich speziell an seinen Patientinnen, die IGeL-Leistungen in Anspruch genommen haben, vergangen? Oder vielleicht ist er nicht der Mörder, sondern nur vorübergehend verdächtig, weil beobachtet wurde, dass Frau Mustermann und er heftig über diese IGeL streiten. Sie hat bzw. hatte das Herz auf dem rechten Fleck und war nicht der Meinung, dass jede Frau fünf Mal im Jahr eine Mammographie über sich ergehen lassen muss, nur damit die Oldtimer-Sammlung ihres Chefs um ein weiteres Exemplar wachsen sollte.