Krimi to Go – J (1/2)

J wie jäher Bruch

Dramatische Spannung lässt sich gut erzeugen, indem in einer Geschichte plötzlich ein Bruch erzeugt wird. Da wäre zum Beispiel ein Perspektivenwechsel. In allen drei Geschichten ist das einfach, indem einfach eine der betroffenen Personen zum Ich-Erzähler wird. Der Ich-Erzähler kann sich zum Laien-Detektiv wandeln, der Ich-Erzähler kann – mit nochmals folgendem Perspektivwechsel – selbst zum nächsten Mordopfer werden, oder der Ich-Erzähler ist, wie jetzt niemanden mehr überraschen wird, der Mörder.

Drei Möglichkeiten passen hervorragend zu drei parallelen Geschichten, jeder Geschichte wird einer der drei Perspektivwechsel zugeordnet. Ich könnte dabei die Reihenfolge wählen, in der ich die Möglichkeiten im vorigen Absatz aufgezählt habe. Das hieße, dass nach dem blutrünstigen Ende von der kompletten Familie Mustermann ein weiteres Opfer auftauchen muss. Das finde ich verfehlt. Also wird kurzum das weitere Opfer der Beyerschen Verzwickung zugeordnet.

Wenn ich in meine Tabelle schaue, kommen für mich nur drei Möglichkeiten in Frage: Sandra (die zweite Frau von Caesar Beyer), Boris (ihr Geliebter) und die Omi (die zwei der Mustermannschen Kinder am Tag der Tat bei sich hat). Ist die Geschichte bisher so aufgebaut, dass Boris der Mörder sein könnte, wäre er als nächstes Mordopfer sehr gut, weil die Leser dann ratlos sind, da sie den vielen Finten auf den Leim gegangen sind und glauben, dass der gute Boris die Familie umgenietet / abgestochen hat, weil er über seine Geliebte an das Geld will.

Der Schwenk zu Boris setzt an dem Punkt ein, wo er Sandra kennenlernte. Am besten auf einer großen Party, sie stehen im Licht des Feuerwerks zu Beyers Dienstjubiläum, haben Sektgläser in der Hand und fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Boris als Ich-Erzähler kann nun berichten, wie er dieser Anziehung nicht widerstehen kann, obwohl er möchte. Wir verfolgen ihn durch einen Teil der Geschichte und ich mache ihn in ganz sanftem Übergang zu einem Sympathieträger (traurige Kindheit ist immer gut). Da ich zwei verschiedene Mörder in einer Geschichte nicht mag, muss eine Verbindung zwischen Caesar und Boris her. Vielleicht hat Caesar ihm geschäftlich voll vertraut, da er nichts von dem ernsthaften Geplänkel zwischen seiner Frau und Boris wusste. Caesar trug an dem verhängnisvollen Abend nur einen Teil der Juwelen, die im Zentrum als Mordmotiv stehen (zu dem ich sie gerade jetzt erkoren habe), bei sich, den Rest hatte er Boris anvertraut. Dieser lebt nun seit dem Mord an seinem Geschäftsfreund in ständiger Angst, weil er weiß, dass der/die Mörder nicht ruhen werden, bevor sie nicht auch den Rest der Steine in ihrem Besitz wissen. Wir sehen ihn angstvoll in der Wohnung sitzen, die Rollläden dicht geschlossen, als es klingelt. Er atmet schwer, will nicht öffnen, denkt dann aber, es könnte vielleicht Sandra sein. Er geht zur Tür, um zu rufen „Sandra, bist du es?“, als ein Schuss aus einer großkalibrigen Waffe (was immer das bedeutet, klingt aber gut) ihn durch die Tür trifft und zu Boden stürzen lässt.

Das finde ich so recht ordentlich, denn die Omi als Ich-Erzählerin würde zu viel aus ihrer Jugend erzählen und wir müssten die ganze traurige Geschichte ihrer Ehe miterleben, das Buch würde fünfhundert Seiten stark, nur wegen der geschwätzigen, wenn auch lieben Omi. Sandra könnte natürlich als Ich-Erzählerin prickelnde Details aus ihrem vorehelichen Leben als „Gesellschafterin“ berichten. Sie in eine Stripteasebar zu verschieben, ist mir zu billig. Mir scheint Boris die beste Wahl.

Die Möglichkeit des Hobbydetektivs ist bereits skizziert, weiter oben habe ich Caesar Hellerwiesen in die Richtung gestupst, zusammen mit Klara-Anna. Er hat die nötige breite Lebenserfahrung, die Gewitztheit, denn er findet sich in allen Lebenslagen zurecht, das freundliche Auftreten usw. Da muss ich gar nicht mehr viel formen, die Frage, die bleibt ist: Geht die Perspektive nach dem ersten Wechsel nochmals in die erzählerische Form zurück, oder führt Caesar uns bis zur Auflösung? Als Mensch mit Hang zur Symmetrie würde es mir besser gefallen, dass die Ich-Caesar-Form in der Mitte steht, umrahmt von zwei Erzählformen.