Krimi to Go – J (2/2)

Wir erfahren ein bisschen von ihm selbst, was denn so in seiner Jugend passiert ist. Das ist einfach wichtig, um zu wissen, was ihn so anders geformt hat als seine Verwandte Frau Mustermann, die mit Leichtlebigkeit nicht viel im Sinn hat, oder vielleicht nicht mehr im Sinn hat? Die Ich-Form bietet sich einmal sehr gut an, um seinen Hintergrund zu durchleuchten, aber auch um den Wandel zu zeigen: vom anscheinend oberflächlichen Tu-Wenig-Gut zu einem ernsthaften Suchenden, der aufgrund seiner Gewitztheit daraus gleich einen Beruf machen wird. Das bietet zwischen der Spannung auch ein bisschen Tiefgang. Auch lässt sich hier gut einbauen, wie ihn Klara-Anna immer mehr in ihren Bann zieht. Sein Herz klopft für uns viel lauter, wenn er es uns selbst sagt. Vielleicht lässt er sich sogar soweit in seine Seele schauen, dass wir lernen, dass es eigentlich nur ein wenig Schüchternheit ist, die ihn – um sie zu verbergen – manchmal so ein wenig großmäulig erscheinen lässt.

„Diese Frau ist einfach umwerfend, ich finde sie jeden Tag netter. Aber sie hat so einen Blick, den ich nicht deuten kann. Findet sie mich lächerlich, weil ich manchmal so viel rede? Denkt sie, ich bin ein Hohlkopf? Wird sie entsetzt an das andere Ende der Bank rücken, wenn ich gleich hier, jetzt, im Park ein wenig näher rücke? Ich kann schon ihren geringschätzenden Blick sehen und die kalte Stimme hören ‚Caesar, bitte, wir wollen doch die Lösung des Falls nicht mit Privatem vermengen!‘. Schon wenn ich mir das vorstelle, wird mir leicht … unbehaglich. Ups, jetzt habe ich gar nicht richtig zugehört, was sie gesagt hat. Wenn ich jetzt einfach sage, ‚Ja, Anna, da hast du natürlich Recht‘, runzelt sie vielleicht die Stirn, weil sie einen Scherz gemacht hat – ihr Humor ist so wunderbar – und ich so blöde reagiere. Hmmm, sie hat so eine Art, das macht mich ganz nervös. Wenn sie lacht und dabei den Kopf so ein wenig zur Seite legt, dann könnte ich platzen. Albern, albern, ich bin zu alt für so eine jungenhafte Verliebtheit. Hat sie eigentlich überhaupt etwas gesagt, kann es sein, dass wir uns die ganze Zeit nur angesehen haben? Oh, Mann, hoffentlich bekomme ich jetzt nicht noch einen Schluckauf…“

Wird ein Protagonist zu einem Hobbydetektiv, muss die Polizei ein wenig dümmlich vorgehen. Einseitig, mit Vorurteilen, falsche Schlüsse ziehen. Jetzt haben wir Mordopfer, Polizei, zwei Hobbydetektive – aber noch keinen Verdächtigen. Was ein Hinweis auf den Buchstaben V sein kann.

Für den Perspektivwechsel mit dem Versicherungsbetrug bleibt dann nur noch der Mörder. Wobei wir noch gar keinen Mord haben, sondern nur einen Versicherungsbetrug. Das ist insoweit günstig – ich will an dieser Stelle den Mörder noch gar nicht verraten! -, als wir die Perspektive nicht auf den Mörder, sondern auf den Versicherungsbetrüger richten können. Das ist genial – also nicht von mir, sondern vom Lauf des Krimis her – es vereint die Täter-Ichform mit der Mordopfer-Ichform, denn ein Mordopfer muss es geben, sonst langweilt sich jeder, wenn er schon „Versicherungsbetrug“ liest.  Wir erfahren dann aus der Ich-Sicht, warum Manfred sich zu dieser Tat genötigt sah, denn er ist mit Sicherheit bei diesem Namen kein Gewohnheitsverbrecher. Schulden, weil zu großkotzig gelebt, oder eine teure Scheidung, ein Geschäft, das er in den Sand gesetzt hat, die Familie nervt ihn nur, er will einfach das viele Geld, um sich woanders eine neue, „saubere“ Existenz aufzubauen. Während er uns sein Schicksal vor Augen führt, indem er über die Vergangenheit nachdenkt, können gleichzeitig ein paar Verdächtige eingeführt werden. Wenn ich so darüber nachsinne, passt zu einem Manfred, dass er nach Austritt aus dem Beamtendasein (er war Lehrer) einen Laden mit teuren Oldtimern eröffnet hat, der leider nicht den Gewinn abwirft, den Manfred sich erträumt hat. Er hat sich in das Unterfangen gestürzt, ohne einen Business-Plan zu erstellen, hat das Häuschen seiner Eltern für den Kredit als Sicherheit hinterlegt und sich außerdem noch von seiner Frau eine Bürgschaft geben lassen (sie verfügt über ein kleines Erbe). Oh, weh, als das alles den Bach runtergeht, weiß er, dass er sich bei seinen Eltern nicht mehr mit gutem Gewissen wird blicken lassen können und ihn seine Frau sowieso vor die Tür setzt. Mit der Million unterm Arm lässt sich in Thailand oder Brasilien, so denkt er sich, gewisslich eine passable Existenz aufbauen. Wir blättern mit ihm durch Reisekataloge, vergleichen Flugpreise, recherchieren, wo es falsche Papiere gibt, überlegen mit ihm, wie er seinen Tod gestalten kann. Wir werden ihn jedoch nicht in der Ichform bis zu seinem wirklichen Tod begleiten, habe ich mir gerade überlegt, weil das dann doch an die Variante 1 stößt. Andererseits habe ich es nicht geschafft, die Erzählerperspektive dem Mörder selbst in die Hand zu geben. Mich stört das irgendwie doch. Und manchmal gehen Geschichten auch ihren eigenen Weg, sorry.