Krimi to Go – L (1/2)

L wie Lust, Lavendelduft und Luxusschlitten

Es ist jetzt an der Zeit, dass ein Wort für einen Buchstaben nicht mehr über alle drei Fälle gegossen wird, sondern zur Abwechslung jede Geschichte einen einzelnen Buchstaben erhält.

L wie Lust ordne ich der ersten Geschichte zu. Das bietet sich an, weil es eheliche und uneheliche Verwicklungen gibt, einen Hinweis auf Sandras dubiose Vergangenheit habe ich bereits gegeben. Jeder weiß: Sex sells, und wie soll ich einen Bestseller schreiben, dessen Verfilmung in fünfundzwanzig unmoralische Länder verkauft wird, wenn ich nicht ein wenig Lust mit an Bord nehme? Bord liegt sowieso nur zwei Phoneme bzw. der Buchstaben vom Bordell entfernt, nämlich e und l. L im Doppel ist quasi Doppellust oder das Sinnbild für zwei Brüste. Puh, es wird warm.

So warm wurde es auch Caesar Beyer, als er Sandra zum ersten Mal begegnete. Er war in Rotterdam bei Geschäftsfreunden, geladen waren auch einige Damen von mehr oder weniger zweifelhaft-eindeutiger Gesinnung. Schon beim Essen konnte er kaum die Augen von seiner weiblichen Begleitung abwenden, am liebsten hätte er sie gleich am Tisch vernascht statt des Desserts. Er dachte an Kirstin, so viele Jahre war er ihr treu geblieben, obwohl es durchaus lustvolle Angebote gegeben hatte. Aber zum Moralisieren hatte er nun keine Lust mehr. Sandra war sich seiner Aufmerksamkeit durchaus bewusst und gestattete ihm so manchen tiefen Blick in ihr sich dezent öffnendes Dekolleté, wenn sie sich herabbeugte. Sie sorgte dafür, dass ihre langen blonden Haare seinen Arm streiften, als sie sich neben ihn setzte. Sie hatte sich vor zwei Wochen entschieden, solide zu werden. Zwar gehörte sie zu einem Edeletablissement, aber die Männer waren dennoch vom selben Trieb getrieben wie die Besucher einfacherer Häuser. Ihr machte es nichts mehr aus, sie sagte sich – egal, wer drüber rutscht, Hauptsache die Kohle stimmt. Lust und Vergnügen zu heucheln gehört zum Geschäft. Der Verdienst war gut, vor allem im Verhältnis zur Arbeitszeit. In dieser Klasse waren auch die Zuhälter eher von Klasse. Sandra brauchte nur einhunderttausend Euro, um sich freizukaufen, hatte ihr Micha gesagt. Ihr fehlte nicht mehr von an der geforderten Summe und so hielt sie Ausschau nach dem passenden Mann. Sie war dabei durchaus wählerisch, nur Geld reichte nicht. Er sollte schon kultiviert, optisch nett bis erträglich und auch ein wenig lustbetont sein. Sie lächelte, sie wollte nicht zur Nonne werden. Und sie wollte es schon ein paar Jahre aushalten, und sei es nur aus Dankbarkeit. Sie war ja schließlich fair.

So kam es, wie von ihr geplant und von Caesar zwar nicht lange erwünscht, aber beim Espresso kaum aushaltbar ersehnt. Sandra gab später im Hotelzimmer nicht ihr ganzes Repertoire preis, ein bisschen muss man sich noch für den Rest des gemeinsamen Lebens aufbewahren. Immerhin war er nicht mehr der Jüngste, da würde er vielleicht bald den einen oder anderen Knaller brauchen, um sein bestes Teil hochzukriegen. Zu ihrer Überraschung war der erste Sex mit Caesar wirklich lustbetont, leidenschaftlich und auch irgendwie gediegen. So hatte sie doch intuitiv die richtige Wahl getroffen, dachte sie sich, während sie neben ihm lag, den Kopf auf seinem nackten Oberkörper. Das war der erste Teil ihres Gesamtplans, eigentlich der einfachste, denn Männer beim Trieb zu packen war relativ einfach.

Der Rest war unkomplizierter, als sie gedacht hatte. Caesar, der mit Kirstin eher eine Ehe auf freundschaftlich-intellektueller Ebene geführt hatte, wobei er, so glaubte er lange, durchaus auf seine Sex-Kosten gekommen war, fühlte sich nun zum leidenschaftlichen Liebhaber berufen, so als hätte er jetzt gerade seine wahre Berufung im Leben entdeckt. Kirstin in ihrer überlegten, ruhigen und bestimmten Art kämpfte nicht lange, wenn überhaupt. Sie zuckte mit den Schultern – Männer in den mittleren Jahren, bitte schön. Sollte er sehen, was in zehn oder fünfzehn Jahren würde, wenn Geld und Samen nicht mehr so reichlich fließen. Sie lächelte fein und blieb Dame bis nach dem Scheidungstermin. Vielleicht nahm sie aber auch in einer kalten Nacht kalten Abschied von Caesar?

Hier liegt ein guter Grund für weitere leidenschaftliche Verwicklungen (Boris!) und Geldgier (Sandras eher ärmliche Herkunft), die in einem Mord enden. Wenn man Fernsehkrimis glauben darf, sind die meisten Morde sowieso Beziehungstaten. Es würde erklären, warum Caesar überhaupt ermordet (Lebensversicherung) und ausgeraubt (Diamanten) wurde, nicht aber wieso er quasi doppelt getötet wurde.