Krimi to Go – L (2/2)

Der Lavendelduft ist doch recht einfach in die Mustermannsche Kriminalgeschichte einzubauen. Eigentlich lassen sich Düfte immer gut verwenden – erst sind sie kaum wahrnehmbar, dann in dem gegebenen Zusammenhang erstaunlich und letztendlich führen sie auf die Spur zum Mörder, sei es direkt oder indirekt. Bei Parfüm wird die Parfümerie zum Knotenpunkt, bei einem einfachen Lavendelduft der eigene Garten, eine Gärtnerei oder auch ein Duftöl.

Als der Postbote später drüber nachdachte, erinnerte er sich schwach an einen Lavendelduft. Auch wenn der Anblick der, man kann es nicht anders sagen, abgeschlachteten Frau Mustermann und der damit verbundene Geruch dies erst einmal deutlich überlagerten. Erst einige Tage später, als sich zwei Polizisten darüber unterhielten, wie seltsam doch der Lavendelduft im Haus gehangen hatte, erinnerte er sich wieder. Wie stark muss doch ein Duftöl sein, wenn es den Schlachthofgeruch und die schrecklichen Eindrücke überlagert? Die Kriminalisten zogen die Stirn in Falten, handelt es sich hier um eine Mörderin? Obwohl solche Gräueltaten, die im Blut ertrinken, eher Männersache sind. Auch Caesar Hellerwiesen und Klara-Anna Schwesig machten sich ihre Gedanken darüber. Sie klappern in Kleinarbeit Drogerien, Apotheken und Gärtnereien vor Ort ab. Für Caesar, der kurze Zeit nach dem furchtbaren Mord im Haus war, verband sich für den Rest seines Lebens ein zarter Lavendelduft mit dem Geruch von abgestandenem Blut, Bildern von Blutspritzern auf Betten, Teppichen und Küchentisch, sodass ihm stets übel wurde, wenn er auch nur den leisesten Hauch von Lavendel wahrnahm. Was Klara-Anna ein wenig bedauerlich fand, denn sie liebte den Duft von Lavendel, weshalb sie auch kleine Lavendeltäschchen zwischen ihre Wäsche legte. Was anfänglich ihrer und Caesars intimerer Bekanntschaft doch stark im Wege stand. Sie schwenkte dann auf Rosenduft um, wobei sie sich allerdings schon darüber im Klaren war, dass der Rosenduft im Gegensatz zu seinem Vorgänger in ihrer Wäsche keine Motten vertrieb.

Anders als die etwas deppenhaften Kriminalbeamten, die mit der Lösung des Mustermannschen Falles heillos überfordert waren, konnten Caesar und Klara-Anna anhand des Lavendeldufts den oder die Mörder oder Mörderin oder Mörderinnen finden. Wir wollen an dieser Stelle alles offenlassen. Vielleicht hat sich doch eine Frau wie die Axt im Wald verhalten. Eine irre Psychopathin? Eine vorbeiziehende Truppe wahnsinniger Insassinnen einer Haftanstalt für psychisch debile Persönlichkeiten auf der Flucht? Das würde auch den Lavendelduft erklären, der sich sonst mit nichts wirklich logisch erklären lässt.

Die akribische Recherche führt also meine beiden Hobbydetektive nicht nur zur Lösung dieses Falls, sondern auch zu der Erkenntnis, dass sie für diesen Beruf außerordentlich geeignet sind: freundliches persönliches Auftreten, Sportlichkeit, Intuition und Beharrlichkeit. Was immerhin dem psychisch angeschlagenen Postboten wieder den Glauben an Gerechtigkeit in dieser Welt zurückgibt und ihm den Mut verleiht, in die gemeinsame Detektei einzusteigen und dafür seinem festen Posten als Boten adieu zu sagen.

Der Luxusschlitten passt haargenau in Manfreds Geschichte. Das Radarfoto zeigt ihn nämlich in einem Luxusschlitten, der auf ihn zugelassen war und von dem seine ganze Familie nichts wusste. Da hätte er besser einen Strohmann gewählt! Aber sein Misstrauen war zu groß, dass ihn jemand verraten würde. „Nur was ich selbst mache, ist zuverlässig und gut“, war immer schon seine Devise. Devisen hat er übrigens, wie sich später herausstellte, auch für diverse Länder bereits eingetauscht. Falls jemand ihm auf die Spur käme – wobei er das mit dem Radarfoto sicher nicht geahnt hatte –, wäre es besser, wirklich jede mögliche Nachforschung zu erschweren. Devisen aus Island, Paraguay, Marokko, Tunesien und Brasilien sowie Euros geben einen guten Querschnitt. Aber halt: Brasilien? Ist nicht die Chefin von Caesar mit einem möglicherweise leicht zwielichtigen Brasilianer zusammen? Ist doch Brasilien beliebter Fluchtort für Mafiabosse wie beispielsweise Neapels ehemaligen Mafia-Chef Pasquale Scotti, und das Land verfügt auch selbst über eine solche „kriminelle Vereinigung“, das Primeiro Comando da Capital (PCC). Es sei angemerkt, dass ich immerhin zwei Minuten Internetsuchmaschinen genutzt habe, um diese Möglichkeit auszuloten.

Eine wichtige Frage ist auch, ob Manfred den Luxusschlitten vor seinem vermeintlichen Tod oder danach gekauft hat. Danach wäre sehr riskant, es könnten nur wenige Stunden oder Tage nach dem künstlichen „Todeszeitpunktes“ sein, sonst wäre seine geheimnisvolle Flucht zu schnell wie ein kleines Kartenhäuschen zusammengefallen. Hatte er den Wagen vor seinem Tod gekauft, musste er sich dafür stark verschuldet haben. Auch muss er seiner Frau das Versicherungsgeld irgendwie vorenthalten haben, denn sonst wäre sie Mitwisserin, etwas, das er gar nicht mag, speziell nicht bei seiner Frau, die er für eine unerträgliche Schwatzbacke und Tratschtante hält. Dies ist mit ein Grund, Land und Leute zu verlassen! So war sein Plan, der auch erst wie gewünscht verlief. Er wurde für tot erklärt, irgendwelche Asche wurde in einem Kolumbarium exhumierungsfest beerdigt und er brauste putzmunter mit seinem neuen Auto durch die Gegend, bis die Überfahrt – wohin auch immer – auf dem Plan stand. Schöne schwere beige Lederpolster, eine Stereoanlage vom Feinsten, der Wagen surrte wie ein Kätzchen durch die Landschaft. Manfred hatte kein Cabrio ausgewählt, weil er es nicht mochte, den direkten Kontakt mit Luft und möglicherweise Regen zu haben. Lange Freude hatte er an diesem teuren Wagen, der immerhin ein Zehntel der Versicherungssumme aufgefressen hatte, jedoch nicht. Dem vorgespielten folgte der echte Tod.

Wobei mir einfällt: Lösegeld wäre auch möglich gewesen, vermutlich deutlich häufiger in Krimis vertreten als meine Auswahl von Lust, Lavendelduft und Luxusschlitten – nur finde ich Erpressungsgeschichten superätzend, um hier die Umgangssprache zu verwenden. Und das reicht, um das Lösegeld hier nur zwei Sätze finden zu lassen.