Krimi to Go – M (1/2)

M wie Mordlust

Für mich gehört mindestens ein Mord in einen Krimi, es gibt nur wenige Ausnahmen, die ich dann anregend und spannend genug finde. Was interessiert mich ein Umweltskandal, wenn nicht wenigstens ein Abgeordneter oder Greenpeace-Aktivist ums Leben kommt? Was soll ich mit einer Story aus dem Bankmilieu, wenn nicht ein Bankdirektor erstochen über seinem Schreibtisch zusammengebrochen aufgefunden wird?

Morde habe ich in allen drei möglichen Geschichten verankert, diese Notwendigkeit kann ich damit abhaken.

Ich habe hier jedoch die Möglichkeit für etwas Anderes. Autoren auch von Unterhaltungslektüre predigen auch schon mal gerne, fühlen sich verpflichtet, ihre Umwelt moralisch zu erziehen, ihren philosophischen Überlegungen einen und sei es noch so kleinen Platz zu geben. Sich zwischendurch mit einem anderen Gedanken beschäftigen, der nicht unbedingt an der Story klebt, sondern etwas allgemein Menschliches ist.

Dafür eignet sich die Mordlust hervorragend. Ich werde also kleine elegische Überlegungen dazu anstellen, was Mordlust ist. Da haben wir einmal die praktische Mordlust gewisser Mörder. Wobei sich die Frage stellt, ob ein Raubmord nicht letztlich auch auf dieses Lustgefühl zurückzuführen ist. Sonst wäre es Totschlag. Oder? J

Eine Definition von Mordlust gab Die Zeit bereits 1986, sie lässt sich online abrufen (http://www.zeit.de/1986/38/was-ist-mordlust): „In einem klassischen Urteil aus dem Jahr 1953 definiert der Bundesgerichtshof das Wort als ‚unnatürliche Freude an der Vernichtung eines Menschenlebens‘“. Eine interessante Ergänzung findet sich im Juraforum (http://www.juraforum.de/lexikon/mordlust): „Zu beachten ist, dass ein Mord aus Mordlust nicht gegeben ist, wenn eine Person einer anderen zwar beim Sterben zusieht und nicht helfend eingreift, aktiv aber nichts getan hat, um den Zustand des Sterbens herbeizuführen.“ Immerhin ist der Begriff so wichtig, dass es sogar eine Webseite dazu gibt, http://www.mordlust.de (Abgerufen 8.9.17).

Viel interessanter ist die Mordlust beim Leser, die ich unbedingt für vorhanden halte. Ich, die ich mir kaum eine Operations- oder Geburtsgeschichte bis zum Ende anhören kann, ohne weiche Knie und Übelkeit im Magen zu bekommen, und meist schnell Einhalt gebiete oder fluchtartig die Räumlichkeiten verlasse, lese gerne Kriminalromane. Okay, in die „Gory Details“ (grobe übersetzt: unappetitlichen Einzelheiten) mag ich nicht geführt werden. Von einem Messer im Rücken zu lesen, von einer Kugel, die das Gehirn durchschlagen hat, von einer Betonkugel am Fuß vor Ablassen in den See – all das geht. Bin ich im Grunde meines Herzens eine Möchtegernmörderin, deren Blutrünstigkeit nur durch gesellschaftliche Restriktionen aufgehalten wird? Wo sind die Gaffer bei Unfällen einzuordnen? Was fasziniert den Menschen am Unglück anderer? Warum mögen wir dieses Gruselgefühl? Auch ist bekannt, dass viele (alle?) Menschen Gewaltphantasien haben, auch wenn sie alles andere als brutale Schläger oder Psychopathen sind.

Zur Verbreitung von Gewaltphantasien habe ich einmal mehr Wikipedia verwendet (8.9.17):

Insgesamt liegen nur wenige vereinzelte Forschungsbefunde zur Verbreitung von Gewaltfantasien vor. Die Prävalenz von einmaligen aggressiven Fantasien im Lebensverlauf liegt mit 58 % in einer Studie von Nagtegaal (2006) an einer nicht-klinischen Stichprobe recht hoch, wobei 33 % der Teilnehmer von wiederkehrenden Gewaltfantasien berichten. Die Prävalenz von Gewaltfantasien ist darüber hinaus bei Patienten in psychiatrischen Einrichtungen (Grisso et al., 2000)[1] sowie bei Insassen von Strafanstalten erhöht (Meloy et al., 2001).[2] Hierbei wird aber meist nur physische Aggression gemessen. […]

Besonders Tötungsfantasien haben offenbar eine hohe Prävalenz. Demnach gaben in einer Studie von Kenrick und Sheets (1993)[4] 68 % der befragten Studierenden in den USA an, dass sie schon einmal im Leben die ernsthafte Vorstellung hatten, einen anderen Menschen zu töten. Dabei fiel die Prävalenz bei Männern (73 %) etwas höher aus als bei Frauen (66 %). Crabb (2000) kam in einer vergleichbaren Untersuchung auf eine Prävalenz von 45,5 % der Teilnehmer. Dies macht deutlich, dass Tötungsfantasien einerseits offenbar sehr verbreitet sind und nicht unbedingt eine schärfere Form von Gewaltfantasien darstellen. Insgesamt ist jedoch zu berücksichtigen, dass es eine große Streuung in der Intensität und Dauer solcher Gewaltfantasien gibt.