Krimi to go – O (1/2)

O wie in Oh

In jedem Krimi wollen wir zumindest einmal ein „Oh“ hören, entweder als schreckensbleiches, sanftes, kaum hörbares „Oh….mein Gott…“ oder auch als kräftiges „Oh nein!“. Nummer 1 bietet sich sehr gut für grausige Leichenfunde an. Was soll man da auch sagen? In solchen Schockmomenten kommen wir selten auf lyrische Aussagen im Sinne von „Was müssen meine Augen hier erblicken?“, „Blut träufelt Tautropfen gleich von der Decke“, „wie eine Blume öffnet sich die blutige Wunde auf dem Angesicht des Toten“ (wahlweise in seinem Brustkorb), „die Blutlache unter seinem Kopf kam in Relation zu seiner Körpergröße einer Talsperre gleich“. Die Engländer haben es da auch einfach, vor allem in amerikanischen Filmen reiht sich ein „Oh my God…“ an das andere. Meist in diesem Fall von Frauen gesprochen, derweil ich mir das deutsche „Oh…mein Gott…“ durchaus auch als leisen Schreckensruf eines beherzten Mannes vorstellen kann. Häufig müssen wir in den modernen Zeiten statt „Oh…. mein Gott…“ dann hören „Ach, du Scheiße!“. Ja, das klingt im Angesicht von Blutmengen schon etwas heftig, oder? Angebracht wäre es, wenn der Tote in einem Berg von ebenderselben läge, was jetzt nicht so richtig appetitlich ist, aber auch einmal deutlich getrennt werden muss. Mein Hang zur Präzision in der Sprache wird nicht von jedermann geteilt. Das ist mir klar.

„Oh nein“ ist nicht wirklich adäquat für den Fund einer Leiche, es sei denn, es wird fast unhörbar gehaucht. Wobei ich mir das gehauchte „Oh nein“ auch eher bei einem Toten vorstellen kann, dessen Beine wir von oben frei in der Luft baumeln sehen. Oder wenn ein Beteiligter nach Hause kommt und sieht, dass seine Bude völlig auf den Kopf gestellt wurde. Wie wir wissen, passiert das immer wieder – da kommt XYZ nach Hause, merkt schon an der einen Spalt geöffneten Eingangstür / Haustür, dass da wohl etwas nicht stimmt. Er / sie schiebt die Tür auf und erbleicht: Alle Schränke sind geöffnet, ihr Inhalt ergießt sich über Teppich, Linoleum oder Parkett. Schubladen sind aufeinandergestellt, als hätte da jemand den kindlichen Wunsch nachgeholt, Bausteine aufeinander zu häufeln. Die noch in den Schränken verbliebenen Schubladen stehen zumindest halboffen, Wäschestücke hängen heraus. Dokumente sind über die Tische und den Boden wild verstreut. Was ich immer bedauere ist, dass wir nicht zuschauen können, wie dieses Chaos in Film und Fernsehen hergestellt wird. So einfach kann es gar nicht sein, ein natürliches Durcheinander zu erzeugen. In zu vielen Filmen sieht man ebenfalls deutlich: Das ist keine Unordnung, das ist künstlich. Wobei mir das eher bei unordentlichen Film- und Fernsehküchen auffällt.

Ob Sandra „Oh nein“ murmelt, als sie feststellen muss, dass Boris auch ihr untreu geworden ist und sich mit Juwelen und einem jungen Mädel nach Amsterdam abgesetzt hat, der Postbote „Oh nein…“ murmelt und dann fast das Bewusstsein verliert, oder ob Klara-Anna „Oh mein Gott“ ausrief, als sie zum ersten Mal das Foto des angeblich toten Manfreds in der Hand hielt – ein Oh mein Gott oder Oh nein lässt sich leichter in die Geschichte einbauen oder an ihrer Peripherie anheften als alles andere.

Das „Oh“ ist bei der Auswahl nahe an der „Ordnung“ vorbeigeschliddert, die nur wenige Zentimeter später ins Ziel kam. Jede gute Geschichte verfügt über eine zu starke Ordnung irgendwo, die auf einen Psychopathen schließen lässt, oder eine normale Ordnung, in der irgendetwas anders ist als sonst und dadurch den findigen Kriminalisten / Hobbydetektiv den Schlüssel für die richtige Spur finden lässt.