Krimi To Go – O (2/2)

Hier ist im Vergleich zu den anderen Buchstaben noch reichlich Platz, also darf der zweite Sieger auch noch teilnehmen. Wobei ich den Ausdruck „zweiter Sieger“ verabscheue. Leben wir in einer Zeit, in der es nur noch Sieger geben darf, in der ein „Du bist Zweiter!“ keine Freude mehr hervorruft, in der jeder der Beste sein muss und Kindern von ihren Eltern nicht mehr hören „Du bist die Schönste / Klügste / Beste für mich“, sondern ihnen eingetrichtert wird, „Du bist die Schönste / Klügste / Beste“, was durch Auslassung der beiden kleinen Wörtchen am Satzende zu einer Objektivierung führt, die die armen Kinder in dem Glauben groß werden lässt, dass sie es sind – und somit unfähig, mit Freude einen zweiten Platz einzunehmen. Da ist die Ordnung doch aus anderem Holz geschnitzt, sie stammt noch aus der Wortgeneration, als auch zweite Plätze rosige Wangen und ein breites Strahlen hervorzauberten.

Sollte jemand vermuten, dass im Büro unseres Versicherungsdetektivs auffallende Ordnung herrscht, so wird er enttäuscht. Auch bei Versicherungen (sowie Banken und Ämtern) arbeiten Menschen, die über einen ganz normalen Ordnungssinn verfügen. Aber halt – als Caesar und Klara-Anna auf Manfreds Spuren sind und seine Wohnung (im Dunkel der Nacht, mit einem Dietrich, das Polizeisiegel wird aufgebrochen) im Schein einer Taschenlampe untersuchen, fällt ihnen sofort auf, dass irgendetwas in der Wohnung gegen die peinliche Ordnung verstößt. Keiner der beiden kann auf Anhieb sagen, was es ist, was da stört… bis sich kurz vor Ende der Geschichte Klara-Anna mit der Hand vor die Stirn schlägt und ausruft „Wie konnte ich das übersehen, Caesar! Denke mal an die ordentliche CD-Sammlung im Regal an der Wand links neben dem Wohnzimmerschrank. Alle CDs sind nach Künstler oder Komponist zusammengestellt, und dann innerhalb dieser Kategorie nach dem Alphabet. Aber Wagners Tristan und Isolde steht vor dem Ring der Nibelungen!“ Beide sind sich einig, dass sie hier jetzt endlich der Lösung hautnah gekommen sind, auch wenn ich keine Ahnung habe, was es bedeuten könnte.

Im Fall der dahingemeuchelten Familie Mustermann treffen wir genau auf das andere Extrem: absolutes Chaos wird durch eine kleine erschreckende Ordnung gestört. Auf dem Küchentisch liegen die sieben Küchenmesser von Frau Mustermann, exakt nach Größe geordnet, nebeneinander. Eines ist blutbeschmiert, nämlich das zweite von links, also das Zweitgrößte. Das lässt den Schluss zu, dass hier entweder wirklich ein Psychopath am Werk war, dass jemand versuchte, den Eindruck zu erwecken, es sei ein Psychopath am Werk gewesen, oder dass es einfach Zufall war – was ich für eher unwahrscheinlich halte.

Caesar Beyer bevorzugte eine normale Ordnung, daran war nichts Auffälliges. Seine erste Frau Kathrin hat ein großes Faible für eine aufgeräumte Küche, auch wenn das keine zwanghaften Ausmaße erreicht. Sie gehört zu diesen beneidenswerten Frauen, die so geschickt hantieren, dass die Küche nach der Zubereitung einer Mahlzeit fast so ordentlich aussieht wie vorher. Worin sie meiner eigenen Mutter stark ähnelt. Sandra hingegen hat als Geliebte und spätere zweite Ehefrau irgendwie ganz natürlich einen fehlenden Hang zur Ordnung. So sehr auch Caesar in sie vernarrt ist – ihre Angewohnheit, leere Plastiktüten und Verpackungen einfach dort über Stunden liegen zu lassen, wo sie etwas auspackt, bringt Herrn Beyer schon manchmal in Rage. Einen Zusammenhang mit seinem Tod kann ich hier nicht sehen. Boris, der immer noch für die Tat in Frage kommt, ist so ein Mischtypus. Kommt man in seine kleine Wohnung, hängen gelegentlich auch T-Shirts und Pullover der Vortage über einem Stuhl, eine Jeans liegt unordentlich gefaltet auf dem Wäschebehälter statt in ihm. Sein kleiner Laptop ist jedoch ein Muster von Ordentlichkeit, Boris prahlt immer: „In meinem Kopf ist immer alles ganz ordentlich“. Sollte er der Täter sein, wäre dies allerdings eine deutliche Übertreibung.