Höflichkeit und vermeintliche Höflichkeit

Neben diesem Blog habe ich noch einen Blog, der sich „Nicht nur Vollwertskandale“ nennt. Auf diesem Blog stelle ich regelmäßig alte und neue Rezepte vor. Außerdem habe ich eine Webseite mit über 12.000 Rezepten. Jahrelang war ein Teil dieser Rezepte frei zugänglich, der Rest im Abonnement erhältlich. Nach Einführung der verschärften Datenschutzbestimmungen habe ich diese Webseite nur noch für Abonnenten offengehalten, ansonsten ist sie geschlossen.

Das bedauern viele. Einige haben daraufhin ein Abo abgeschlossen, andere haben nur geweint. 😉 Hin und wieder Erreichen mich Anfragen für bestimmte Rezepte. Mich erstaunt immer wieder diese Einstellung, dass ich eine Institution bin, die für Infos an die Mitmenschen verantwortlich ist. So auch letztlich wieder:

Sehr geehrte Frau Wilkesmann,
das Schließen Ihres Rezeptblogs habe ich gerade mit Bedauern festgestellt. Gerne habe ich darin gestöbert. Wir haben Ihre Butter-Hafer-Kekse sehr geliebt. Leider habe ich das Rezept nicht gespeichert.
Würden Sie mir das Rezept schicken?
Vielen Dank für Ihre Bmühungen
M.J.

Erst einmal enthält die Email zwei sachliche Fehler: Ich habe keinen Blog geschlossen, es geht um die Webseite. Außerdem habe ich diese nicht geschlossen, sondern nur den kostenlosen Zugang gesperrt.

„Würden Sie mir das Rezept schicken?“ Öhm, wo ist das Zauberwörtchen bitte? Nicht, dass ich es dann geschickt hätte. Aber dann hätte ich wenigstens den Eindruck, da möchte jemand etwas von mir und verlangt es nicht. „Vielen Dank für Ihre Bemühungen“. Ja, da war es dann soweit, da ging bei mir gar nichts mehr. Diesen Satz schreibe ich, wenn ich eine Floskel brauche, um etwas Selbstverständliches anzufordern.

Wie gesagt, meine Rezeptsammlung umfasst mehr als 12.000 Rezepte. Da habe ich natürlich das Butter-Hafer-Kekse-Rezept sofort parat und muss gar nicht suchen. Und natürlich setze ich mich mit Begeisterung für Frau J. an den PC und suche 15 Minuten. Oder länger. Weil sie ja so nett geschrieben hat.

Sprache ist ein Instrument, das viel bewirkt und uns viel über die Mitmenschen sagt – und ihre Anspruchshaltung.

Es geht auch anders. Einige Wochen vorher erhielt ich folgende Mail:

Liebe Frau Wilkesmann, ich möchte Sie gerne fragen, ob Sie mir ein Brotrezept aus Ihrer Rezepte-Sammlung geben könnten. Es ist das Bärlauchbrot. Ich hatte es vor ein paar Jahren öfters gebacken, und finde es toll, aber finde es daheim nicht mehr. Jetzt habe ich wieder Sauerteig angesetzt und auch das Brot auf Youtube nachgebacken, was auch sehr lecker ist, (ich hatte nur ein wenig zu viel Wasser drin) sah ich, dass die Rezepte-Sammlung nicht mehr frei zugänglich ist (was ich total nachvollziehen kann). Da ich ansonsten keine Vollwertrezepte verwende, frage ich nun das Brotrezept einzeln an. Ich würde auch etwas zahlen dafür.

Auf Nachfrage konnte Frau R. mir noch das Jahr sagen, die Suche war einfach – und ich habe ihr das Rezept gern (kostenfrei) geschickt.

Und deshalb ist Sprache so wichtig!