Krimi to Go – Q (2/3)

Quäker als religiöse Gruppe sind gut, religiöse Gruppen sind immer gut, vor allem wenn sie uns ein wenig fremd und befremdlich erscheinen. Bei den Quäkern habe ich leider einen Griff in die falsche Kiste getan, denn eine kleine, kurze Recherche – wie ich sie mir manchmal gönne – erbrachte keinen Zusammenhang zwischen Quäkern und Fanatismus, wie wir sie von anderen religiösen Gruppen bzw. Sekten kennen. Quäker zeichnen sich durch ihre Friedensliebe aus und bezeichnen sich selbst auch als Pazifisten. Englische Freunde meiner Eltern waren Quäker. Sie waren liberal im Denken und Tun. Das passt also nicht. Dennoch kann es nicht schaden, wenigstens in einer der drei Geschichten einen Quäker oder eine Quäkergemeinde einzuführen. Erstens kann ich somit über eine kleine Recherche die eine oder andere Seite füllen, ohne mich allzu viel zu mühen. Zweitens kann ich über Unwissenheit der Beteiligten das Thema Quäker und Pazifismus anschneiden und wieder verwerfen, d.h. ich habe zwei Seiten mindestens gewonnen. Außerdem öffne ich das Tor zu England, wo die Quäker am stärksten sind, in den USA haben sie sich aufgespalten. Ausland ist immer gut, vor allem wenn Caesar und Nadine auf der Suche nach Manfred nach Großbritannien fliegen, auf die Schnelle jedoch nur ein Doppelzimmer bekommen. Da knistert es doch gleich! Ein paar englische Zitate kann ich auch noch einstreuen, das macht sich multilingual. Ich muss nur aufpassen, dass mein Kollege vorher nicht Korrektur liest. Es ist nämlich eine von mir erstellte statistische Erkenntnis, dass es Autoren niemals schaffen, fremdsprachliche Sätze oder Passagen fehlerlos einzubauen. Sie übersetzen selbst, und so wird es unweigerlich an mindestens einer Stelle grob falsch oder lächerlich. Offenbar gehört das zum guten Literaturentum. Das gilt nicht nur für deutsche Autoren, englische Literatur und auch Filme strotzen nur so davon. Was auch – dies sei am Rande erwähnt – den Landeskundigen immer zum Lachen bringt, ist die Namenswahl. Ist es so schwer, ein Telefonbuch zu nehmen und einen gängigen Namen auszuwählen? Oder einmal einen Muttersprachler zu fragen, was denn so Namen (Vornamen) sind, die ihm „normal“ erscheinen. Als ich vor Jahren die „Profis“ gesehen habe, fand ich die deutschen Vornamen – wenn welche vorkamen – extrem kurios. Welche junge Frau heißt heute noch Gretchen? Mag sein, dass es da und dort einen „Johann“ gibt, aber „morgen kommen die RAF-Mitglieder Gretchen und Johann nach England, um dort eine Bombe zu zünden“ ist einfach völlig unglaubwürdig. Quatsch und Quark mit Q.

Machen wir also Manfred zum Quäker, denn auch Quäker können Verbrecher sein. Und er hat „nur“ Geld unterschlagen, keinen Menschen umgebracht, was wiederum ihn selbst traf. Nach meinen Erkenntnissen ist es mehr als unwahrscheinlich, dass die Quäkergemeinde Dortmund (falls es sie gibt, auf jeden Fall wohnt Manfred in Dortmund) Manfred umbringt, weil er eine kriminelle Handlung vollzogen hat.

Es bleibt auch noch die Möglichkeit, in eine der beiden anderen Geschichten einen weisen, friedliebenden Quäker einzubauen. Warum immer nur Buddhisten und Konfuzianer weise Sprüche verbreiten lassen mit Einsicht in die Welt? So können sich Klara-Anna und Caesar Rat bei einem alten Quäker aus Caesars Freundeskreis holen. Fred Schiller, eine ältere, weise Gestalt gibt der ganzen Geschichte schon fast etwas Episches. Er ist mittelgroß und schlank, fast mager, sein Gang ist etwas nach vorne hinübergebeugt. Sein weißes Haar ist dünn, aber er ist nicht kahl. Er ist älter als siebzig Jahre, vielleicht sogar älter als achtzig. Gerne sitzt er am Waldrand auf einer Bank und betrachtet die kleinen, emsigen Insekten. Seine Frau ist schon vor Jahren gestorben, was für ihn sehr schmerzhaft war. Es hat seinen Glauben jedoch nur gestärkt, statt ihn zu schwächen. Er ist in seinen moralischen Vorstellungen sehr streng, aber nur sich selbst gegenüber. Bei anderen ist er tolerant und offen. Er wandert gerne durch die nahegelegenen Parkanlagen, spricht mit den Menschen, die ihm immer wieder begegnen, füttert die Spatzen und Tauben. Wenn ihn jemand zurechtweist, weil er verbotenerweise die Tauben füttert, lächelt er freundlich und sagt Dinge wie „Lassen Sie das ruhig meine Sorge sein, ich übernehme die Verantwortung“ und nicht etwa nervige Sprüche wie „Gott hat uns alle diese Geschöpfe gegeben und so will ich meinen Teil daran tragen, dass sie geschützt werden.“ Er hat intensive Kontakte mit englischen Quäkergemeinden und hat sich deshalb noch im Alter von fünfundsiebzig Jahren einen Laptop gekauft, um über Skype und Email Kontakte zu halten und zu vertiefen. Er kennt Caesar, seit dieser als Junge in einer von Fred geschulten Boxgruppe trainiert hat, selbst kinderlos hat er ihn fast wie seinen Sohn betrachtet. Was Fred in seiner zurückhaltenden Art nur sehr still und freundlich, nicht überschwänglich gezeigt hat. Auch Klara-Anna ist ihm auf Anhieb ans Herz gewachsen und bevor die beiden (Caesar und die junge Frau) es selbst bemerkt haben, lächelt er gütig und wissend, wenn er die beiden zusammen sieht. Und gerade jetzt fällt mir auf: Er trägt karierte Flanell-Hemden! Deshalb lässt Caesar auch kein Jahr vergehen, ohne ihm zum Geburtstag und manchmal auch noch zu Weihnachten ein qualitativ hochwertiges neues Hemd zu schenken. Fred bedankt sich erfreut und legt das neue Hemd auf den Stapel unbenutzter Hemden von den Vorjahren. Wenn seine beiden Lieblingshemden, die er abwechselnd trägt, verschlissen sind, greift er sich zwei neue. Ab und an, wenn es zu viele werden, gibt er ein paar an eine Tafel. Er ist kein Heiliger, das ist beruhigend zu wissen. Er raucht sehr stark, was seiner Gesundheit nicht abträglich zu sein scheint. Und man munkelt auch, dass seine Haushälterin nicht nur das Haus fest in der Hand hält. Er ist ein Sympathieträger und soll es bleiben, auch wenn ich kurzfristig Lust verspürte, ihn zum Mörder werden zu lassen. Vielleicht könnte ich eine falsche Fährte auf ihn zuschneiden und beobachten, wie loyal Caesar sich dann verhält, wenn der Verdacht sich verdichtet?