Krimi to Go – U (1/2)

U wie Uhr und unheimlich

Uhren sind bestens geeignet, um unklare Todeszeitpunkte genauer festzustellen. Die Leiche wurde mit zerschmettertem Uhrenblatt gefunden und die Uhr steht? Schon kennen wir den gesuchten Zeitpunkt. Die Uhr hat das zerschmetterte Uhrenblatt, die Zeiger stehen unbeweglich fest, die Leiche wird aus dem Wasser gezogen – in der Uhr ist kaum ein Tropfen zu finden? Da hat einer nachgeholfen, um die Tatzeit zu verwischen. In Filmen sind tickende Uhren hervorragend geeignet, Spannung zu erzeugen. Bei den heutigen Uhren ist das nicht immer möglich, denn manche sind quasi stumm. Tatzeiten sind von essentieller Bedeutung, daher sind auch die Zeitmesser genauso wichtig. Ein weiteres Charakteristikum von Uhren ist ihr Wert: Wer eine Rolex mit Goldarmband trägt, hat zu viel Geld oder sie geklaut und außerdem einen schlechten Geschmack (dies ist eine rein subjektive Aussage der Autorin, also von mir). Die wenigen Uhren vom Fabrikat Rolex, die ich je gesehen haben, fand ich alle unschön. Ich glaube, einer der Chefärzte, denen ich in den letzten Jahren begegnet bin, trug auch eine Rolex. Und teure Schuhe, das habe ich ebenfalls erkannt. Wobei ich ihm Beides gönne, denn er schuftet, ist kompetent und menschlich im Umgang mit seinen Patienten. Vielleicht kann ich nach dem dubiosen Frauenarzt diesen sympathischen Typus einführen. Seine Eitelkeit ist quasi eine liebenswerte Schwäche. Damit nicht zu deutlich wird, wer mir für diesen Krimi sozusagen Modell gestanden hat, mache ich ihn zum Orthopäden. Einen Orthopäden braucht fast jeder irgendwann einmal, die wenigsten sind sympathisch oder gar kompetent, das weiß ich genauso gut aus eigener Erfahrung und vielen Erzählungen, da kann ich exzellent einen Kontrapunkt zur Realität setzen. Um es deutlich zu sagen: Ich kenne auch gute Ärzte aus dieser Fachrichtung, auch wenn sie sich an einer Hand abzählen lassen.

Der Chefarzt der Orthopädie soll also ein Sympathieträger oder zumindest neutral sein, seine Eitelkeit eher liebenswert als abstoßend. Wobei ich hier noch einmal einflechten möchte, dass meine Erfahrung mit Chefärzten – und ich habe in den letzten Jahren einige erlebt – statistisch eindeutig ergibt, dass Kompetenz für diesen Job nicht reicht. Ein bisschen „Entertainertum“ gehört dazu und auch ein wenig Eitelkeit. Klar, wer nicht eitel ist, strebt diesen Knochenjob nicht an. Die Mär vom Chefarzt als reinem Bürokraten, der nur die Fingernägel poliert, Privatpatienten behandelt und vor allem dicke Kohle nach Hause trägt, kann ich nicht bestätigen. Obwohl es wunderbar einfach wäre, einen solchen Klischeearzt in den Text aufzunehmen. Das ist dann für die Leser einfacher, weil sie sich begeistert auf die Schenkel klopfen können und rufen „Jau, so sind die doofen Chefärzte, kriegen jede Menge Kohle und sind eigentlich nur Hohlköpfe, die wirkliche Arbeit erledigen die von ihnen unterjochten Oberärzte“. Wobei ich an dieser Stelle noch unbedingt eins loswerden möchte: Meine Einstellung zur ärztlichen Hierarchie. Bei allem Sinn für Demokratie und Mitbestimmung sehe ich ein, dass der Arztberuf einer von denen ist, die eine klare Kompetenz- und Entscheidungszuweisung erfordern. Stellen wir uns vor, die Operation läuft. Etwas geht schief, die Monitore fiepen aufgeregt. Der leitende Arzt sagt: Blut absaugen! Der Assistenzarzt ruft: „Halt! Das finde ich nicht angebracht, das könnte dem Patienten schaden.“ Alle an der OP Beteiligten halten in ihrer Arbeit inne und diskutieren fünf Minuten lang, was wirklich getan werden könnte. Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte und Chefarzt. Es wird abgestimmt und das Ergebnis lautet (acht Stimmen dafür, zwei Enthaltungen und eine Stimme dagegen – übrigens von der Reinigungskraft, aber das spielt hier keine Rolle) „Ja, Blut absaugen.“ Alle wenden sich zufrieden wieder dem Patienten zu. Wobei sich allerdings nun herausstellt, dass Blutabsaugen gar nicht mehr notwendig ist. Wie die Autopsie dann zeigen wird, hatte der Chefarzt wahrhaftig nicht nur die meisten Stimmen auf seiner Seite, sondern auch Recht.