Krimi to go – B wie Blut (2/2)

Es würde also bluten in meinem Thriller, und zwar da, wo ich es für nötig halte, ohne dass es die Stimmung dominiert. Das Subtile ist heute nicht mehr gefragt, wer nicht eine oder zwei zerhackte Leichen detailliert beschreibt, ist wohl nicht mehr gerne gelesen? Dies ist ein weiterer Grund, warum mein Thriller, wenn ich ihn denn schriebe, zur Unverkäuflichkeit verdammt wäre. Vielleicht würde ihn, wenn die Idee gut sein sollte, ein Drehbuchautor aufgreifen und mit den nötigen Brutalitäten, Gewalttätigkeiten und „Blutergüssen“ publikumsnah aufpäppeln. Es ist nur noch die Frage, wie hoch die Summe ist, damit ich das ertragen kann. Wie bestechlich bin ich? Solange ich mir das Machblutwerk dann später nicht anschauen muss, sollte ein Milliönchen reichen.

Auch Bestechlichkeit beginnt mit B. Leider finde ich Bestechlichkeit ziemlich langweilig, vielleicht, weil sie so lebensnah ist. Brutalität gehört zum B, aber auch das mag ich nicht, weder brachiale Brutalität noch verhaltene über die Psychomasche. So hat der Film Clockwork Orange mich jahrelang verfolgt. Das brauche ich nicht auch noch selbst zu fabrizieren.

Wenn schon Blut, ergibt sich auch die Frage: Wie viele Leichen muss es geben? Reicht eine am Anfang für die ganze Geschichte? Oder ist es wie bei Inspektor Barnaby, bei dem immer eine Leiche auf die andere folgt? Mindestens zwei werden es dort, meist drei und gelegentlich vier, bis alle Verdächtigen einfach tot sind. Das vereinfacht die Aufklärung. Beides hat seinen Reiz. „Nur“ eine Leiche erfordert Handlungsnebenstränge, die den Leser wachhalten, das Geflecht der Geschichte muss dichter sein. Mehrere Leichen geben eine gute Sequenz vor und helfen dem Leser bei der Aufklärung, bevor der Autor sie auswalzt. Da ich selbst, wenn ich einen Krimi lese, immer auf den letzten Seiten anfange, damit die unerträgliche Spannung mir nicht das normale Lesetempo nimmt und ich nur noch den Text überfliege, wäre auch zu fragen, ob ich vielleicht gleich das letzte Kapitel an den Beginn setzen könnten. Dies sei für Zeiten verwahrt, wenn ich dann – theoretisch – das Erzählen beherrsche und auch einmal neue Pfade begehen kann.

Wie auch immer, bieten meine Beispielanfänge gute Aderlässe. Bei Anfang 1 ist es schon vorhanden, bei Anfang 2 erwarten wir alle, dass der Postbote beim Eintritt in den Garten jede Menge Blut sieht. Und im letzten, dem Versicherungsfall, liegt die Blutlache förmlich schon auf dem Schreibtisch, wenn dort von einem „Toten“ gesprochen wird. Auch wenn er schon länger im Grab oder einem Kolumbarium zu liegen scheint, wird er vielleicht exhumiert, was natürlich nur mit einem Grab, nicht dem humuslosen Kolumbarium funktioniert. Vielleicht könnte irgendwo noch eine Blutprobe von ihm umherschwirren. Und wenn man die Geschichte gar nicht dahin bekommt, dass die erste Leiche Blut lässt, kommt eben eine zweite Leiche hinzu. Da möchte ich natürlich nicht unsere beiden Bis-Jetzt-Protagonisten heranziehen, zu sympathisch sind sie mir schon. Vielleicht die nette, aber ach-so-genaue Chefin? Auch wenn mir jetzt nicht einfällt, warum so eine Abteilungsleiterin blutig dran glauben muss, so gibt es da bestimmt Möglichkeiten. Im Zweifelsfall kann immer die Mafia dafür herhalten, obwohl ich eigentlich niemals Krimi mit der Mafia lese und außer „Dem Paten“ auch nicht sehen mag.

Krimi to go – B wie Blut (1/2)

B wie Blut

Es gibt gute Krimis auch ganz ohne Blut, ohne Zweifel. Da ich selbst kein Blut sehen kann, bei Erzählungen davon schon ein mulmiges Gefühl bekomme und beim Fernsehen von Ärzteserien und entsprechenden Krimis gerne auch Löcher in das nächstgelegene Regal starre, würde ich selbst nicht so gerne von Blutlachen sprechen. Andererseits finde ich so ein bisschen von der roten Suppe schon wichtig, denn vieles lässt sich heute kriminaltechnisch aus Blut feststellen, Krankheiten, DNA-Spuren und was es da noch so alles gibt.

Hier setzt der Punkt ein, wo ich ordentlich recherchieren müsste. Und ganz ehrlich: Das lockt mich nicht. Manchmal denke ich, dass ich deshalb niemals einen „vernünftigen“ Thriller, Krimi oder auch andere Form von Roman werde schreiben können, weil ich den Hintergrund nicht wirklich ausleuchte, sondern mich mit Informationen aus zweiter Hand begnüge. Diese Informationen habe ich aus anderen Krimis, dem Fernsehen oder allenfalls noch Wikipedia. Wissenschaftlich ist das schon gar nicht und auch erzähltechnisch nicht besonders gelungen. Nichts ist doch peinlicher, als wenn man ein Berufsfeld falsch beschreibt, nicht einmal die Dienstränge bei der Polizei richtig hinbekommt. Insoweit würde mir so ein Fantasyroman mehr liegen, da muss ich nur die Handlung und die Konsequenz beachten.

Es gibt verschiedene Beispiel dafür, warum Fernseh- bzw. Pressewissen und Realität einfach auseinanderklaffen. Wer weiß es nicht, dass eine Lebensversicherung bei Selbstmord nicht zahlt und daher ein Selbstmord des totkranken Vaters zur Rettung der Familie seine Angehörigen tragischerweise dennoch verarmen lässt? Nur, dass dies leider nicht stimmt, ich weiß es aus dem persönlichen Umfeld. Mein Vater hat sich selbst das Leiden verkürzt, ganz offensichtlich, also es wurde nicht als „normaler Tod“ verschleiert. Dennoch bekam meine Mutter die Summe der Lebensversicherung voll ausgezahlt. Es gibt halt meist nur eine Sperrfrist von zwei Jahren – verständlich, denn wenn ich eine Versicherung mein Eigen nennen würde, hätte ich auch keine Lust auf Kunden, die auf einen Selbstmord spekulieren.

Zurück zum Blut. Ein wenig darf sein, es darf an der passenden Stelle strömen oder eine Lache um die Leiche bilden. Das gehört zur Atmosphäre. Aber ich muss als Autor nicht Stunden und Seiten mit der Beschreibung von Leichen und ihren Wunden verbringen. Ich mag zum Beispiel diese ganzen forensischen Untersuchungen mit ihren gruseligen Details nicht. Ich muss nicht sehen, wie eine Leiche nach der Autopsie wieder notdürftig zusammengenäht wird. Ich bin nur froh, dass in meiner Kindheit und Jugend im Fernsehen der Umgang mit Wunden und Blut wesentlich zurückhaltender war. Wenn ich mir das alles hätte anschauen müssen, was da heute so über den Bildschirm tropft, ich hätte sicherlich ein schweres Trauma davongetragen.

Es würde also bluten in meinem Thriller, und zwar da, wo ich es für nötig halte, ohne dass es die Stimmung dominiert. Das Subtile ist heute nicht mehr gefragt, wer nicht eine oder zwei zerhackte Leichen detailliert beschreibt, ist wohl nicht mehr gerne gelesen? Dies ist ein weiterer Grund, warum mein Thriller, wenn ich ihn denn schriebe, zur Unverkäuflichkeit verdammt wäre. Vielleicht würde ihn, wenn die Idee gut sein sollte, ein Drehbuchautor aufgreifen und mit den nötigen Brutalitäten, Gewalttätigkeiten und „Blutergüssen“ publikumsnah aufpäppeln. Es ist nur noch die Frage, wie hoch die Summe ist, damit ich das ertragen kann. Wie bestechlich bin ich? Solange ich mir das Machblutwerk dann später nicht anschauen muss, sollte ein Milliönchen reichen.

Auch Bestechlichkeit beginnt mit B. Leider finde ich Bestechlichkeit ziemlich langweilig, vielleicht, weil sie so lebensnah ist. Brutalität gehört zum B, aber auch das mag ich nicht, weder brachiale Brutalität noch verhaltene über die Psychomasche. So hat der Film Clockwork Orange mich jahrelang verfolgt. Das brauche ich nicht auch noch selbst zu fabrizieren.

Wenn schon Blut, ergibt sich auch die Frage: Wie viele Leichen muss es geben? Reicht eine am Anfang für die ganze Geschichte? Oder ist es wie bei Inspektor Barnaby, bei dem immer eine Leiche auf die andere folgt? Mindestens zwei werden es dort, meist drei und gelegentlich vier, bis alle Verdächtigen einfach tot sind. Das vereinfacht die Aufklärung. Beides hat seinen Reiz. „Nur“ eine Leiche erfordert Handlungsnebenstränge, die den Leser wachhalten, das Geflecht der Geschichte muss dichter sein. Mehrere Leichen geben eine gute Sequenz vor und helfen dem Leser bei der Aufklärung, bevor der Autor sie auswalzt. Da ich selbst, wenn ich einen Krimi lese, immer auf den letzten Seiten anfange, damit die unerträgliche Spannung mir nicht das normale Lesetempo nimmt und ich nur noch den Text überfliege, wäre auch zu fragen, ob ich vielleicht gleich das letzte Kapitel an den Beginn setzen könnten. Dies sei für Zeiten verwahrt, wenn ich dann – theoretisch – das Erzählen beherrsche und auch einmal neue Pfade begehen kann.

Wie auch immer, bieten meine Beispielanfänge gute Aderlässe. Bei Anfang 1 ist es schon vorhanden, bei Anfang 2 erwarten wir alle, dass der Postbote beim Eintritt in den Garten jede Menge Blut sieht. Und im letzten, dem Versicherungsfall, liegt die Blutlache förmlich schon auf dem Schreibtisch, wenn dort von einem „Toten“ gesprochen wird. Auch wenn er schon länger im Grab oder einem Kolumbarium zu liegen scheint, wird er vielleicht exhumiert, was natürlich nur mit einem Grab, nicht dem humuslosen Kolumbarium funktioniert. Vielleicht könnte irgendwo noch eine Blutprobe von ihm umherschwirren. Und wenn man die Geschichte gar nicht dahin bekommt, dass die erste Leiche Blut lässt, kommt eben eine zweite Leiche hinzu. Da möchte ich natürlich nicht unsere beiden Bis-Jetzt-Protagonisten heranziehen, zu sympathisch sind sie mir schon. Vielleicht die nette, aber ach-so-genaue Chefin? Auch wenn mir jetzt nicht einfällt, warum so eine Abteilungsleiterin blutig dran glauben muss, so gibt es da bestimmt Möglichkeiten. Im Zweifelsfall kann immer die Mafia dafür herhalten, obwohl ich eigentlich niemals Krimi mit der Mafia lese und außer „Dem Paten“ auch nicht sehen mag.

Krimi to go – A (3/3)

(3)

Er saß leicht gelangweilt an seinem Schreibtisch. Sollte er wirklich den Laptop aufklappen und den Bericht tippen, der schon gestern fällig gewesen war? Ja, eine gute Idee, bitte kein Ärger mehr mit der neuen Chefin. Sie war gar nicht so übel, aber recht pedantisch, vor allem wenn es um Termine ging. Er seufzte. „Hoffentlich werde ich nach dreißig Jahren Betriebszugehörigkeit nicht mal so…“ Im Grunde arbeitete er gerne bei dieser Versicherung und hatte sich in seinen Job als „Versicherungsdetektiv“ gut eingearbeitet. Es machte Spaß, es forderte die Kombinationsgabe, aber es verstärkte auch ganz allgemein das Misstrauen Mitmenschen gegenüber. Andererseits befreite es ihn vom Schreibtisch, den er nicht besonders mochte.

Nun ja, es kam kein befreiender Anruf, die Chefin blieb in ihrem Büro, niemand klopfte an seine Tür. Er schielte in seine Kaffeetasse, auch noch halbvoll, also wirklich kein Grund, das Büro zu verlassen und sich einen Kaffee zu holen. Der Kollege war seit zwei Wochen krank, also gab es einfach nichts, was ihn ablenkte. Seufzend klappte er den Laptop auf und wartete, bis das Betriebssystem hochgelaufen war. Puh, das ging schnell. Er ordnete den Blätterstapel rechts vom Gerät und öffnete die Vorlage. Einmal drin im Schreiben, rutschte es immer ganz gut, und so war er dann auch leicht verärgert, als es an die Tür klopfte. „Ja bitte?“ rief er etwas unwirscher, als es gemeint war.

Eine junge Frau steckte den Kopf durch die Tür, schaute ihn überrascht an, trat halb herein und sagte: „Entschuldigung, bin ich hier falsch? Wenn ich störe, tut mir leid!“

Er taxierte sie kurz, das gehört zum Beruf. Mittelgroß, mittelschlank, mittelhübsch. Das war die Schublade, in die er sie packen konnte. Natürlich: Mittellange brünette Haare, so etwas mehr als kinnlang. „Wo wollen Sie denn hin?“

Die Frau kam herein. „Zu einer Stelle, die sich mit Versicherungsbetrug beschäftigt. Ein Herr Dubczik soll dafür zuständig sein, der Name steht auch auf der Tür?“ Sie sah ihn fragend an.

„Ja, das bin ich, sorry, wenn ich etwas barsch war – ich war gerade in einen wichtigen Bericht vertieft.“ Die Frau war offensichtlich beeindruckt und er beglückwünschte sich, das Wort „wichtig“ in diese Erklärung eingebaut zu haben. Er lud sie mit einer Geste ein, sich auf den kleinen roten Sessel auf der anderen Seite des Schreibtischs zu setzen. Sie nickte kurz „Danke“, zog ihren beigen Mantel etwas hoch und setzte sich. Ihm fiel sofort auf, dass sie nicht die Beine übereinanderschlug, wie Frauen das meist machen. Sie kreuzte die Beine im männlichen Stil, wie sie das im Vor-Jeans-Zeitalter nie getan hätte. Jeans – keine besonders teure Marke, jedoch auch kein Sonderangebot. Das Sweatshirt, das er durch den halboffenen Mantel sehen konnte, gute Qualität, ein witziger Spruch, etwas Glitter, weder billig noch teuer. Den Mantel hatte sie vermutlich in einem besseren großen Laden gekauft, keine Boutique-Ware, aber auch kein Ramsch. Hatte er hier das Mittelmaß in Person vor sich sitzen?

„Was kann ich für Sie tun?“

Sie betrachtete ihr Gegenüber. Ein netter junger Mann, eventuell noch etwas zu jung für diesen Beruf? Sie taxierte ihn innerlich, ein wenig Mittelmaß, dachte sie. Er würde ihr auf der Straße nicht auffallen, weder positiv noch negativ. Er war ganz gut angezogen, aber sicherlich hatte er in diesen Anzug kein Monatsgehalt investiert. Sein Lächeln war allerdings sehr nett, sie lächelte und dachte „Das ist schon Obergrenze Mittelmaß“. Genug beobachtet, sie hatte nicht den ganzen Tag Zeit. Sie griff zu ihrem Lederrucksack, den sie die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, und holte ein Papier heraus. „Schauen Sie selbst“, und schob es ihm über den Schreibtisch zu. Er schaute darauf, sah das Foto, las den kurzen Text und pfiff durch die Zähne. Er blickte hoch: „Das kann doch nicht sein!“

„Deswegen bin ich gekommen. Ich sollte mich vielleicht vorstellen, ich bin seine Großkusine!“

Das war interessant. Man kennt diese Fotos, die beim Überfahren einer Kreuzung bei Rot oder zu schnellem Davonsausen gemacht wurden. Selten ist der Fahrer günstig getroffen, aber meist deutlich erkennbar. So auch hier. Das Foto war eindeutig, das Datum auch. Es wurde interessant.

Krimi to go – A (2/3)

(2)

Er seufzte. Sein Job als Postbote in ländlicher Gegend bot ihm zwar viel Freiheit, war aber auch recht lästig mit der ganzen Fahrerei. Manchmal wünschte er sich, in einer Stadt zu arbeiten: Da gehst du deine Strecke ab, und das war’s. So zockelte er mit dem Auto von Haus zu Haus, gelegentlich durch ein Schwätzchen oder eine Tasse Kaffee aufgehalten. Noch zwei Kilometer zum Haus von Familie Mustermann. Er fand es immer höchst amüsant, dass es wirklich Menschen gibt, die diesen Universalnamen tragen. Wie oft würden sie sich mit einem gequälten Lächeln Scherze darüber anhören müssen? Er wusste so ziemlich genau, was seine Zielkunden – wie er sie nannte – an regelmäßiger Post bekamen. Es wurde immer weniger. Wann würde überhaupt keine Post mehr verteilt, alles per elektronischer Übermittlung weitergegeben? Er wusste nicht, ob er das gut oder schlecht finden sollte. Aber so ganz ohne Zeitungen, Kataloge, Glückwunschkarten? Er schüttelte den Kopf, nein, so recht konnte er sich das nicht vorstellen. Aber hätten sich seine Eltern vorstellen können, dass man auch ohne Telefonzelle die Mutter nachts anrufen konnte „Ich habe die letzte Bahn verpasst, kannst du mich bitte abholen…“?

Noch etwa achthundert Meter. Heute hatte er für Frau Mustermann einen großen, fett gefüllten Umschlag dabei. Den Absender kannte er nicht. Nicht, dass er neugierig wäre, aber man schaut doch schon mal irgendwie zufällig auf den Umschlag, sagte er sich. Den Namen des Absenders oder der Absenderin hatte er nicht parat, er erinnerte sich jedoch später noch konkret, dass der Vorname abgekürzt war. So ein schöner wattierter Umschlag. Er mochte diese wattierten Umschläge, nicht diese harten Kartons.

Noch wenige Meter. Und dann stand er vor dem Gartentörchen im Jägerzaun, der das Grundstück abgrenzte. Er sah sich um, irgendetwas war anders als sonst. Hatten die Vögel aufgehört zu zwitschern? Oder war es die Wäsche, die im Garten schlaff von der Leine hing, als hätte sie schon vor Stunden abgehängt werden sollen? Oder war es die Tür zum Gartenhäuschen, die lose in den Angeln hing und halb geöffnet war? Ungewöhnlich für die ordentliche Familie Mustermann. Er nahm den Umschlag, die beiden Zeitschriften und den Katalog aus der Tasche. Frau Mustermann bekam regelmäßig eine Strickzeitschrift, die jüngste Tochter so ein Teenie-Blättchen. Der Werkzeugkatalog war für Herrn Mustermann. Die Familie wohnte jetzt seit acht Monaten hier, Herrn Mustermann hatte er noch nie gesehen.

Er erreichte die Tür, er klingelte, denn die Post passte nicht in den kleinen Briefkasten. Er wartete. Nichts, keine Schritte, kein lautes „Ich komme gleich!“. Als die Familie im Sommerurlaub gewesen war, hatte Frau Mustermann ihm vorher Bescheid gegeben, aber letzten Samstag, als er das letzte Mal etwas auszuliefern hatte, hatte sie nichts davon gesagt. Er klingelte ein zweites Mal. Das Fenster oben links, so fiel ihm auf, stand offen. Also musste doch jemand im Haus sein? Er beschloss, einmal hinter das Haus zu gehen, vielleicht saß Frau Mustermann mit ihrem Strickzeug im Garten und hatte Kopfhörer in den Ohren.

Er schellte ein letztes Mal, dann dreht er sich um und ging links über den Kiesweg in Richtung Garten. Als er um die Ecke bog, gefror ihm das Blut in den Adern und er wünschte sich, er hätte diesen letzten Schritt nie getan.

Krimi to go – A (1/3)

A wie Anfang

Wenn ich einen Krimi schreiben wollte, was müsste ich dann tun?

  • Im gewünschten Milieu recherchieren
  • Charaktere erschaffen, überdenken und ausarbeiten
  • Einen Handlungsstrang konzipieren
  • Figuren illustrieren und darauf achten, dass sie konsequent geführt werden (rote Haare müssen rot bleiben usw.)
  • Punkte beachten, die mir jetzt nicht einfallen
  • Anfangen

Der Anfang ist das Tor zum Buch, das hat mir mal ein Verleger gesagt. Es stimmt: Wenn der Anfang mich nicht fesselt oder irgendwie packt, lese ich gar nicht oder nur mit einem gewissen Widerstand weiter. Wenn der Anfang passt, bin ich eher bereit, mich auf eine Geschichte einzulassen.

Natürlich hat so ein Krimi verschiedene Möglichkeiten des Einstiegs. Ich führe drei Beispiele auf:

  1. Sofortiger Einstieg in den kriminellen Akt, eine Leiche wird beschrieben oder Ähnliches
  2. Beschreibung einer völlig harmlosen Szene, die durch das Wissen, dass es sich um ein Genre mit Spannung handelt, gerade aufgrund ihrer Harmlosigkeit unheimlich wird
  3. Einstieg durch das Aufeinandertreffen von Hauptakteuren, z.B. Beschreibung eines Detektivbüros / des Kommissars im Büro usw.

So ein Anfang muss nicht sehr lang sein und kann mehr oder weniger rasch in die Haupthandlung übergehen.

(1)

Seine Augen waren weit geöffnet, als wollte er das Universum um die Beantwortung seiner dringlichen Fragen bitten. Sein rechtes Bein war merkwürdig verdreht, so wie es nicht ins Gelenk eingehängt ist. Sein halblanges Haar saß nass am Schädel, so als wäre er frisch aus der Dusche gekommen, einer Dusche aus Blut: seinem eigenen Blut. Wenn man sich über ihn beugte, konnte man die Einschussstelle noch erkennen. Über das hellgraue Hemd zog sich eine Blutspur von der Körpermitte zum rechten Arm, dort tropfte das Blut vom Körper auf den Asphalt. Der Ausgangspunkt des Blutflusses war ein Dolch, der in seinem Körper steckte. Warum würde jemand einen anderen Menschen erschießen und erstechen? Ein Rätsel. Neben dem Körper gab es Fußspuren, Reifenspuren … der Himmel war grau und schwer, und wenn nicht bald jemand die Leiche fände, würden die Spuren in Kürze durch einen heftigen Regenguss verwischt werden, es blieben nur ein wenig Blut, Dolch und die Schusswunde zurück. Es waren Schritte zu hören auf dem Asphalt, hohl und gleichzeitig schwer. Kamen oder gingen sie? War es nur ein Passant, der die nahegelegene Kreuzung überqueren wollte? Von der Kreuzung blinkte es gelb, die Stadt stellte die Ampel nachts auf Warnbetrieb, zu teuer, um in dieser kleinen Stadt die Ampelanlage am Ortsausgang rund um die Uhr eingeschaltet zu lassen. Nein, die Schritte kamen nicht näher, sie bewegten sich fort. Einsam war es hier, das nächste Haus lag noch hinter der Ampel, einige Hundert Meter entfernt, wie das hinter Ortsausgängen häufig so ist. Außerhalb der Reichweite eines Schreis, solange man vor dem Fernseher sitzt und nicht aufmerksam nach draußen lauscht. Wie lange schon lag dieser leblose Körper wohl auf der Straße? Dies zu bestimmen würde die Aufgabe der Gerichtsmedizin sein, sobald ihnen dieser Mann zur Autopsie übergeben würde. Aber wann würde das sein? Im Morgengrauen würde man ihn spätestens finden, wenn der erste Berufsverkehr sich auf der kleinen Hauptstraße zur nächstgrößeren Ortschaft schlängelt. Der massige Körper lag halb auf dem Grasstreifen, halb auf dem Asphalt, er war unübersehbar, dafür würde das Morgengrauen reichen. Die ersten schweren Tropfen lösten sich aus den Wolken. Das Geräusch eines Motorrads war entfernt zu hören und ja – es schien in diese Richtung zu kommen. Wäre es noch früh genug, um wenigstens Spuren, wenn schon nicht ein Leben zu retten?

Alles to Go

Den Coffee to go gibt es in kleinen Portionen in die Hand, wir trinken ihn unterwegs, am Bahnsteig, in der Bahn, im Stehcafé. Nicht jeder trinkt ihn, aber fast jeder kennt ihn. Da gibt es Auseinandersetzungen um den Behälter: Einweg oder Pfand, kann ich meinen Becher selbst mitbringen?

Den Krimi to go gibt es mittlerweile auch schon, in Köln steht sogar ein Automat, an dem man einen solchen Krimi bekommen kann. Das ist insoweit schade, als die Google-Suche für „Krimi to go“ gar nichts hergab, als ich vor einigen Monaten mit dem Schreiben meines Krimis to go begann. Ich hätte es direkt veröffentlichen und patentieren lassen sollen. Zu spät, die Millionen rutschen wieder einmal nicht über meine Türschwelle. Manche Wortschöpfungen liegen einfach in der Luft und daher werde ich keinen Rechtsstreit dafür fechten, dass ich unbedingt die Erste war. Vielleicht war ich es nämlich auch nicht. Ob originell oder Trittbrettfahrerin, mir ist es Einerlei.

Dennoch, hier und jetzt ab morgen: Der original Krimi to go!