Unfall – Märchen 7/7

Sankovic druckste immer noch. „Also mein Vater und meine Mutter denken, dass wir drei Brüder zu lange tatenlos am Hofe geblieben sind und nicht so recht erwachsen werden. Daher haben sie einen Wettstreit zwischen uns Brüdern ausgerufen, sodass einer von uns sein Nachfolger werde und eine Prinzessin heiratet.“

Der Drache nickte: „Das scheint mir weise. Kinder, die zu lange zu Hause wohnen, werden nicht erwachsen und können dann keine Verantwortung tragen, so wie es ein Reich verlangt. Das wissen wir Drachen schon lange. Worin besteht denn der Wettstreit?“

„Der ist genau das Problem. Siehst du, mein Vater befahl uns, im tiefen Wald nach Drachen zu suchen. Derjenige, der den größten und stärksten Drachen heimbringt, wird dann König und darf die Prinzessin Mira aus einem benachbarten Königreich ehelichen.“

„Ist Mira eine schöne Prinzessin?“

„Oh ja, bis heute dachte ich, sie ist die schönste Prinzessin der Welt. Sie ist geradegewachsen, hat Haar wie Ebenholz, Lippen wie Kirschen so rot und eine Haut wie Samt.“

„Und was hat sich heute geändert, mein junger Freund?“

„Als ich das erste Mal in Annabells Augen blickte, da war es um mich geschehen. Ihre Augen blitzen wie meine Seifenblasen, ihr Gemüt ist fröhlich und heiter, ihr Antlitz weckt die schönsten Gefühle und Gedanken in mir. Es wäre das höchste Glück für mich auf Erden, wenn sie mein Flehen erhören würde.“ Dabei sah er Annabell an, die einer Prinzessin würdig zart errötete und ihren Blick auf den Boden lenkte.

„Wie oft hast du denn Annabell schon angefleht?“

„Noch gar nicht, ich musste ja erst dafür sorgen, dass sie wieder gesund wird.“

„Und nun möchtest du mich mitnehmen zu deinem Vater, damit du das Königreich gewinnst?“

Sankovic schüttelte energisch den Kopf. „Nein, das möchte ich nicht mehr. Ich möchte die Prinzessin Mira nicht ehelichen, denn ich wäre ihr ein schlechter Gemahl. Welche Prinzessin möchte einen Prinzen an ihrer Seite, der seufzend den Namen einer anderen spricht? Auch das Königreich ist mir, das habe ich festgestellt, im Grunde gar nicht wichtig. Die Zeit hier mit meinen Freunden ist mir teurer geworden als alle Ländereien und Goldschätze, die es am Hofe meines Vaters gibt.“

Smeraldo wiegte seinen großen Kopf hin und her. „Du hast ein gutes Herz, das gefällt mir.“ Er wandte sich zu Annabell:

„Du, Prinzessin, hast dein Jahr bei mir noch nicht vollendet. Abends zu hören, wie Ihr mir ein Lied vorsingt, mittags die Speisen zu kosten, die Ihr für mich zubereitet habt, das alles war schöner, als ich lange Zeit erleben durfte. Ihr seid eine Perle unter den Prinzessinnen. Ich habe aber in das Herz von Sankovic geschaut und wenn Ihr ihn so liebt, wie er euch, würde ich auf eure Dienste verzichten.“

Annabell hob ihren Blick. „Oh, Smeraldo, auch um mich war es geschehen, als ich in Sankovics Augen schaute, sie sind so grün und leuchtend wie Smaragde, sein Gesicht ist edel und strahlt Güte aus, er ist stark und liebevoll zu den Geschöpfen des Waldes, ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen, als mein Leben mit ihm zu teilen!“

Smeraldo überlegte, dabei stiegen wunderschöne Seifenblasen aus seinen Nüstern. Sankovic staunte über alle Maßen, wie schön so ein Drache sein kann. Zum Glück, so dachte er, ist erstens Smeraldo ein Mann und zweitens für mich unerreichbar, sonst würde ich mich glatt noch ihn in verlieben.

„Ich hätte da einen Vorschlag, Smeraldo“.

„Lass mich hören, junger Freund!“

„Dein Palast ist riesig, da ist Platz genug für dich, deine Familie und noch mehr Geschöpfe.“

„Ich habe keine Familie, Sankovic, ich bin der letzte meiner Sippe.“

„Nun, dann ist erst recht Platz in deinem Palast. Du könntest Annabell und mir einen Flügel zur Verfügung stellen und meinen Freunden hier den anderen. Im Hauptgebäude könntest du weiter wohnen. So könnte Annabell dir immer noch vorsingen und für dich mitkochen, und wir beide könnten zusammen Seifenblasen in die Sonne schicken, dass es eine wahre Freude ist. Ich würde Hermelinius, der mir sehr ans Herz gewachsen ist, mit einer Botschaft zu meinem Vater und meiner Mutter schicken, dass ich mein Glück gefunden habe und das dies nicht in ihrem Königreich liegt.

„Das ist eine gute Idee, Sankovic. Und jetzt bin ich müde und muss mich hinlegen für meinen Mittagsschlaf“. Als Smeraldo gegangen war, fielen Annabell und Sankovic sich in die Arm und küssten sich unter dem Beifall von Sankovics Freunden. Dann schrieb der junge Prinz den geplanten Brief an seinen Vater und übergab ihn Hermelinius, der sich sofort auf den Weg machte.

Nach einigen Tagen kam Hermelinius zurück und berichtete vom Hofe. Erst einmal sollte er ihm nur die besten Grüße von seinen Eltern bestellen. Der König hatte den Brief gelesen und zu den beiden Brüdern gesprochen: „Wahrlich, Sankovic ist der unter euch, der wirklich erwachsen geworden ist. Ihm steht das Königreich zu, aber er hat etwas gefunden, was ihm wichtiger ist als Geld und Macht: Liebe und Freundschaft. Das Königreich werde ich in fünf Jahren in euer beider Hände übergeben und hoffe, dass Ihr es gemeinsam so friedlich weiter regiert, wie ich das versucht habe. Die beiden Drachen lassen wir frei.“

Ludovic und Malkovic schauten sich an. Sie senkten demütig den Kopf und sprachen: „Ja, Vater“. Aber abends saßen sie zusammen und schmiedeten andere Pläne. Was daraus geworden war, wusste Hermelinius nicht, denn er kehrte zu Smeraldos Schloss zurück.

Sankovic und Annabell heirateten, wenige Monde später schloss Smeraldo auf immer seine Augen. Er hatte sein Lebensziel erreicht, nämlich würdige Bewohner für sein Schloss gefunden, und er konnte in Frieden gehen. Sankovic, die Prinzessin seines Herzens und alle ihre Freunde, die täglich mehr wurden, füllten das Schloss mit Gesang, Seifenblasen und vielem mehr bis an das Ende ihrer Tage.

 

 

Unfall – Märchen 6/7

Der Weg war mittlerweile zu einer schönen geraden Straße geworden, die Sonne schien und die Gesellschaft war fröhlich. Sankovic ging vorne weg und schickte Seifenblasen zur Sonne. Die Seifenblasen führten wunderschöne Tänze auf, kugelten und schimmerten, dass es ein Vergnügen war, ihnen zuzusehen, bevor sie auf der Erde mit einem kleinen Klingeling zerbarsten.

Ganz weit am Horizont entdeckte Sankovic ein Flimmern. Könnte das der Drache sein? Oder eine Burg, in der sie rasten könnten? Zielbewusst ging Sankovic den Weg weiter, der nun aber begann, eine Schlängelung anzunehmen. Büsche standen links und rechts, es wurde etwas dunkler, ein schönes sattes Dunkelgrün von den Bäumen und Sträuchern. Sankovic schickte Seifenblase um Seifenblase in Richtung der Sonne, wo sie das Sonnenlicht aufsaugten, etwas tiefer fielen und das Licht wieder abgaben, so dass Sankovic und seine Freunde genug sehen konnten, um nicht vom Weg abzukommen. Sankovic war so auf seine Seifenblasen konzentriert, dass er nicht sah, dass von rechts ein kleiner Weg kreuzte. Genauso wenig nahm er war, dass ein Mägdelein mit zwei Körben über der Schulter und einem großen Wasserkrug auf dem Kopf die Straße passieren wollte. Es war so Gesetz, dass Wasserträger das erste Wegerecht hatten, aber Sankovic hatte nichts bemerkte und lief genau in das Mädchen hinein. Ihre Körbe fielen auf den Boden, die Beeren kullerten über die Wiese und der Krug zerbarst. Das Mädchen blieb bewusstlos liegen. Sankovic kniete sich neben sie, sah sie an und wurde sofort gewahr, dass sie nicht nur wunderschön, sondern auch von edler Abstammung war. Er schüttelte sie sanft, um sie wieder ins Bewusstsein zu holen. Als ihm das gelang, öffnete sie ihre Augen. „Potztausend“, rief Sankovic aus, „Ihr seid die schönste Prinzessin, die ich je gesehen habe.“ Hermelinius räusperte sich.

„Woher wisst Ihr, dass ich eine Prinzessin bin?“

„Das sagt mir mein Herz, und ich hoffe, es belügt mich nicht. Mein Name ist Sankovic, ich bin der kleine Bruder von Ludovic und Malkovic und der Sohn des Königs. Ich bin untröstlich, dass du meinetwegen zu Fall gekommen bist. Wer bist denn du?“

„Ich bin Annabell, ich bin die Tochter des benachbarten Königreichs.“

„Und was machst du hier mitten im Wald, schwer bepackt mit Früchten und einem Wasserkrug?“

„In unserem Königreich ist es Sitte, dass die Prinzessinnen ein Jahr dem großen Drachen im Wald als Magd dienen, damit sie Bescheidenheit lernen.“

Sankovic holte Luft, denn er hatte den nächsten Satz mit Potztausend beginnen wollen. So aber antwortete er nur: „Das ist eine sehr gute Idee, auch junge Prinzen könnten solche Dienstjahre gebrauchen, um Bescheidenheit zu erlangen. Nun aber musst du mir sagen, ob du dir weh getan hast. Ich bin immer noch untröstlich!“

Annabell fühlte ihre Arme und Beine: „Ich bin mir nicht sicher, es tut schon weh. Ich weiß aber nicht, ob es nur blaue Flecken sind oder ich mir etwas gebrochen habe. Am besten bringt Ihr mich zu dem großen Drachen, der auch heilende Kräfte hat.“

„Selbstverständlich!“

Und so suchten er und seine Kameraden Äste und Blätter zusammen und bauten eine Sänfte für Prinzessin Annabell. Dann gingen sie in Richtung des Flimmerns, was sich als prächtiger Palast entpuppte. Sankovic lenkte Annabell von ihren Schmerzen ab, indem er ihr von seinen Eltern und seinen Brüdern erzählte und viele schöne Seifenblasen auf sie herunterfallen ließ, die Annabell jauchzend auffing. So kamen sie nach einer Stunde an dem Palast an.

Sankovic rief aus: „P…., äh, herrlich, herrlich, selten habe ich so ein schönes Gebäude gesehen“! Er betätigte den Türklopfer. Es dauerte eine Weile, dann tat sich das Tor auf. Annabell zeigte ihnen den Weg zum Thronsaal. Sie traten ein und alle standen voller Ehrfurcht vor dem großen Drachen, der aussah, als sei er aus lauter schillernden Seifenblasen zusammengesetzt. Auf seinem Haupte saß eine große, mit Diamanten geschmückte Krone. Sankovic verbeugte sich tief, wie er es bei Hofe gelernt hatte.

„Guten Tag, Majestät. Mein Name ist Sankovic, ich bin der kleine Bruder von Ludovic und Malkovic und der Sohn des Königs. Durch meine Tolpatschigkeit ist Annabell, die Prinzessin des benachbarten Königreichs, die derzeit in deinem Dienste steht, zu Schaden gekommen. Bitte lass deine heilenden Kräfte auf sie wirken, damit mein Schuldgefühl mir nicht weiter den Atem raubt.“ Dabei kniete er auf einem Knie, das andere Bein hatte er aufgestellt, seinen Kopf in leichter Demut gesenkt. Seine Kameraden knieten ebenfalls und hatten, da sie nicht von adligem Geschlecht waren, die Stirne auf den Boden gesenkt.

„Potztausend“, sprach der Drache, „das ist ja eine illustre Gesellschaft, die Ihr mir hier mitbringt! Ja, ich kenne dich, Sankovic, meine Späher haben mir berichtet, wie du deine Wegzehrung mit den Tieren des Waldes geteilt hast. Was treibt dich denn so tief in den Wald hinein?“

Während der Drache sprach, erhob er sich von seinem Thron zu seiner vollen, beeindruckenden Größe. Er schritt vom Thron hinab und ging zu Annabelle. Er legte seine Tatzen auf ihre Schulter und ließ sie in seine geschlitzten Augen sehen. „Nun, Prinz Sankovic, lass es mich wissen.“

Sankovic war die Antwort etwas unangenehm. Wie sollte er so einem großen und starken Drachen klarmachen, dass er ihn mit zu seinem Vater nehmen sollte? Und dass er außerdem vorhatte, so hatte er schon beim ersten Blick in Annabells Augen gesehen, ihm seine Magd zu entführen und zu ehelichen.

Der Drache ging zum Thron zurück, Annabell betastete ihr Arme und Beine und strahlte: „Smeraldo, es ist wunderbar, alle Schmerzen sind weg.“

„Nun, junger Mann, wann höre ich deine Antwort?“

„Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll…“

„Ich weiß es erst recht nicht. Am besten die Wahrheit, gerade heraus!“

Unfall – Märchen 5/7

Dann zog er zum Palast, Herolde kündigten dem König seine Ankunft an. Der König ließ ihm ausrichten, er möchte bitte in seinen Gemächern warten, bis auch der letzte Bruder zurückgekehrt war. Das gefiel Malkovic nicht, denn er war überzeugt gewesen, sein Vater würde ihm sofort das Königreich übertragen.

Wie aber war es Sankovic in der Zwischenzeit ergangen?

Sankovic ging munter pfeifend seinen schmalen Weg entlang. Er winkte den Vögeln zu, die im Gebüsch saßen und zwitscherten. Von seinem Brot gab er dem Bussard ein Stück für seine Jungen ab. Je weiter er ging, um so breiter wurde der Weg und umso heller schien das Sonnenlicht auf ihn herunter. „Potztausend“, rief er aus, „da kann ich ja meine Seifenblasen zu Ehren Gottes schillern lassen.“ Sankovic war nicht sonderlich religiös, aber er hielt es für ein Zeichen der Ehrfurcht vor dem Schicksal, dass er ab und an ein „zu Ehren Gottes“ in seine Rede einstreute. Er dachte an seine Brüder, wie es wohl ihnen ergangen war. Mittags machte er eine Rast, er saß an eine Eiche gelehnt und verzehrte die beiden Äpfel. Fünf Minuten später macht es plopp, plopp, und von der Eiche fielen zwei neue wunderschöne Äpfel herab. „Potztausend“, rief er aus, „das ist ein feines Geschenk von der Eiche, dir sei Dank“. Nach seiner Mahlzeit wurde er müde und schlief ein. Als er aufwachte, hatten sich Eichhörnchen, Marder, Feldmäuse, ein Dachs und ein Fuchs zu ihm gesellt. Sankovic lachte hell auf: „Potztausend, was für eine feine Gesellschaft! Was kann ich für euch tun?“ Die Feldmäuse liefen zu den Tüchern, in die das Brot gewickelt war und fiepten. Da nahm Sankovic das Brot und verteilte es unter den wartenden Tieren. Sie kamen näher zu ihm und er streichelte sie. „Bald muss ich weitergehen“, sagte er sich, „wenn ich noch einen Drachen finden will. Aber ich gönne mir noch fünf Minuten.“ Während er so saß und ein schönes Lied vor sich hinsummte, führten die drei Eichhörnchen ein kleines Tänzchen auf. Plötzlich machte es wieder plopp, plopp, und zwei frische, köstlich duftende Brote fielen von der Eiche. „Potztausend“, rief Sankovic abermals aus, „das ist ja hier wie im Paradies.“ Nun erschrak er, denn wenn er im Paradies wäre, hieße das, er wäre gestorben. Er kam sich aber recht lebendig vor. Wie könnte er es feststellen?

Er rief seinen tierischen Kameraden zu: „Haltet an und hört mir zu!“ Augenblicklich erstarrten sie alle und blieben in den lustigsten Verrenkungen stehen. Da mussten sie alle herzlich lachen und kugelten sich fröhlich auf der Wiese. Dann aber wurden sie still und spitzten ihre Ohren. „Hört mir zu, meine lieben Freunde, hier in diesem Wald passieren wunderliche Dinge. Da fällt das Essen von einer Eiche, von der eigentlich nur Eicheln fallen sollten. Es ist mir wie im Paradies. Ein Paradies ist natürlich wunderbar, aber es hieße dann, ich wäre tot und könnte die Aufgabe meines geliebten Vaters nicht erfüllen. Ich möchte ihn nicht enttäuschen und auch noch einige Abenteuer erleben, bevor ich in das Paradies komme. Bitte sagt mir, ob ich noch lebe oder schon tot bin!“

Der Fuchs als Mutigster trat nach vorn und sprach: „Du lebst, in deinen Adern fließt das Blut genau wie noch in meinen.“ Sankovic antwortete: „Potztausend, du kannst sprechen! Es wird mir immer wunderlicher. Aber auch das könnte doch Teil des Paradieses sein.“ Die Tiere nickten. Da kam ein keckes Eichhörnchen nach vorn: „Du könntest dich zwicken, und wenn es weh tut, bist du sicherlich nicht im Paradies, denn da gibt es keine Schmerzen.“

„Potztausend“, rief Sankovic aus, „darauf hätte ich auch selbst kommen können, das lernt man doch schon früh als Zeichen dafür, ob man träumt oder nicht.“ Er kniff sich fest in den Arm und schrie auf: „Auaaa!“ Die Tiere jubelten: „Du lebst und wir auch!“ Der junge Mann packte seine sieben Sachen zusammen und wollte sich weiter auf den Weg machen. „Dürfen wir dich begleiten?“ fragte eine Feldmaus. „Nur zu gern, folgt mir einfach, die Straße ist breit genug für uns alle“.

Während sie so fürbaß gingen, drängelte der Dachs sich an seine Seite. „Liebes Menschenkind, wie heißt du eigentlich?“

„Mein Name ist Sankovic, ich bin der kleine Bruder von Ludovic und Malkovic und der Sohn des Königs. Und wer bist du?“

„Ich bin Hermelinius, Dachs in diesem Wald in dritter Generation.“

Sankovic machte einen Diener, zog seinen Federhut und sprach: „Ich fühle mich sehr geehrt, deine Bekanntschaft machen zu dürfen!“

Hermelinius antwortete: „Das beruht ganz auf Gegenseitigkeit. Jetzt ist da aber noch eine Kleinigkeit, ich weiß nicht, ob du es gern hast, wenn man dir einen Ratschlag gibt. Manche Prinzen reagieren darauf sehr bösartig, schreien dich an ‚Ratschläge sind auch Schläge‘, und schlagen zu.“

„Nein, nein, das ist bei mir nicht so. Sprich ruhig frei von der Leber weg, wenn ich von dir lernen kann, umso besser.“

„Lieber Sankovic, ist dir noch nicht aufgefallen, dass du immer, wenn du erstaunt bist, deine Sätze mit Potztausend beginnst?“

Sankovic dachte nach. „Potztausend, du hast Recht!“ Da lachten sie beide.

Hermelinius fuhr fort: „Mein Rat an dich, versuche das einzudämmen. Vor allem wenn du jemals eine hübsche Maid treffen solltest, denn die Damen mögen Wiederholungen nicht so sehr.“

„Hermelinius, das ist ein wirklich ausgesprochen wertvoller Rat, sollte ich einmal König werden, so mache ich dich zum höfischen Ratgeber!“

Die Sonne ging langsam unter, die Gesellschaft legte sich schlafen. Die Tiere scharrten sich so um Sankovic, dass er nachts nicht frieren musste, denn nachts war es recht frisch.

Am nächsten Morgen frühstückten sie gemeinsam, der Fuchs zauberte noch ein paar frische Eier aus einer Ecke, die sie auf einem kleinen Feuerchen rösteten. Sankovic dachte „So muss ich Eier öfter mal essen!“, verteilte seine Vorräte und hoffte, dass sie ebenso erneuert wurden. Sie waren noch keine zehn Minuten aufgebrochen, als Brote, Äpfel und vieles mehr aus den Büschen sprangen.

Unfall – Märchen 4/7

Der Nebel verzog sich und eine wunderschöne Mittagssonne ging auf. Der Prinz sattelte sein Pferd, ließ es am See trinken und sammelte Beeren von den Sträuchern, die um den See wuchsen, als Wegzehrung. Frohgemut ritt er den breiten Weg entlang, tief in den dunklen Wald hinein. Der Wald war voller hoher Tannenbäume, die bis zu einer Höhe von drei Metern schon keine Äste mit Nadeln mehr hatten. Auf dem Boden unter den Bäumen lag daher ein dichter Teppich aus Nadeln, der alle Geräusche verschluckte. Selbst das Klappern der Hufe war nur auf der Straße metallisch-dumpf zu hören, der Rest des Schalls landete im Boden. Das Licht wurde von den Wipfeln der Tannen hoch oben abgefangen, nur durch den Weg landete etwas Licht, die Reiter und Pferd eine dämmrige Orientierung ermöglichten. Tiefer und tiefer drangen sie in das Dickicht das Waldes ein, um sie herum war es stumm. Sie hörten nicht die Mäuse, die über den Boden huschten, sie hörten nicht die Grillen, die zum Lichtschein tanzten und sangen, sie hörten nicht die Vögel, die hoch über den Wipfeln ihre Balzlieder austauschten. Und deshalb standen sie ganz unvermittelt vor einer Wellblechhüte mit fünf Schornsteinen, aus denen es kräftig rauchte. Neben der Tür hing ein Schild „Hier kocht der Drache noch selbst.“

Der Prinz stieg von seinem Pferd und schlich sich zum Fenster. Er hätte auch ganz normal gehen können, denn genau wie er nichts hören konnte, wurde auch er nicht gehört. Er lugte durch die eine Ecke des Fensters, die herausgebrochen war. Der Rest war so schmutzig, dass es keinen Einblick in die Hütte gab. Malkovic sah einen riesigen Herd, vor dem ein geschuppter Drache mit kreisrunden rotglühenden Augen stand. Links vom Herd stand ein Käfig mit zitternden Mäusen, Ratten und anderem Kleingetier. Auf dem Herd stand ein Riesenbottich mit Wasser. Der Drache blies seinen feurigen Atem in das Wasser, um es zum Kochen zu bringen. Rechts vom Herd standen drei Porzellandosen, die mit Zettelchen beklebt waren: „Italienische Kräutermischung“, „Grillgewürz“ und „Chilipulver extrascharf“.

Mit spitzen Drachenfingern packte er eine Maus am Schwanz und ließ sie über dem Topf mit blubberndem Wasser hängen, seine roten Augen rollten und er lachte, dass das Wellblech auf der Hütte erzitterte. Der Prinz aß zwar selbst auch gern ein knuspriges Hühnchen oder ein Spanferkel vom Grill, aber das hier war eine abscheuliche Szene! Die Maus quiekte und wand sich, sie winkte dem Prinzen mit den kleinen Pfötchen zu. Der Drache hatte das mit seinen kleinen flinken Schweinzäuglein, die er am Hinterkopf hatte, sofort bemerkt und drehte sich auf seinen Füßen in Richtung Fenster. Als er den Prinzen dort erblickte, war er völlig entgeistert, denn er hatte noch nie einen Menschen gesehen. Vor Schreck ließ der den Schwanz der Maus los, die, da er sich gedreht hatte, zum Glück nur auf den Rand des Topfes fiel. Rasch kletterte sie hinab und lief zu dem Käfig, verzweifelt versuchte sie mit ihren kleinen Pfoten ihre Leidensgenossen zu befreien, damit sie fliehen konnten.

„Was haben wir denn da wir einen hübschen großen Braten, wie ich ihn schon seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen habe?“ zischte der Drache. Seine roten Augen funkelten und nahmen eine schwarze Farbe an, wodurch er noch unheimlicher war. Der Prinz wollte fliehen, aber der Drache war flink und hatte ihn und das Pferd schnell mit einer Tatze geschnappt.

Der Drache nahm die beiden in seine schreckliche Hütte. Er fegte den Mäusekäfig mit der Maus zum Boden, weil er den Platz jetzt für etwas anderes brauchte. Durch den harten Sturz öffnete sich die Tür des Käfigs: Mäuse, Ratten, Eidechsen und all das andere Getier konnten fliehen. Der Prinz landete unsanft auf der Arbeitsplatte. Der Drache summte vor sich hin, es war schauerlich anzuhören. Als er das Messer wetzte, schrie der Prinz in seiner Todesangst um Hilfe. Da hörte er die Geisterstimmen im Raum, sie sangen einen lieblichen Gesang mit unbekannten Worten, der ihn sofort zum Schlafen brachte, trotz seiner Angst. Als er nach einem erholsamen tiefen Schlaf wieder aufwachte, sah er den Drachen auf dem Boden liegen, prall wie ein mit Wasser überfüllter Beutel. Der Prinz stieß ihn an, um zu sehen, ob er noch lebte, da schaukelte er auf seinem Rücken. Flugs baute er aus allerlei Seilen und Küchenwerkzeugen eine Seilwinde. Er fesselte den Drachen, der nur laut schnarchte, und hievte ihn auf einen Wagen. In einem Nebenhaus des Gebäudes fand der Prinz zwölf Pferde, die ihm dankbar die Hand leckten, als er sie befreite. Willig nahmen sie Platz vor dem Wagen mit dem Drachen, um ihn zusammen mit dem Prinzen zurück zum Hofe des Königs zu bringen.

An der Wegkreuzung angekommen, an der sie sich getrennt hatten, fing der Prinz mit seiner Linken zwei Tauben. Ihnen band er je eine kleine Papierrolle an das linke Bein und befahl ihnen, zu seinen Brüdern zu fliegen und jeweils einen Brief zu überbringen. In den Briefen hatte der Prinz geschrieben, dass er den Drachen gefangen habe, der Bruder nun die Suche aufgeben könne, denn er, Ludovic, habe den Wettstreit ganz offensichtlich gewonnen. Im Brief an Malkovic hatte er noch einen Zusatz gemacht: „Lieber Bruder, da ich deine Hilfe nicht gebraucht habe, muss ich auch keine Leibrente an dich zahlen. Dennoch kann ich dich zum Hirten über meine Ziegenherde machen, du musst keinen Hunger leiden.“

Der Prinz ruhte sich noch einmal gut aus und achtete darauf, dass der Drache nicht zu plötzlich abnähme. Morgens brach er auf und als er das Schloss erreicht hatte, befahl der Prinz den Dienern, den Drachen in Ketten zu legen und in eines der Verliese zu bringen. Da diese alle belegt waren, ließ er die Ketten an drei starke, hundert Jahre alte Bäume im Park binden.

Unfall – Märchen 3/7

Der Baumgeist rieb die Fäuste zusammen, sprach etliche für Menschen und Drachen unverständliche Worte. Während er so dort stand, begannen die Brombeeren am Wegesrand eine Art Sänfte mit Rädern zu bilden. Ihre Blüten legten sie in die Mitte, sodass es weich und kuschlig war. Der Baumgeist verneigte sich vor dem Prinzen: „Ich wünsche dir und deinem Gefährten eine gute Reise.“ Der Drache legte sich auf die Brombeersänfte und begann ein wenig Hirsebrei zu löffeln, um seine Nerven zu beruhigen. Er bot auch dem Baumgeist eine Portion an, der aber bedankte sich höflich und verschwand.

Die Brombeeren ächzten und stöhnten unter dem Gewicht des Drachens, aber sie gaben nicht auf. Waren sie nicht bekannt als die zähesten Brombeeren im ganzen Königreich? So erreichten der Prinz und sein Weggefährte die Kreuzung, an der er sich von seinen Brüdern getrennt hatte. Der Prinz fing zwei Mäuse, beschrieb zwei Blätter Pergament, die er aufrollte. Er band jeder Maus einen Riemen um den Bauch, unter den er eine Schriftrolle steckte. „Du gehst und findest Malkovic und übergibst ihm meinen Brief, du aber suchst Sankovic und gibst ihm seinen Brief.“ Die Mäuse fiepten Einverständnis und liefen davon.

In den Briefen hatte der Prinz geschrieben, dass er den Drachen gefangen habe, der Bruder nun die Suche aufgeben könne, denn er, Ludovic, habe den Wettstreit ganz offensichtlich gewonnen. Im Brief an Malkovic hatte er noch einen Zusatz gemacht: „Lieber Bruder, da ich deine Hilfe nicht gebraucht habe, muss ich auch keine Leibrente an dich zahlen. Dennoch kann ich dich zum Hirten über meine Schafherde machen, du musst keinen Hunger leiden.“

Nach einer guten Rast zogen sich beide um: Der Prinz legte sein Prinzengewand an, das er in einem Baumloch am Wegesrand versteckt hatte, der Drache zog seinen Drachenanzug an, der aus feinster Seide gesponnen und mit vielen Eicheln dekoriert war. Als sie das Schloss erreicht hatten, sprang der Drache von seiner Sänfte, die sich daraufhin in Brombeerausläufer zurückverwandelte und sich in den Wald zurückzog.

So zogen die beiden zum Palast, Herolde kündigten dem König ihre Ankunft an. Der König ließ ihnen ausrichten, sie möchten bitte in den Gemächern des Prinzen warten, bis die anderen Brüder zurückwaren. Das gefiel Ludovic nicht, denn er war überzeugt gewesen, sein Vater würde ihm sofort das Königreich übertragen.

Wie aber war es Malkovic in der Zwischenzeit ergangen?

Er war auf Geheiß seines Bruders in den rechten Weg geritten. Der Weg war breit, der Wegesrand war bewachsen. Als Malkovic weiter in den Wald eindrang, wurde das Gehölz am Rand des Weges immer dichter, er konnte zur Seite nichts mehr sehen. Er ritt in die Nacht hinein, bis er gar nichts mehr sehen konnte. Der Prinz fürchtete sich aber vor der Dunkelheit, deshalb war er so nervös, dass er seine sämtlichen Vorräte aufaß. Da hörte er plötzlich Stimmen hinter sich. „Kein Wunder, dass der Prinz so einen dicken Bauch hat, dass das Pferd fast unter seiner Last zusammenbricht, wenn er immer so viel isst.“ „Ja, da hast du recht. Ich habe noch nie ein so feistes Menschenkind gesehen. Morgen wird er gar nicht mehr auf sein Pferd kommen.“ Malkovic lachte verächtlich, er wusste ja, dass er nicht dick war, nur weil er ab und an zu viel aß, wenn er nervös war. Dennoch war er, nun da er die Stimmen gehört hatte, nicht mehr so ängstlich, wickelte sich in seine Decke und schlief beim Licht einer Kerze ein.

Als er morgens aufwachte, hatte er das Gefühl, etwas würde ihn erdrücken. Er konnte nicht aufstehen und als er an sich herunterblickte, erschrak er: Sein Beinkleid saß so fest an ihm wie eine Wurstpelle, da sein Leib aufgequollen war. Er fühlte sich wie ein Käfer auf dem Rücken. Mit mehreren Schaukelbewegungen drehte er sich schließlich auf den Bauch und konnte so mit Mühe aufstehen. Er lief zu einem nahegelegenen See, um sich anzuschauen. Malkovic war immer stolz gewesen auf sein Aussehen: grade gewachsen, kräftig und stark, mit einem männlichen Gesicht mit einer Kerbe im Kinn, was die Mädchen verzauberte. Jetzt schaute ihm ein Kloß von Mensch entgegen, die Arme konnte er nicht glatt am Körper anlegen, weil dieser zu allen Seiten gewölbt war. Die Kerbe im Kinn war von Fett zugewuchert, seine Wangen aufgeblasen wie Ballons. Seine schönen dunklen Augen waren im Fett des Gesichts fast versunken, die Haare standen ihm vom Kopf ab. Seine Hände sahen aus wie eine Portion glitschiges Rührei, aus dem fünf fette Würstchen guckten. Malkovic weinte gar jämmerlich, was dazu führte, dass seine kleinen Schweinsäuglein gänzlich zuquollen. Hinter sich hörte er mehrere Geisterstimmen lachen und johlen. Er konnte nichts sehen und drehte sich um: „Bitte helft mir wieder heraus aus dieser Gestalt! So kann ich doch keinen Drachen fangen.“

Die Stimmen erkundigten sich, warum er denn einen Drachen fangen wolle? So berichtete der junge Prinz von seiner Mission, aber alle vier bis fünf Wörter musste er Atem holen, weil ihm das Fleisch auf die Lunge drückte. „Wir werden dir helfen“, wisperte die eine Stimme. „Ja, das werden wir. Wir hatten großen Spaß mit dir, aber wir haben nicht geahnt, dass dich diese kleine Verwandlung so traurig macht. Menschen haben andere Späße als wir, bitte sei nicht böse. Und zum Ausgleich bekommst du deinen Drachen!“ Eine dritte Stimme befahl dem Prinzen, sich auf den Waldboden zu legen, seine Augen zu schließen und bis fünfhundertsiebenundachtzig zu zählen. Erst dann dürfe er die Augen wieder öffnen, würde er es eher tun, würde dieser Leib für den Rest seines Lebens der seine bleiben.

Der Prinz war nicht dumm und hatte genügend Geschichten gehört, in denen Menschen verbotene Türen geöffnet, zu früh eine bestimmte Stelle verlassen oder sonstwie die Anweisungen von überirdischen Kräften missachtet hatten. Also zählte er brav und wäre über dem Wirrwarr leiser Stimmen, die Beschwörungen sangen, fast eingeschlafen. Als er endlich fertig war mit dem Zählen, öffnete er die Augen. Als Erstes bemerkte er, dass er wieder sehen konnte. Und als er an sich herabblickte, lag sein Beinkleid locker am Körper wie immer. Er blickte in den Wald, konnte aber niemand sehen und dankte den Geistern. Er sah im Fernen eine kleine Wolke und hörte die vierte Stimme: „Es tut uns leid, dass wir mit dir diesen Schabernack getrieben haben. Aber es kommen nicht viele Menschen in diese Ecke des Waldes und unser Leben ist sonst eher langweilig. Wenn du deinen Drachen gefunden hast und den Eindruck bekommst, du bist ihm nicht gewachsen, dann rufe uns. Wir werden dir helfen!“

Unfall – Märchen 2/7

Ludovic ritt den großen breiten Weg entlang. Er ritt einen Tag, ruhte eine Nacht und ritt weiter. Gegen Mittag wurde das Dickicht am Rande des Wegs immer größer und fing an, sich auch auf dem Weg auszubreiten. So wurde der Weg immer enger und der Prinz musste mit seinem Schwert mehr und mehr Schlingengewächse zerschneiden, damit er weiter reiten konnte. Am Abend kam er völlig ermüdet an einem großen Baum an, in dem ein Baumgeist hauste. Kaum hatte sich der Ritter gesetzt, kam der Baumgeist aus dem Baum und setzte sich neben den Ritter. Während die beiden dort saßen, wuchsen die Schlingpflanzen enger und enger um sie und verdeckten den ganzen Weg, so dass man nicht erkennen konnte, ob das Dunkel vor ihnen die Nacht war oder ob die Schlingpflanzen die untergehende Sonne verdeckten.

„Wes Weges kommt Ihr, edler Ritter?“

„Du meinst ‚weswegen‘!“

„Nein, ich meine wes Weges. Aber ihr Menschenkinder seid manchmal ein wenig langsam, daher frage ich doch noch einmal: Welchen Weg bist du gekommen, welchen Weg willst du nehmen und was suchst du?“

„Ich komme von dahinten, ich will nach da vorn und ich suche einen grässlichen Drachen, den ich tot oder lebendig meinem Vater mitbringen möchte.“

„Du liebst deinen Vater so sehr, dass du ihm ein so großes Geschenk darbieten möchtest?“

Ludovic wollte nicht lügen. „Nein, er hat das von uns gefordert: Wer den Drachen heimbringt, gewinnt das Königreich und vermutlich, so steht es in den alten Überlieferungen, auch eine junge Prinzessin. Es würde wohl Prinzessin Mira sein.“

Der Baumgeist kicherte: „So eine hübsche Prinzessin würde ich wohl auch gern mein Eigen nennen, sie könnte meinen Bart zupfen und kämmen, und mir leckere Bucheckernsuppe kochen. Wenn ich dir einen Wunsch erfüllte, gibst du mir dann die Prinzessin und du nimmst das Königreich?“

An des Königs Hof wurden viele alte Geschichten und Sagen erzählt, und so wusste der junge Prinz, dass es gut war, sich mit den Geistern und ähnlichen Gestalten gutzustellen. Er reichte dem Baumgeist die Hand: „Abgemacht!“ Dann war der Prinz so müde, dass er in einen tiefen und langen Schlaf fiel. Als er wieder aufwachte, war er völlig von Schlingpflanzen eingewickelt. „Hilfe, Hilfe, so helfe mir doch einer!“ Der Baumgeist fuhr aus seinem Baum, „Wie du willst, junger Prinz“ und gab den Pflanzen ein Zeichen, sodass sie sich von ihm zurückzogen.

„War das jetzt mein Wunsch an dich?“ „Nein, das wäre gemein, es gibt Baumgeister, die so handeln, aber das wäre unfair. Ziehe von dannen und ruf mich, wenn du mich wirklich einmal brauchst.“

Der Weg war nun auch frei von Schlingpflanzen, nur die Brombeerbüsche ragten noch hinein. Der Prinz hackte sie mit seinem Schwert beiseite und ritt weiter. Der breite, breite Weg wurde immer schmaler. Am Abend des nächsten Tags erreichte der Prinz das Ende des Wegs. Dort stand ein kleines Häuschen mit einem Garten. Vor dem Häuschen stand ein kleiner Drache, der eine Schürze umgebunden hatte und mit einem Besen die Eingangstreppe fegte.

„Bist du der große gefährliche Drache?“, fragte ihn der Prinz verwundert.

Der kleine Drache war noch nie für groß und gefährlich gehalten worden und freute sich sehr. „Ja, der bin ich!“ Und dabei fletschte er seine kleinen Zähne, die gut für das Zerreißen von Blättern waren.

„Wer bist denn du?“

„Ich bin Prinz Ludovic und suche einen Drachen, den ich mit zu meinem Vater nehmen kann, damit ich das Königreich beerben und eine schöne Prinzessin heiraten kann.“

„Komm erst einmal herein, du siehst müde aus. Ich habe gerade einen kleinen Topf Hirsebrei gekocht, wenn du magst, lade ich dich ein. Dann kannst du bei mir übernachten und morgen reisen wir zusammen zu deinem Vater, denn ich bin noch nie verreist.“

Der Prinz betrat das Haus des kleinen Drachens, in dem es lecker nach süßem Hirsebrei roch. Zu dem Hirsebrei gab es Brombeeren und der kleine Drache füllte ihre beiden Teller aus dem Bottich immer wieder auf, bis sie beide satt waren. Während der Prinz schlief, hatte der kleine Drache eine Reisetasche mit dem Notwendigsten gefüllt: einer Drachenreisezahnbürste, einem Drachenschlafanzug, einem gut schließenden Topf mit kaltem Hirsebrei und seinen besten Drachenanzug, damit er sich vor dem König nicht schämen musste.

Nach dem gemeinsamen Frühstück, zu dem es Hirsebrei mit Zitronentee gab, packten sie ihre Sachen. Der kleine Drache verabschiedete sich von seinem Garten, säuberte den Hirsebottich und schloss die Tür ab. Den Schlüssel steckte er in seine Tasche, und dann zogen sie los. Nach etwa zwei Kilometern kullerten dem kleinen Drachen Tränen aus den Augen. „Ich bin noch nie so weit gelaufen, meine Füße sind voller Blasen, ich glaube, ich schaffe es nicht bis zum Hof deines Vaters.“ Er weinte so bitterlich, dass der Prinz fast anfing, zusammen mit ihm zu weinen. Dann aber besann er sich eines Besseren: „Lass mich den Baumgeist rufen, er hat versprochen, mir in einer Notlage zu helfen.“

Er rief in den Wald hinein: „Baumgeist, Baumgeist, jetzt brauche ich deine Hilfe!“ Es machte wusch-wusch-wusch in den Büschen am Wegesrand, dann stand der Baumgeist vor ihnen. „Bitte hilf uns, lieber Baumgeist, der kleine Drache hat wunde Füße und möchte so gern mit mir kommen.“ Der Baumgeist schüttelte den Kopf: „Helfen kann ich dir nicht, nur einen Wunsch erfüllen.“ Der Prinz dachte nach: Ja, ist das denn nicht dasselbe? Offenbar nicht. Sollte er sich für den Drachen unverwüstliche Füße wünschen? Das wäre aber vielleicht doch ein Eingriff in das Leben des Drachens, den dieser gar nicht wollte. So sinnierte er eine Weile und sprach dann: „Vermutlich kannst du mir jeden Wunsch erfüllen?“ „Soweit es in meiner Macht steht“, war die weise Antwort des Baumgeists.

„Ich hätte gern eine Reisegelegenheit für den Drachen, damit dieser nicht laufen muss.“

„Weitere Spezifikationen hast du nicht?“

„Nein“, antwortete der Prinz.