Krimi to go – D (3/3)

In dem Versicherungsfall möchte ich den Dolch lieber herauslassen. Besser gefällt mir hier im Zentrum des Geschehen ein anderes D-Wort: ein Darlehen, dass der angeblich Verstorbene kurz vor seinem Tod aufgenommen hat. Als Sicherheit diente das Vermögen seiner Frau. Und es ist ein Dienstag, als wir in diese Geschichte mit Caesar Dubczik einsteigen. Ein Montag kann es nicht sein, denn wir wissen, dass er seinen Bericht schon hätte am Vortag abgeben müssen. Keine Versicherung erwartet Berichte am Sonntag (hoffe ich zumindest). Ein Montag als Abgabetag für einen Bericht ist gut, da haben die Mitarbeiter noch das Wochenende Zeit, falls sie in der Woche nicht dazu gekommen sind. Dubczik verbringt seine Wochenenden lieber mit anderen Dingen als mit irgendwelchen langatmigen Berichten. Trotz seines, wie seine Besucherin festgestellt hat, „mittelmäßigen Erscheinungsbildes“ kommt er bei Frauen gut an. Sein Geheimnis ist sein Lächeln, ebenso sein leises, gewinnendes Lachen. Er ist sich zum Glück dessen nicht bewusst, sonst würde er versuchen, es bewusst einzusetzen, womit es an natürlichem Charme verlieren würde. Insofern verbringt er die Wochenenden eben auch lieber mit der einen oder anderen Freundin. So richtig gefunkt, dass es für eine gemeinsame Wohnung oder mehr reichen würde, hat es hingegen noch nie. Für einen kleinen Ausflug in die Natur (er fotografiert sehr gerne) oder ins Kino, Theater, Eis schlecken oder Pizza essen und so die Einsamkeit zu vertreiben, sind die Frauen gut genug. Wobei er nicht ein „Womanizer“ ist, der alle Frauen gleich meint verführen zu müssen oder zu können. Er hat diese lockere Art, die nichts verlangt, und deshalb ist er so beliebt. Wie schon zu Beginn zu lesen ist, findet auch die noch namenlose Großkusine dies charmant und einnehmend. Sie sollte auch langsam einen Namen bekommen, E wäre gut, weil es bald dran ist. Leider gefallen mir die Frauennamen mit E, die mir so in den Sinn kommen, nicht. Emilie? Eva? Edeltraud? Erika? Nein, es muss ein N sein. Ich greife an dieser Stelle kurz vor: Es wird Nadine oder Nicole. Im Moment tendiere ich eher zu Nadine. Wenn ich Nicole höre, höre ich immer die Kölsche Version „datt Niköllsche“. Nee, das passt nicht zu unserer jungen Dame. Wobei: So jung ist sie auch nicht mehr. Es wäre zu überdenken, ob sie eine alleinerziehende Mutter Anfang 30 ist. Alleinerziehende Mütter sind neuerdings gute Identifikationsfiguren für die Leser, aber wohl eher in Schmonzetten. Eine Liebesgeschichte dürfte es nur am Rande geben. Also vielleicht doch lieber eine Karrierefrau?

Krimi to go – D (2/3)

Der Dolch in diesem Mordfall ist selbstverständlich frei von Fingerabdrücken und wurde dem Opfer mit voller Wucht in den Körper gerammt. Wohin genau? Das habe ich am Anfang nicht geschildert, die Herzgegend wäre schon mal nicht schlecht. Näher möchte ich darauf nicht eingehen, weil ich mich sonst in forensische und anatomische Details vertiefen und verlieren müsste, was ich auf jeden Fall vermeiden möchte. Es darf etwas Blut in meinem Thriller vorkommen, aber nur kurz und nicht als Grundlage vieler Seiten. Der Dolch ist da schon interessanter, die Frage ist nur: Wie komme ich um ausgiebige Nachforschungen herum, wenn ich ihn nutzen will? Ich werde einfach schauen, ob der Dolch in eine Spur führt.

Braucht der Postbote einen Dolch? Er könnte darüber nachdenken, wie ihm die mitteilsame Frau Mustermann einmal lachend erzählt hat, dass sie ihre Briefe immer mit einem für diesen Zweck völlig überdimensionierten Dolch öffnet. Als er nun um die Ecke in den Garten kommt und er das grauenhafte Bild sieht, das sich vor seinen Augen ausblutet, sieht er als erstes Frau Mustermann, den Dolch umklammert, der in ihrem Bauch steckt. Er denkt, und weiß gleichzeitig, wie furchtbar das ist: „Da hat Frau Mustermann sich selbst wie einen Brief öffnen wollen“, er kichert völlig verstört und hilflos. So findet ihn auch Caesar Hellerwiese, der – so sagt er zumindest – gerade auf dem Weg war, um sich von seiner Schwester ein wenig Geld zu leihen. Oder vielleicht sogar welches zurückzubringen? In diesem Falle hätte er ein Bündel Geldscheine bei sich, deren Herkunft erklärungsbedürftig ist. Der arme sensible Postbote wird sich von diesem Schock seiner eigenen grausamen Gedanken nie richtig erholen und wird sein restliches Leben lang in unregelmäßigen Abständen wiederholt wochenlang in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Somit ist Caesar Hellerwiese auch am Tatort. Ist er ein Mörder, der zum Tatort zurückkehrt? Wo sind die anderen Familienmitglieder? Caesar hat einen schrecklichen Verdacht und stürmt ins Haus, statt erst einmal die Polizei zu rufen. Er weiß auch nie genau, ob er nun 111 oder 112 wählen muss und ob das auf dem Handy auch geht. Hier verlassen wir die desolate Szene.

Krimi to go – D (1/3)

D wie Dolch

Der Name Dubczik fiel. Dabei ist dies nur eine falsche Schreibweise für den Namen Dubczuk, womit unser Caesar Zeit seines Lebens zu kämpfen hatte. Interessant ist übrigens, dass es am Tag des „C“ viele Hinweise auf Dubczik gab, die überraschenderweise dann am Tag des „D“ mehr oder weniger aus dem Internet verschwunden waren. Dennoch gebe ich Caesar Dubczik eine slowenische Herkunft, dritte Generation. Er hat eine ältere Schwester mit Namen Catharina, ein Name, der von den Eltern in alter Tradition ausgewählt wurde. Sie wird hier nur durchs Bild wirbeln, ohne großartig Einfluss auf das Geschehen zu nehmen. Interessant ist eben nur, dass das Ehepaar Dubczik seinen Kindern Namen mit den gleichen Anfangsbuchstaben gegeben hat. Hätten sie geahnt, dass sie ein zweites Kind bekommen, hätten sie ihre Tochter vermutlich Mareike, Stefanie oder Vera genannt, weil die entsprechenden männlichen Vornamen einfacher zu finden und zu merken sind: Mario oder Michael, Stefan oder Stanislaus und Viktor. Die Namensgebung lässt also darauf schließen, dass nur ein Kind geplant war. Der ungeplante Caesar hat auch damit Zeit seines Lebens gekämpft, dass er sich so überflüssig vorkam, auch wenn ihm seine Eltern stets versicherten, dass er zwar ungeplant, aber keinesfalls unerwünscht sei.

Zwischendurch hatte ich die wirklich gute Idee, die drei möglichen Anfänge in einer einzigen Geschichte miteinander zu verweben. Dass sie also alle Stück eines Ganzen sind, das sich wie ein Mosaik fein zusammenfügt. Es hatte nur einen Haken: Erstens wusste ich nicht, wie ich sie zusammenfügen sollte, und zweitens erschien mir das ein immenser Arbeitsaufwand. So als wenn ich Recherchieren würde. Das heißt, ich müsste die Geschichte wirklich durchplanen vor dem Schreiben. Nicht mein Ding, zu viel Denken.

Weiterhin habe ich rückwärts etwas geändert, mir fiel nämlich gerade auf, dass Dolch so ein schönes D-Wort ist. Also habe ich bei Anfang (1) nachgeschaut, da wurde nur ein Messer erwähnt. Wofür gibt es die Suchfunktion? Ihr werdet jetzt nur von einem Dolch lesen, das Messer ist förmlich den Tisch heruntergefallen.

Wikipedia sagt zum Dolch (Stand 21.10.2016): „Im Gegensatz zum Messer, das primär zum Schneiden ausgelegt ist, ist der Dolch als Stichwaffe konzipiert. Bei zweischneidigen Dolchen ist der Schneidenwinkel 1,69- bis 2-mal so groß wie bei einem einschneidigen Messer derselben Klingenbreite und -dicke. Aus diesem Grund sind Dolche tendenziell stumpfer als Messer; dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass der Schneidenwinkel kein allein entscheidendes Kriterium für die Schärfe einer Klinge ist.“ Dolche sind heute nicht in jedem Küchenhandel käuflich, sie sind unmodern. Also muss ein exotischer Dolch aus dem 19. Jahrhundert herhalten, eine antiquarische Rarität. Nein, keine Rarität, dann wäre der Täter vermutlich zu leicht zu identifizieren. Einfach ein indischer oder malaysischer Dolch, eine Antiquität, wie es sie viele gibt. Vermutlich wurde er aus dem Ausland nach Deutschland geschmuggelt, bei Ebay ist der Verkauf von Waffen inklusive Schwertern und Dolchen nicht zulässig.

Krimi to go – C wie Caesar (2/2)

Bleibt die Familie Mustermann. Mit Caesar Mustermann kann ich nichts anfangen, das löst keine Gedanken aus. Der Postbote, der zu einem Schicksalsboten zu werden scheint, würde den Namen Caesar gut tragen können. Es ließe ihn aus der Masse der Postboten mit seinem klassischen Namen herausragen. Es würde auch bedeuten, dass er mehr sein müsste als nur der Entdecker einer blutgerinnungsfördernden Szene, das wäre sonst Verschwendung eines Namens. Der Übeltäter kann er nicht sein, dafür geht er zu unschuldig an die Szene heran. Es bestünde die Möglichkeit, dass er sich sozusagen als Hobby-Detektiv betätigt. Allerdings müsste dann am Ende ein Happy End stehen, vielleicht mit einer Caesarine? Nein, das ist albern. Andererseits könnte auch Frau Mustermann geborene Hellerwiesen einen jüngeren Bruder haben, Caesar Hellerwiesen. Er ist – wie könnte es anders sein? – das schwarze Schaf der Familie. Vor allem Familie Mustermann schaut auf Caesar H. herab, weil er sein Studium nicht beendet hat, abgerutscht war und sich aber letztendlich bekrabbelt hat. Nun besitzt er ein großes Fitness-Studio, dessen Finanzierung der Mustermannschen Seite suspekt ist. Er ist so eine Mischung aus Lebemann, Charmeur und Finanzjongleur, immer gut gelaunt, selten sieht man ihn ernsthaft. Bis auf die letzte Szene, in der er seiner Traumfrau seine Liebe gesteht. Wobei noch zu überlegen wäre, wie diese in die Geschichte passt, denn so eine Traumfrau fällt im Krimi nicht vom Himmel. Wollte man den Leserinnen der Geschichte einen Gefallen tun, so ist die Traumfrau eine eher unscheinbare Gestalt, die schon einige Jahre in Caesar Hellerwiesens Umfeld vorhanden ist, die er aber nie wahrgenommen hat. Während sie nun gemeinsam vom Schicksal gerüttelt durch die Krimiwogen geschwappt werden, entdeckt Caesar, dass die junge Frau gar nicht so unscheinbar ist, wie er immer dachte, dass sich ihr ganzes Gesicht bildschön verändert, wenn sie lächelt, vor allem, wenn sie ihn anlächelt. Ein Traum aller unscheinbaren Frauen oder solcher, die es werden wollen.

 

Krimi to go – C wie Caesar (1/2)

C wie Caesar

Während ich in der Küche die Spülmaschine einräumte, überlegte ich, wie wohl der Krimi ein C aufnehmen könne. Über einen Namen? Da kam mir Caesar in den Sinn. Ja, eine der männlichen Hauptfiguren sollte Caesar heißen. Das gefällt mir, ohne dass ich einen Grund dafür nennen könnte. Wenn ich einmal gleich zum Versicherungsfall übergehe: An der Tür steht „Versicherungsfachmann C. Dubczik“. C wie Caesar, wie unser Freund gerne hinzufügt. Dritte Generation Deutschland, ursprünglich Slowakei. Dies gehört unter D wie Dubczik. Dubczik hieß übrigens erst Dubiczek. Während ich über die Kombination mit Caesar nachdachte, gefiel mir das nicht, der Name hinterließ so ein „das gibt’s nicht“-Gefühl. Also stieg ich um auf den handlicheren Dubczik. Eine nachträgliche Recherche im Internet bestätigte es: Dubiczek gibt es nicht, Dubczik recht häufig. Was einmal wieder zeigt, was unser Gehirn so alles aufnimmt, ohne dass wir es merken. Denn irgendwoher musste ich doch „wissen“, warum der eine Name mich überzeugt, der andere nicht, denn Kubiczek gibt es und ist mir auch bekannt (die Schauspielerin Ruth Maria). Und ich habe keinerlei Verbindungen zur Slowakei, weder in der Familie noch im Freundes- oder Bekanntenkreis. Ein Treffer, den es im nächsten Kapitel zu beleuchten gibt.

Wenn ich es mir im ersten Fall (der Leiche) einfach machen möchte, heißt der Tote Caesar mit Vornamen. Das gefällt mir auch gut: ein Mann so um die fünfzig, massiv, aber nicht dick, fülliges Haar, ein guter Anzug, eine gut gefüllte Brieftasche (wenn sie noch am Tatort liegt). Caesar Cornelius könnte er heißen, was mir irgendwie zu albern ist, auch wenn es diese Kombinationen gibt, nicht zuletzt in Walter Wilkesmann (was ein Stabreim ist). Caesar Beier oder Beyer wiederum erscheint mir ein guter Leichenname. Und ja, seine Brieftasche sollte am Tatort sein, sie liegt offen im Gras. Und hier fängt es schon an, dass ich zurückblättern muss: Lag der Tote wirklich im Gras oder war da nicht was mit Asphalt? Ich habe nachgeschaut: Die Leiche liegt halb auf der Straße, aber am Ortsausgang, die Brieftasche könnte also mit Glaubwürdigkeit durchaus im Gras liegen. Offen, durchsucht, etwas fehlt, seine Frau weiß erst gar nicht, was das sein könnte, als man sie befragt. Die Fotos der Kinder sind noch da, ihres auch – fehlt da nicht eine Visitenkarte? Es fällt ihr schwer sich zu erinnern, während sie mit den Tränen kämpft. Oder war es die Karte zum Bankfach? Caesar Beyer ist seit sechsundzwanzig Jahren mit seiner Frau Kirstin verheiratet, sie haben drei Kinder. Da ist die Älteste, jetzt vierundzwanzig, mit dem schönen Namen Elaine. Der Mittlere ist vierzehn, da klafft eine kinderlose Lücke. Es wäre interessant zu erfahren, warum es solange bis zum zweiten Kind gedauert hat. Dragon, der Name des Sohns, ist ebenfalls ausgefallen. Was war der Grund für die Lücke? Karriere? Es klappte nicht wegen Stress, mangelnder Gesundheit? Da es nicht wirklich etwas mit dem Fall zu tun hat, können wir das hier vernachlässigen. Das Nesthäkchen der Familie ist zwangsläufig verwöhnt, was zu ihrem Namen Naomi passt. Die Zehnjährige sitzt mit großen Augen neben ihrer Mutter, während diese die Fehlschaften in der Brieftasche zu klären sucht. Naomi hat noch nicht wirklich begriffen, wie umfassend sich ihr Leben ändern wird. Der Caesar ist hier gut eingebettet.