Krimi to Go – P (3/3)

Auch im Fall des zweimal verstorbenen Manfreds wird eine Psychoschlinge ausgelegt. Vesuvo Caetano ist per se verdächtig, weil er sich eine ältere Frau geangelt hat, wie gemeinhin immer noch vorurteilhaft gedacht wird, während der umgekehrte Fall zwar belächelt, aber nur bei extremem Altersunterschied als negativ betrachtet wird. Brasilianer, deutsche Frau und älter – das klingt nach Aufenthaltsgenehmigung auf die einfache Tour. Dies an sich ist nicht sehr tiefenpsychologisch, also müssen wir in Caetanos brasilianische Vergangenheit eintauchen, um mehr über ihn zu erfahren. Das bietet sich auch als optisch-abgehoben an. Jeder Absatz, der von Brasilien handelt, ist in kursiv geschrieben. Das ließe sich auch noch gut kombinieren mit dem Bruch hin zum Ich-Erzähler. Es wäre etwas primitiv, wenn wir Caetano mit einer ärmlichen Familie aus den Slums und neun jüngeren Geschwistern ausstatten würden. Dann ist klar: Er will ihnen Gutes zukommen lassen, dafür seine ganzen Bemühungen, nach Deutschland einzuheiraten. Nein, das ist zu primitiv, da greifen wir etwas tiefer in die Psychokiste: Caetano kommt aus einer guten brasilianischen Familie, deren Wohlstand – nicht Reichtum – sich auf einer großen Kaffeeplantage gründet. Der mörderische Preiskampf macht auch vor der Familie Caetano nicht halt. Die Familie hat besonders deshalb große Probleme, weil sie sich immer bemüht, ihren Mitarbeiter relativ gesehen einigermaßen angemessene Gehälter zu zahlen. Wobei sie keine Robin-Hood-Natur haben und durchaus sich immer noch an der Arbeit anderer gütlich gesundstoßen. Aber im Vergleich zu anderen Plantagen geht es den Arbeitern dort einfach besser. Caetano hat also das große Glück, nach Deutschland geholt zu werden. Dass seine Frau zehn Jahre älter ist als er, führt hier und dort zu Getuschel hinter vorgehaltener Hand. Man lauert also quasi darauf, dass er sich verrät und sein wahres Gesicht zum Leservorschein kommt. Dann erfährt er auch noch, dass durch üble Machenschaften und Versicherungstricks seine Familie von der Plantage verstoßen wurde. Sich endlos an der Familie bereichert hat sich ein Deutscher …. und wir ahnen schon wer das ist. Da bleibt die Psychologie einfach, auch hier steht die Rache im Vordergrund, aber letztendlich….

Nein, hier gefällt mir die Psychologie nicht. Womit ich meine – die Psychologie ist nicht schuld, ich habe einfach nicht den richtigen Dreh gefunden. Und auf einem Spaziergang fiel mir auf: Bei Manfred hat nicht die Psychologie, sondern die Philosophie die Hand im Spiel. Die folgende Idee ist aus einem Fernsehkrimi gestohlen, oder sagen wir eher: an einen Film angelehnt. Manfred als Mathematik- und Philosophielehrer war der Philosophie mehr zugetan als der Mathematik. Sein Bücherregal umfasst viele Werke von Descartes, seine besondere Lieblingslektüre war das Werk von Ernst Cassirer „Gesammelte Werke: Descartes – Lehre, Persönlichkeit, Wirken“ in der Ausgabe von 2005. Ernst Cassirers Aufsätze über die Verbindung von Leben und Lehre im Wirken Descartes‘ entstanden in der Zeit von 1936-1938, als er im schwedischen Exil lebte. Was Manfred faszinierte, war, dass Cassirer sich sein ganzes akademisches Leben lang mit Descartes beschäftigte.  Der Band umfasst fünf Aufsätze, die auch Hellerwiesen – ein begeisterter Leser von Descartes – mehrmals gelesen hat. Und so ist es dessen Hobby zu verdanken, dass er in Manfreds häuslichem Büroraum sitzt, dieses Buch entdeckt und sich damit auf den Bürostuhl zurückzieht und darin blättert, während Nadine den Wäscheschrank durchkämmt. Manfreds Frau hat ihnen den Schlüssel überlassen. Auf einmal springt Caesar auf, ruft „Nadine!“ und stürmt ins Nebenzimmer, komplett aufgeregt. Denn Seite 143/144 fehlt in dem 228-seitigen Band! Hellerwiesen hat leider eine andere Ausgabe und kann daher nicht direkt bei sich zu Hause herausfinden, was denn wohl Wichtiges auf dieser Seite stand. Nicht nur er und Nadine, sondern auch die Leser erwarten hier wichtige Hinweise auf den möglichen Täter oder ein Motiv. Was sich als falsche Fährte erweist, ha, an der Nase rumgeführt, aber das erfahren wir erst, als das Vergleichsexemplar nach zwei Wochen von der Fernleihe eintrifft.

Das alles ist die irreführende Psychologie, die nicht zum Täter führt, der ist ganz woanders zu suchen und bietet sein eigenes Psychoprofil.

Ich war beim Verfassen dieses Buchstabens kurz versucht auf den Mord des Dorfpriesters umzuschwenken oder ihn zumindest als viertes Rad am Wagen mitlaufen zu lassen. Das wird dann alles doch noch komplizierter und könnte in Arbeit ausarten. Die Dorfpriesterleiche verwahre ich. Wenn dies ein erfolgreiches Buch wird, kann ich ein zweites Werk aus der Denkschublade ziehen „Wenn der Dorfpriester zweimal klingelt“. Hmmm, nicht sehr originell. Dorf ohne Priester? Ja, das gefällt mir, fällt aber hier aus dem Rahmen und wird verwahrt.

Krimi to Go – P (2/3)

Im Fall Caesar Beyer – und es möge mich bitte niemand fragen, warum ich den ersten Fall an zweiter Stelle bringen, das erfordert eine psychologische Analyse eigener Art – wird Kirstins eifersüchtiger Charakter ausgeleuchtet. Als leicht verhätscheltes Einzelkind kann sie nicht teilen. Schon beim Essen achtet sie immer peinlich darauf, dass sie vom besten Stück den größten Teil erhält. Wenn wir sie beobachten, wie ihre Kinder auf den Vater zustürzen, wenn er von der Arbeit heimkommt, sehen wir, wie sie zwar lächelt, sich aber auch ein Schatten auf ihr Gesicht legt. Am nächsten Tag wird sie ihren Kindern auf subtile Weise vermitteln (wollen), dass der Vater sie nicht so sehr liebt wie sie selbst es tut. Und dann tritt Sandra in das Eheleben ein, das eh nicht mehr zum Besten ist, aber von beiden Ehepartnern zum Schein aufrechterhalten wird, „für die Kinder!“, auch wenn diese schon fast erwachsen sind. Die zehnjährige Naomi würde eine Scheidung mit Sicherheit verkraften, Kirsten hält sie für empfindsamer als Naomi wirklich ist. Schon seit Jahren von Eifersucht gequält, kontrolliert Kirsten regelmäßig Caesars Anzugstaschen, hat sich schon häufig auf seinem Tablet und seinem PC eingeloggt. Besonders misstrauisch machte sie natürlich, als Caesar drei Jahre zuvor einen Passwortschutz auf beide Geräte gelegt hatte. Kirstin bezog das direkt auf sich und tobte innerlich. Dabei ging es Caesar nur darum, dass er seine Geschäftsunterlagen und Kontobewegungen nicht „veröffentlicht“ wissen möchte, falls er ein Gerät liegen lässt. Nun konnte ihn Kirstin schlecht fragen, warum er denn einen Passwortschutz eingeführt hat, dann hätte er gewusst, dass sie regelmäßig seine – damals noch völlig unschuldige – Korrespondenz mitliest. Und so hat Kirstin nichts gesagt, nur den Mund zugekniffen und sich ihren Teil gedacht. Sie ist der Sandra-Sache anders auf der Spur gekommen, denkt der Leser oder soll er es zumindest denken, und bei solch eifersüchtiger Charakterveranlagung liegt ein grausamer Mord ja recht nahe, da reicht Erschießen nicht, die persönliche Kränkung muss sich zusätzlich in Dolchstiche ergießen.

Krimi to go – P (1/3)

P wie Psychologie oder modern: Profiler

Forensiker und Profiler gehören in jeden modernen Krimi. Deshalb werden sie auch in diesen drei möglichen Geschichten irgendwo einen Platz finden. Der geneigte Leser und auch die ungeneigte Leserin werden mittlerweile wissen, dass ich es nicht so mit der Fleischbeschau und ähnlich blutrünstigen Dingen im Detail habe. Eine Vor-Leserin meinte zwar, bei mir käme ziemlich viel Blut vor, doch das ist etwas Anderes. Ich mag keine „Gory Details“, andererseits finde ich einen Krimi ohne Leiche öde und ganz blutleere Leichen erinnern mich dann eher an Laiche, und das ist auch nicht so recht appetitlich. Also irgendwann in diesen Krimis kommen diverse Forensiker zu Wort, auch Profiler geben ihren passenden Kommentar dazu. Ich möchte nicht komplett am Zahn der Zeit vorbeimahlen. Mal ganz abgesehen davon, dass ich meine literarische Qualität nicht an einer Agatha Christie messen möchte, halte ich eine gewisse Zeitnähe für gut. Daher das Blut, das aber eher einen Comic-Platz einnimmt. Wobei ich dann eine Anekdote aus meinem Leben beisteuern möchte, um das zu verdeutlichen: Wir hatten einmal einen Auftrag, ein Buch über Wundheilung aus dem Deutschen ins Englisch zu übersetzen. Da geht es auch um die verschiedenen Wundarten und wenn ich in dem Zusammenhang das Wort „Pfahl“ höre, kriege ich schon Schwabbelknie. Der Kollege diktierte also munter vor sich hin, alle realistischen Abbildungen hatte ich mit gelben Post-It-Zettelchen abgeklebt. Nun ging’s ans Schreiben, also mein Bereich. Die ersten Minuten waren einfach grässlich, bis ich die Lösung fand: Während ich tippte, „übersetzte“ ich im illustrativen Bereich des Gehirns die Bildsprache in einen Comic. Wenn Pluto, der orangefarbene Hund, auf einen Pfahl aufschlägt, der ihn durchstößt, so macht das nicht wirklich etwas, Pluto leckt kurz seine Wunde und ist bald wieder der Alte. Es muss auch nicht zwangsläufig so ein comicartiges Happy End sein. Alleine die Umsetzung in Zeichentrick mit knorrigen, lustigen Figuren reicht. Soweit zu meiner Psychologie.

Die Psychologie ist meiner Ansicht nach in Krimis wirklich wichtig. Das ist doch immer die allesumfassende Frage: Warum hat XYZ den Dorfpriester ermordet? Was steckt dahinter? Welches Motiv? Vielleicht auch die Frage – wie ist der Täter zu dem geworden, was ihn schließlich zum Mörder machte? Eine grausame Tante, Missbrauch durch den besten Freund der Familie, Drogenabhängigkeit aufgrund von Liebessucht, eine Zeit im (Jugend-)Gefängnis und was es da alles noch so gibt.

Da ich noch nie eine Freundin der Gliederung und Strukturierung im Voraus war, sondern immer schon während meiner Arbeit / meines Schreibens strukturiert habe, könnte es schwierig werden: Dann bin ich mitten im Krimi, da fällt mir ein guter psychologischer Haken für den späteren Täter ein, der muss dann aber psychologisch von irgendwo her erklärt werden. Geht das im Krimi to go? Das käme natürlich auf einen Versuch an. Ich könnte auch auf meine Intuition oder mein Unterbewusstsein vertrauen und davon ausgehen, dass es am Ende schon mehr oder weniger passen wird.

Wichtig ist, dass der Text spätestens ab Mitte des Werks mehr oder weniger verborgene Hinweise auf die Psychologie hinter der Tat gibt. Es spricht auch nichts dagegen, falsche Fährten zu legen. Verpassen wir der Familie Mustermann eine Hausangestellte namens Elsie, so hat diese einen Freund. So ein neidzerfressener Tunichtgut, der viele Jahre seines Lebens erst in einer Pflegefamilie, dann im Jugendgefängnis verbracht und schließlich nach einem Bankeinbruch im Gefängnis gesessen hat. Nachdem er Elsie kennenlernte, hat sich sein Wesen deutlich abgemildert. Aber wir beobachten auch, wie er manchmal ausrastet, wenn ihm Unrecht geschieht. Es reicht vermeintliches Unrecht. So hat er einmal fast das Auto eines Freundes zertrümmert, weil dieser Elsie schöne Augen gemacht hat. Elsie konnte ihren Freund Ferdo gerade noch zurückhalten. Nun hat die arrogante Frau Mustermann Elsie fristlos entlassen, weil diese zum dritten Mal die Glasfiguren nach dem sorgfältigen Reinigen mit einem feuchten Tuch in der falschen Reihenfolge in die Vitrine gestellt hat. Ferdo, der – mehr oder weniger freiwillig – von Elsie ausgehalten wird, bringt das total in Rage, eine solche überkandidelte Pingelei!

Höflichkeit und vermeintliche Höflichkeit

Neben diesem Blog habe ich noch einen Blog, der sich „Nicht nur Vollwertskandale“ nennt. Auf diesem Blog stelle ich regelmäßig alte und neue Rezepte vor. Außerdem habe ich eine Webseite mit über 12.000 Rezepten. Jahrelang war ein Teil dieser Rezepte frei zugänglich, der Rest im Abonnement erhältlich. Nach Einführung der verschärften Datenschutzbestimmungen habe ich diese Webseite nur noch für Abonnenten offengehalten, ansonsten ist sie geschlossen.

Das bedauern viele. Einige haben daraufhin ein Abo abgeschlossen, andere haben nur geweint. 😉 Hin und wieder Erreichen mich Anfragen für bestimmte Rezepte. Mich erstaunt immer wieder diese Einstellung, dass ich eine Institution bin, die für Infos an die Mitmenschen verantwortlich ist. So auch letztlich wieder:

Sehr geehrte Frau Wilkesmann,
das Schließen Ihres Rezeptblogs habe ich gerade mit Bedauern festgestellt. Gerne habe ich darin gestöbert. Wir haben Ihre Butter-Hafer-Kekse sehr geliebt. Leider habe ich das Rezept nicht gespeichert.
Würden Sie mir das Rezept schicken?
Vielen Dank für Ihre Bmühungen
M.J.

Erst einmal enthält die Email zwei sachliche Fehler: Ich habe keinen Blog geschlossen, es geht um die Webseite. Außerdem habe ich diese nicht geschlossen, sondern nur den kostenlosen Zugang gesperrt.

„Würden Sie mir das Rezept schicken?“ Öhm, wo ist das Zauberwörtchen bitte? Nicht, dass ich es dann geschickt hätte. Aber dann hätte ich wenigstens den Eindruck, da möchte jemand etwas von mir und verlangt es nicht. „Vielen Dank für Ihre Bemühungen“. Ja, da war es dann soweit, da ging bei mir gar nichts mehr. Diesen Satz schreibe ich, wenn ich eine Floskel brauche, um etwas Selbstverständliches anzufordern.

Wie gesagt, meine Rezeptsammlung umfasst mehr als 12.000 Rezepte. Da habe ich natürlich das Butter-Hafer-Kekse-Rezept sofort parat und muss gar nicht suchen. Und natürlich setze ich mich mit Begeisterung für Frau J. an den PC und suche 15 Minuten. Oder länger. Weil sie ja so nett geschrieben hat.

Sprache ist ein Instrument, das viel bewirkt und uns viel über die Mitmenschen sagt – und ihre Anspruchshaltung.

Es geht auch anders. Einige Wochen vorher erhielt ich folgende Mail:

Liebe Frau Wilkesmann, ich möchte Sie gerne fragen, ob Sie mir ein Brotrezept aus Ihrer Rezepte-Sammlung geben könnten. Es ist das Bärlauchbrot. Ich hatte es vor ein paar Jahren öfters gebacken, und finde es toll, aber finde es daheim nicht mehr. Jetzt habe ich wieder Sauerteig angesetzt und auch das Brot auf Youtube nachgebacken, was auch sehr lecker ist, (ich hatte nur ein wenig zu viel Wasser drin) sah ich, dass die Rezepte-Sammlung nicht mehr frei zugänglich ist (was ich total nachvollziehen kann). Da ich ansonsten keine Vollwertrezepte verwende, frage ich nun das Brotrezept einzeln an. Ich würde auch etwas zahlen dafür.

Auf Nachfrage konnte Frau R. mir noch das Jahr sagen, die Suche war einfach – und ich habe ihr das Rezept gern (kostenfrei) geschickt.

Und deshalb ist Sprache so wichtig!

Krimi To Go – O (2/2)

Hier ist im Vergleich zu den anderen Buchstaben noch reichlich Platz, also darf der zweite Sieger auch noch teilnehmen. Wobei ich den Ausdruck „zweiter Sieger“ verabscheue. Leben wir in einer Zeit, in der es nur noch Sieger geben darf, in der ein „Du bist Zweiter!“ keine Freude mehr hervorruft, in der jeder der Beste sein muss und Kindern von ihren Eltern nicht mehr hören „Du bist die Schönste / Klügste / Beste für mich“, sondern ihnen eingetrichtert wird, „Du bist die Schönste / Klügste / Beste“, was durch Auslassung der beiden kleinen Wörtchen am Satzende zu einer Objektivierung führt, die die armen Kinder in dem Glauben groß werden lässt, dass sie es sind – und somit unfähig, mit Freude einen zweiten Platz einzunehmen. Da ist die Ordnung doch aus anderem Holz geschnitzt, sie stammt noch aus der Wortgeneration, als auch zweite Plätze rosige Wangen und ein breites Strahlen hervorzauberten.

Sollte jemand vermuten, dass im Büro unseres Versicherungsdetektivs auffallende Ordnung herrscht, so wird er enttäuscht. Auch bei Versicherungen (sowie Banken und Ämtern) arbeiten Menschen, die über einen ganz normalen Ordnungssinn verfügen. Aber halt – als Caesar und Klara-Anna auf Manfreds Spuren sind und seine Wohnung (im Dunkel der Nacht, mit einem Dietrich, das Polizeisiegel wird aufgebrochen) im Schein einer Taschenlampe untersuchen, fällt ihnen sofort auf, dass irgendetwas in der Wohnung gegen die peinliche Ordnung verstößt. Keiner der beiden kann auf Anhieb sagen, was es ist, was da stört… bis sich kurz vor Ende der Geschichte Klara-Anna mit der Hand vor die Stirn schlägt und ausruft „Wie konnte ich das übersehen, Caesar! Denke mal an die ordentliche CD-Sammlung im Regal an der Wand links neben dem Wohnzimmerschrank. Alle CDs sind nach Künstler oder Komponist zusammengestellt, und dann innerhalb dieser Kategorie nach dem Alphabet. Aber Wagners Tristan und Isolde steht vor dem Ring der Nibelungen!“ Beide sind sich einig, dass sie hier jetzt endlich der Lösung hautnah gekommen sind, auch wenn ich keine Ahnung habe, was es bedeuten könnte.

Im Fall der dahingemeuchelten Familie Mustermann treffen wir genau auf das andere Extrem: absolutes Chaos wird durch eine kleine erschreckende Ordnung gestört. Auf dem Küchentisch liegen die sieben Küchenmesser von Frau Mustermann, exakt nach Größe geordnet, nebeneinander. Eines ist blutbeschmiert, nämlich das zweite von links, also das Zweitgrößte. Das lässt den Schluss zu, dass hier entweder wirklich ein Psychopath am Werk war, dass jemand versuchte, den Eindruck zu erwecken, es sei ein Psychopath am Werk gewesen, oder dass es einfach Zufall war – was ich für eher unwahrscheinlich halte.

Caesar Beyer bevorzugte eine normale Ordnung, daran war nichts Auffälliges. Seine erste Frau Kathrin hat ein großes Faible für eine aufgeräumte Küche, auch wenn das keine zwanghaften Ausmaße erreicht. Sie gehört zu diesen beneidenswerten Frauen, die so geschickt hantieren, dass die Küche nach der Zubereitung einer Mahlzeit fast so ordentlich aussieht wie vorher. Worin sie meiner eigenen Mutter stark ähnelt. Sandra hingegen hat als Geliebte und spätere zweite Ehefrau irgendwie ganz natürlich einen fehlenden Hang zur Ordnung. So sehr auch Caesar in sie vernarrt ist – ihre Angewohnheit, leere Plastiktüten und Verpackungen einfach dort über Stunden liegen zu lassen, wo sie etwas auspackt, bringt Herrn Beyer schon manchmal in Rage. Einen Zusammenhang mit seinem Tod kann ich hier nicht sehen. Boris, der immer noch für die Tat in Frage kommt, ist so ein Mischtypus. Kommt man in seine kleine Wohnung, hängen gelegentlich auch T-Shirts und Pullover der Vortage über einem Stuhl, eine Jeans liegt unordentlich gefaltet auf dem Wäschebehälter statt in ihm. Sein kleiner Laptop ist jedoch ein Muster von Ordentlichkeit, Boris prahlt immer: „In meinem Kopf ist immer alles ganz ordentlich“. Sollte er der Täter sein, wäre dies allerdings eine deutliche Übertreibung.