Informationen 4/4

Ganz allgemein bin ich misstrauisch bei Informationen, die aus Amerika oder Australien kommen, gern mit Videos, die etwas belegen. Videos tragen meist kein Datum, man kann also nicht sehen, von wann sie sind, wo sie wirklich aufgenommen wurden und ob sie überhaupt echt sind.

Wobei ja heute leider alles als schlecht gilt, was wissenschaftlich oder medizinisch erwiesen ist. Richtig, manches davon ist falsch – aber nicht alles.

Abweichungen vom heutigen Stand des Wissens kann es geben. Nur hilft mir auch hier die Mäßigung, die zu meinem Leidwesen doch eine gute Richtschnur ist: Wenn etwas ganz extrem vom Stand der Wissenschaft abweicht, darf ich berechtigte Zweifel daran habe.

Wenn mich etwas überzeugen soll, muss es nachprüfbare wissenschaftliche Quellen aufweisen, und damit meine ich keine merkwürdigen Facebook-Hinweise. Bruker hat mich deshalb überzeugen können, weil er jahrzehntelang als Arzt gearbeitet hat, ich bei ihm Dinge gelesen habe, die mich überraschten, weil sie auf mich zutrafen und ich das noch nirgendwo gesehen hatte und weil ich viele, viele Menschen kennengelernt habe, die durch seine Ernährung gesundeten oder zumindest deutliche Besserung zeigten. Andererseits finden sich auch für alle Blödsinnsmeldungen Ärzte, die das verfechten. Dem Reiz des Geldes oder der Dummheit fällt eben auch so mancher wissenschaftlich Ausgebildete anheim.

Mein Fazit: Ich kann gar nicht misstrauisch genug sein. Im Zweifelsfall: Lieber etwas für eine Falschmeldung halten und nicht glauben, als zu viel zu glauben. Vor allem bei politischen Aussagen von selbsternannten Kennern der Szene und aktuellen Hypes bilde ich mir erst einmal gar keine Meinung (falls das geht), weil ich davon ausgehen kann, das nur sehr wenig richtig ist.

In meinem Leben bisher habe ich auch diverse Phasen durchlaufen, in der die Glaube „alle Ärzte sind blöde“ auch dabei war, ich spreche mich davon nicht frei. Alles Wissenschaftliche schien mir erlogen, jede Äußerung in den öffentlichen Medien höchst verdächtig (wenn ich auch nie so weit gegangen bin, dass ich von Lügenpresse gesprochen hätte 😉 ).

Mittlerweile bin ich einfach kritischer geworden und will mehr denn je Beweise sehen.

Das, was ich geschrieben habe, reflektiert meinen Erkenntnisweg. Ich sehe dies nicht als Leitfaden für jedermann im Umgang mit Informationen, sondern als eine Sammlung von Hinweisen, wo es sich lohnt, Vorsicht walten zu lassen. Deine Schlussfolgerungen müssen nicht meine sein. Aber vielleicht denkst du über das eine oder andere einfach nochmal nach. Das wäre doch schon was.

Informationen 3/4

Davon kann ich mich selbst bedauerlicherweise auch nicht freisprechen. Viele Jahre bin ich in meiner Vollwerternährung strikt den Regeln Brukers gefolgt. Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: Seine Ernährung ist für mich immer noch die beste und natürlichste, die ich je ausprobieren konnte, aber wie gesagt, da laufen Automatismen ab: Einmal klagte mir eine junge Frau, ihre Verdauung würde mit der Vollwerternährung zwar besser, aber nicht wirklich gut. Meine Reaktion? Ich bezweifelte erst einmal ihre vollwertige Konsequenz und fragte sofort, alle „Vollwertregeln“ ab, weil ich ihre Klage nicht glauben konnte bzw. wollte. So ist das nämlich: Man hat endlich etwas gefunden, was einem selbst (in diesem Fall: auch vielen, vielen anderen Menschen hilft) und man möchte nun auch alle anderen Menschen beglücken. Der Missionseifer weht einem um den Schädel und verweht die Kritik. Die darf und muss aber wiederkehren, und man muss Fälle, die nicht ins Schema passen, offen angehen, nicht voreingenommen für die eigene Sicht. Es kann sein, dass die genannte junge Frau Fehler gemacht hat, aber sie war verzweifelt und irgendwann (zu Recht) beleidigt, weil ihr niemand glaubte, denn alle überzeugten Vollwertler taten dies natürlich nicht.

In der Ernährung wie in anderen Dingen ist auch Vorsicht geboten, wenn Produkte gelobt werden. Woher will ich denn wissen, ob das bezahlt ist oder nicht? Schleichwerbung ist im Fernsehen verboten, bei Bloggern und auf Webseiten gar kein kritisches Thema.

Sprüche, die ich auch richtig „gerne“ höre sind:

(1) Jeder Mensch ist anders.
Das ist so wie mit dem Fingerabdruck: Ja, jeder Mensch hat einen individuellen Fingerabdruck, den kein anderer Mensch hat, aber dennoch sind die Fingerabdrücke an sich gleich aufgebaut, folgen denselben Abläufen im Körper, werden durch dieselben Maßnahmen kurz- oder langfristig vernichtet (Säure z.B.). Das heißt, wer mir erzählt, jeder Mensch sei anders und müsse deshalb seinen ganz eigenen Weg bei der Ernährung finden, überzeugt mich nicht. Es gibt einfach medizinische und physiologische Fakten, an denen wir nicht vorbeikommen, z.B. dass der Mensch trinken bzw. sich Flüssigkeit zuführen muss. Es sei denn, man glaubt an Lichtnahrung. Was ich nicht tue.

(2) Wir müssen auf unseren Körper hören
Das ist einer der schönsten Unsinnssätze überhaupt. Was erzählt der Körper eines schwer Übergewichtigen wohl diesem Menschen? Iss jetzt was! Na, feine Körperbotschaft. Mein Körper kann mir natürlich Botschaften übermitteln, das können aber auch Lügen sein, weil er fehlgeleitet wurde, vielleicht schon seit Geburt. Wer von seiner Geburt an mit Süßem zugeschüttet wird, bekommt die Botschaft vom Körper: „Schoki her! Bloß kein Gemüse, das ist nicht süß, und wenn ich schon Obst esse, dann nix, was noch echt nach Obst schmeckt, sondern Äpfel, die außer ‚süß‘ kein Aroma mehr haben.“ Sobald einer, der mir Gesundheit über Ernährung vermitteln will, sagt: „Höre auf deinen Körper“, schalte ich automatisch ab. Das ist unreflektiert, unwissenschaftlich und falsch.

(3) Ich bin Ernährungsberater(in)! Oder noch besser: Meine Freundin ist Ökotrophologin (wahlweise Arzt)!
Ernährungsberater kann sich jeder nennen, und auch wer eine „Ausbildung“ zum Ernährungsberater hat, kann je nachdem, wo er diese Ausbildung durchlaufen hat, in Sachen Ernährung strohdumm sein. Leider. Und Freunde, die was gelernt haben, sind erfreulich. Aber keine wirklich verlässliche Quelle.

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Woran erkenne ich echte Informationen?

Das Internet ist voller Informationen und jeder ist ein Fachmann oder Experte, wie ich letztlich schon erläuterte. Die Frage, die ich mir selbst aber immer wieder stelle, ist: Wie erkenne ich denn nun, ob jemand Unsinn schwätzt oder ob ich handfeste, überprüfbare Informationen vor mir habe?

Das Traurige ist: So richtig kann ich das heute fast gar nicht mehr. Kein Video ist verlässlich, Fotos und Bilder sind es schon lange nicht mehr und Text kann sich jeder aus den Fingern saugen. Ja, das ist wirklich bedauerlich, aber trotzdem muss ich doch Wege finden, quasi ein kleines oder großes Seepferdchen (früher hießen sie: Frei- und Fahrtenschwimmer) in der Informationsflut ablegen können.

Meine erste Warnung ist: Sei am kritischsten bei Dingen, die dir auf Anhieb zusagen und bei denen dir dein sogenanntes Bauchgefühl sagt: „Ja, der/die sagt genau das, was ich immer schon dachte!“ Denn genau darauf bauen die falschen Gurus: Sie sprechen Bekanntes (gerne auch persönliche Schwachpunkte) an, um mit den Angesprochenen eine Vertrautheit aufzubauen, die es nicht wirklich gibt. Das heißt im Schluss nicht, dass alles, was mir zusagt, verkehrt sein muss. Aber wenn ich etwas mag, sinkt meine Wachsamkeitsschranke quasi automatisch – und davor muss ich mich hüten.

Konkret auf die Politik umgesetzt: Wenn Sara Wagenknecht von den Linken, etwas über Finanzen sagt, was auch meine Meinung ist – dann bin ich besonders vorsichtig. Denn Finanzen sind ein Gebiet, von dem ich keine Ahnung habe. Das ist überhaupt eine verbreitete Schwäche: In Fachgebieten, in den wir etwas wissen und sei es nur zu großen Teilen, lassen wir uns so schnell kein X für ein U vormachen. Also ein Rechtsanwalt wird kaum irgendwelche absurden Theorien über Gerichtsurteile für bare Münze halten, auch wenn sie im Internet als letzte Wahrheiten wie eine Seuche grassieren.

Wenn es zu Gebieten kommt, von denen wir keine Ahnung haben, glauben wir jedem (selbsternannten) Fachmann gern. Wie soll ich denn eine Aussage, wohlformuliert, über Kernphysik beurteilen? Wenn die ideologische Richtung der Aussage mit meiner übereinstimmt, übernehme ich das und kann mich auf Kernphysiker Dr. XXX berufen.

Ein schönes Beispiel ist hier die Darmreinigung. Wir sollen dicke Schichten von Ablagerungen durch bestimmte Maßnahmen abtragen. Fragt mal einen Pathologen, den Ihr kennt, nicht einen unbekannten Jemand aus dem Internet, wie oft der schon solche Ablagerungen auf den Darmwänden gefunden hat. Ich habe gefragt – keiner von ihnen hat dergleichen je gefunden.

Ein weiteres gutes Beispiel ist die Suche nach der richtigen Ernährung. Die beherrscht mittlerweile jeder und ich warte auf den Tag, wo mir endlich ein Kind von zehn Jahren einen Vortrag darüber hält, was gesund ist, wozu natürlich auch Gummibärchen gehören.

Nur weil eine Webseite den Namen „www.gesuendeste-ernaehrung-der-welt.de trägt, heißt das gar nichts. Ein Name ist frei wählbar und suggeriert nur Expertise. Nur weil dir jemand sagt: „Ich mache mich stark für eine gesunde Ernährung, denn wir wollen alle gesünder sein“, musst du das nicht glauben. Im Gegenteil.

Aus dem Leben einer Privatpatientin (3/3)

Natürlich gibt es auch die Privatpatienten, die großes Trara um ihren Status anfachen, Ärzte terminlich einschüchtern (wenn die Ärzte das dulden), auf große Hose machen und bevorzugt werden. Genauso wie es in jeder Menschengruppe unangenehme Vertreter ihres Typus gibt. Was ich komplett unredlich finde, ist, dass gewisse politisch motivierte Seiten (um es einmal so auszudrücken) die Negativbeispiele vorzerren und als typische Vertreter anprangern.

Die Gleichmacher mögen sich auch einmal klarmachen, dass eine sogenannte „Bürgerversicherung“, bei der alle Menschen (bis auf sie selbst, die politische Clique) gleichgeschaltet werden, erst wirklich eine Zweiklassenmedizin erzeugt. Die Leute, mit dem richtig dicken Geld in der Tasche werden dann eben ihre gute Versorgung aus eigener Tasche zahlen. Mit „richtig dicke Geld in der Tasche“ meine ich nicht deine Nachbarn, die vielleicht mehr verdienen als du, sondern Menschen mit einem Einkommen, das im Monat ein normales Gehalt um das Hundertfache übersteigt.

Wenn die privaten Krankenkassen abgeschafft werden, kann ich heute schon eins vorhersagen: Keiner der jetzigen Kassenpatienten wird besser behandelt. Nur die ehemaligen Privatpatienten werden die Privilegien, die sie sich wünschen (s. Einbettzimmer) teurer bezahlen als sonst. Das arme Mütterchen im schlohweißen Haar, das sich die Rezeptgebühr am Munde absparen muss, wird auch nach Gleichschaltung der Versicherungen keinesfalls weniger Rezeptgebühr bezahlen (allenfalls aus Augenwischerei für ein oder zwei Jahre, dann kommt die Gebühr in gleicher Höhe wieder).

In den letzten Jahren sind meine Krankenkassenbeiträge teils um mehr als zehn Prozent angestiegen. Das wird mir immer als „Anpassung der Beiträge“ verkauft, ein Ausdruck, über den ich mich regelmäßig aufrege. Wie stark sind die gesetzlichen Kassenbeiträge in dieser Zeit gestiegen?

Es mag Ärzte geben, die Privatpatienten bevorzugen. Natürlich – es gibt auch Ärzte, die ihr Fach nicht verstehen, die Kassen betrügen, an ihren Patienten nicht interessiert sind, allen nur das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Die gibt es alle. Aber sie sind in meiner Erfahrung wirklich nicht die Regel.

Manche Dinge sind für Privatpatienten einfacher und besser, das stimmt. Na und? Ein Privatpatient bekommt leichter eine Verlängerung der Reha, ein Kassenpatient bekommt je nach Krankheit drei Wochen und nur in Ausnahmefällen mehr. Soll ich euch sagen, was passieren wird, wenn die Privatkassen zerstört werden sollten? Dann bekommen alle drei Wochen und nur in Ausnahmefällen mehr.

Diese Bestrebungen gelten alle nur dem Ziel: Niemandem darf es bessergehen als mir, und nicht dem Ziel: Allen soll es bessergehen.

Außerdem werden alle Politiker, ich erwarte da keine Ausnahme, schon zusehen, dass sie weiter privilegiert werden. Weil sie ach so wichtig sind.

Wenn ich glauben könnte, dass mit einer Abschaffung der privaten Krankenkassen die Menschen am Ende des finanziellen Systems daraus einen dauerhaften Vorteil haben, würde ich sofort mit aller Vehemenz dafür eintreten.

Aus dem Leben einer Privatpatientin (2/3)

Ich habe noch keinen Arzt gesehen, der freundlicher oder gründlicher ist, weil ich Privatpatientin bin. Sie sind zu mir genauso unmöglich, unverschämt, oberflächlich, unmenschlich, freundlich, zuvorkommend, verständnisvoll wie bei anderen Patienten auch.

Das für mich Interessante ist noch eine andere Sache, nämlich: Wer behauptet all diese wunderbaren Dinge von den Privatpatienten? Es sind in meiner Erfahrung die Kassenpatienten. Ich habe noch keinen privat Versicherten gesprochen, der sagte: Ach, es ist so wunderbar, privat versichert zu sein – ich warte nie, alle Ärzte sind freundlich und ich bekomme Termine innerhalb von zwei Tagen.

Ich sehe da eine Parallele bei Smartphone- und Computer-Spielen. Pokemon Go und Draconius Go sind wie viele andere kleine oder große Spiele so angelegt, dass man sie ohne Geldeinsatz spielen kann. In beiden Spielen kann man aber gewisse Dinge für „Echtgeld“ erwerben. Sobald jemand in einem dieser Spiele kein Glück hat bei der Zufallsverteilung von guten Dingen, kreischt er im Forum: „Ha, die Leute, die Geld investieren, kriegen das eben öfter.“ Diese sogenannten Schätze sind also bei Bezahlern häufiger? Auch hier kann ich nur sagen: Schön wär’s. Ich gebe Geld für Draconius Go aus und warte auf gewisse Goodies oder gute Sachen genauso lange oder bei manchen Sachen länger als der Durchschnittsspieler. Aber die tosenden Gerüchte nehmen kein Ende.

Ich könnte es die Verschwörungstheorie der Nichtbezahler nennen. Was da von politischer Seite teils geschürt wird als Bürgerversicherung ist ein reines Herauskitzeln des Neidgefühls. Die privaten Versicherer, das ist auch kein Geheimnis, finanzieren einen Großteil des Gesundheitswesens dadurch, dass sie den Ärzten und Kliniken mehr Geld zahlen.

Dann gibt es noch die Zusatzversicherungen. Es gibt Menschen, ohne Zweifel, die sich eine solche Zusatzversicherung nicht leisten können. Es gibt aber auch viele, die keine Lust haben, ihr Geld für eine private Zusatzversicherung auszugeben. Sie kaufen sich lieber ein teures Auto, fahren zweimal im Jahr im Urlaub, kaufen sich alle zwei Jahre neue Möbel. Nichts dagegen – aber ich frage mich, wieso diese Meinung herrscht, „ich will auf nichts verzichten und alles haben“.

Für die Schwarzweißseher sind alle Privatpatienten Millionäre, die im Geld schwimmen und sich Gesundheit kaufen können. Nein, Privatpatienten sind keineswegs alle reich. Vor allem im Alter sind private Versicherungen sehr teuer, auch wenn die Privatversicherten vorher teils besser wegkommen, das stimmt wirklich. Um mal wieder von mir selbst zu sprechen: Ich habe viele Jahre weniger in die private Krankenkasse eingezahlt als angestellte Kassenpatienten mit vergleichbarem Bruttoeinkommen, das stimmt. Ich betone hier: Bruttoeinkommen. Und der Umsatz eines Selbstständigen ist keineswegs mit einem Bruttogehalt vergleichbar, denn mir zahlt keiner irgendeine Hälfte mit. Als kleiner Selbstständiger wirst du in der Regel nur dann nicht arbeiten, wenn etwas fast lebensbedrohlich ist. Denn Krankheitszeiten bezahlt dir niemand. Auch im Urlaub zahlen dir deine Kunden nicht weiter, weil sie gesetzlich verpflichtet sind, für dein Urlaubsrecht geradezustehen. Ich will damit nicht behaupten, dass alle Privatversicherten und Selbstständigen ehrbare Heilige sind, die mehr schuften und damit weniger verdienen als Angestellte. Und wenn ich einmal beim Arzt kürzer warten würde, ganz ehrlich, ich fände das gar nicht sooo ungerecht. Denn während ich beim Arzt sitze, tickt die Uhr, aber nicht mein Geld. Wer als Arbeiter oder Angestellter während der Arbeitszeit zum Arzt gehen muss (ich weiß, dass es nicht alle tun), muss dafür keinen unbezahlten Urlaub nehmen.

Aus dem Leben einer Privatpatientin 1/3

Es geht die Geschichte um vom privilegierten Privatpatienten und der Zweiklassen-Medizin. Ich bin Privatpatientin und berichte gern von meinen Erfahrungen: aus meinem Leben und anderer Privatpatienten, die ich kenne. Sie sind ganz persönlich, fußen auf keiner Bevölkerungsstatistik.

  • Da gibt es zum Beispiel das Gerücht, dass Privatpatienten bevorzugt Termine bekommen. Die meisten Ärzte bzw. Helferinnen haben mich vor der Terminvergabe (wenn ich zum ersten Mal dort anrufe) nicht nach meiner Kassenzugehörigkeit gefragt – und ohne zu wissen, dass ich Privatpatientin bin, kann mich niemand bevorzugen.
    Ich hatte vor drei Jahren ein Problem mit den Augen, das keinen langen Aufschub duldete. Die nächste Augenarztpraxis – sie hatte nach dem Patientenstatus gefragt – hatte einen Termin in drei Monaten für mich.
  • Nicht zu vergessen, dass die Privatpatienten nicht so lange in der Praxis warten müssen. Schön wär’s 🙂 Ich habe in den letzten drei Jahren ausgiebig Ärzte- und Wartezimmererfahrungen mit einem Freund sammeln dürfen. Nicht ein einziges Mal kam er schneller dran als die anderen Wartenden. Einmal sogar war es wirklich ärgerlich, da war der Freund frisch zurück von einer schweren OP, ich hatte extra für ihn bei der Praxis gefragt, wie die Wartezeiten sind und auf die Erkrankung hingewiesen. Fünfzehn Minuten maximal, war die Antwort. Er hat über vierzig Minuten gewartet. In einer anderen Allgemeinpraxis musste er auf eine reine Blutabnahme manchmal mehr als eine Stunde warten. In beiden Praxen war bekannt, dass er Privatpatient ist.
  • Nicht zu vergessen die Zwei-Klassen-Medizin. Worin besteht die? Ich greife ein Beispiel heraus: Bei einem Privatrezept kann der Arzt das Originalpräparat aufschreiben, dann muss die Apotheke das aushändigen. Die Apotheker fragen übrigens regelmäßig, wenn es preiswertere Generika gibt, ob man die wolle? Auch die private Krankenkasse meldet sich freundlich und bittet darum, den Arzt anzuhalten, doch das preiswertere Generikum aufzuschreiben.

Es gibt Unterschiede, stimmt. Auf einem privaten Rezept für Physiotherapie darf der Arzt zehn Anwendungen verordnen, beim Kassenpatienten sind es nur sechs. Dafür darf der Privatpatient häufig einen Teil der physiotherapeutischen Anwendungen aus der eigenen Tasche bezahlen, weil sie mysteriöser Weise nicht im Heilungsplan der privaten Krankenkasse aufgeführt sind.

Nicht zu vergessen, haben Privatpatienten noch das große Privileg, dass sie erst einmal alle Rechnungen (bis auf Krankenhauskosten) aus eigener Tasche bezahlen dürfen. Das kann auch schon mal in die drei- bis vierstelligen Summen gehen. Auch haben sie einen Selbstbehalt. Zwar müssen die Kassenpatienten eine Gebühr pro Rezept bezahlen, wenn man aber als Privatpatient nicht völlig unter den monatlichen Kosten zusammenbrechen möchte, wählt man einen hohen Selbstbehalt. Der beträgt bei mir zum Beispiel 3500 Euro pro Jahr. Wenn ich also zum Arzt gehe, muss ich schon richtig etwas „Fettes“ haben, um diese 3500 Euro zu erreichen. Wer als Privatpatient krank wird, muss nicht nur die Beiträge bezahlen, sondern auch jedes Jahr wieder erst einmal den Selbstbehalt bezahlen (nicht vorstrecken!), bevor die Kasse tätig wird. Als privat versicherter Rentner mit guter Krankenversicherung können so ab Mitte 60 durchaus Jahresbeiträge von 4500 Euro zusammenkommen. Dazu kommt dann der Selbstbehalt, nehme ich das Beispiel von 3500 Euro. Das sind im Monat etwas mehr als 650 Euro.

Der Privatpatient hat den Vorteil, dass er direkt zum Facharzt gehen kann, das stimmt. Der Privatpatient kann, wenn er sich entsprechend versichert, ein Einbettzimmer und Chefarztbehandlung erhalten. Das kann der Kassenpatient mit einer Zusatzversicherung auch. Wobei mir die Chefarztbehandlung nicht wichtig ist, aber die Vorstellung, gerade wenn ich krank bin, nicht allein liegen zu können, war für mich immer so bedrückend, dass ich schon eine private Krankenversicherung abgeschlossen habe, als ich noch sehr wenig Geld verdient habe.

Experten und ihre Expertisen

Experten und Coaches

Wir waren vor zwanzig Jahren noch richtig verkümmerte Wesen, denn es gab keine Experten oder Coaches, die uns den Weg durch das Leben leiteten.

Als erstes kamen die Heiler und Seelenversteher, die Reiki-Gurus und Heilpraktiker aller Coleur, aber das liegt jetzt auch schon hinter uns. Ein neues Zeitalter ist angebrochen, die Ära des Expertentums und des Coachings.

Heute ist eigentlich jeder ein Experte. Warum? Ich sehe das so: Experte ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Ingenieur, Kaufmann oder Erzieher darf ich mich nur nennen, wenn gewisse Bedingungen erfüllt sind bzw. ich eine entsprechende Ausbildung abgeschlossen habe. Experte und Coach kann sich jeder nennen: Gesundheitsexperte, Humorcoach, Lachexperte, Ernährungscoach, Ernährungsexperte, Haushaltscoach, Haushaltsexperte, die Liste ist schier unendlich lang. Und das ist völlig egal, ob sie im Leben zuvor Elektriker, Hilfsarbeiter, Professor, Mediziner oder Autoverkäufer waren. Das sind durchaus keine wüsten Erfindungen, sondern diese Experten gibt es alle. In Facebook verfassen sie Lebensweisheiten, und die sind meist komplett humorlos.

Das ist etwas, was mir am Expertentum und der Coacherei häufig auffällt: Wo ist der Humor, der Witz, mit dem uns früher Menschen etwas beigebracht haben, die eine mehr oder wenig komplizierte Ausbildung genossen hatten? Okay, die sind auch nicht alle witzig und sie wissen auch nicht immer viel, aber irgendwo hat das Hand und Fuß. Der Expertenhumor ist künstlicher Humor, den die besagten Experten, die gerne mit aufgerissenem Mund kalt in die Kamera lachen, formulieren. Humor verstehen wiederum können sie nicht, weil sie finden, dass sie selbst so unendlich wichtig sind. Über sich selbst lachen ist in dieser Branche ganz ungewöhnlich.

Coaches und Experten bilden sich übrigens gerne gegenseitig aus. Dann können sie Diplome und Zertifikate vorweisen, die zwar niemand außer ihnen kennt oder gar ernst nimmt, aber es macht sich gut. Im Zentrum der Sinnlosigkeit habe ich mich schon darüber lustig gemacht.

Anlass für meine heutigen Ausführungen war ein Austausch auf Facebook. Facebook bricht unter dem Expertentum und weisen Sprüchen förmlich zusammen. Ich möchte nicht der Dalai Lama sein, der vor rotgelbem Hintergrund immer mit seinen Weisheiten präsentiert wird. Ob er die wirklich alle von sich gegeben hat? Ich weiß es nicht. Meistens lese ich diese Dinge mit einer leichten Magenverdrehung. Heute nun las ich folgenden Spruch:

„Du musst dich nicht stark fühlen,
um anfangen zu können.
Aber Du musst anfangen, um Dich
eines Tages stark fühlen zu können.
Sven Sander, Charisma Experte

Gut an dem Spruch: kein Tippfehler. Das ist durchaus eine Seltenheit bei all diesen Weisheiten. Für mich ist dieser Spruch so hohl, wie er vierzeilig ist. Natürlich kommen lauter begeisterte Kommentare, so in dem Stil „Ja, wie wahr, seufz.“ Oder: „Endlich mal jemand der das sagt, das hat mein ganzes Leben umgekrempelt.“ Also diese Kommentare sind von mir sinngemäß nachempfunden, der Spruch jedoch ist ordentlich zitiert, inklusive des Untertitels. Und fand ich den Spruch schon bemerkenswert leer, so hat mich doch die Expertenbezeichnung fast vom Stuhl geworfen. Mal ganz abgesehen davon, dass Sven vermutlich nicht Charisma und Experte ist, sondern Charismaexperte oder mindestens Charisma-Experte. Das sind aber so typische kleine Bosheiten von mir. Heute konnte* ich den vermeintlich weisen Spruch nicht so stehen lassen, es hätte mich sonst zerrissen.

* Das ist natürlich falsch. Natürlich konnte ich den Spruch unkommentiert lassen, ich wollte es nicht. Jeder Lebenskunstexperte hätte mir das mit Ernsthaftigkeitsfalte zwischen den Augenbrauen erklärt.

Ich antworte daher:

„Du musst dich nicht schwach fühlen, um aufhören zu können. Aber du musst aufhören, um eines morgens gut ausgeschlafen zu sein – Ute-Marion Wilkesmann Sinnlosgkeits Expertin

Ich finde das witzig. Vielleicht ist das arrogant von mir. Ich finde es klug und witzig. Nun gut, Sven ließ sich nicht lumpen:

„Ja, genau wirkt in beide Richtungen, Danke“. Dazu ein Namaste-Emoji.

Vermutlich hielt er es für ungeheuer clever wenn nicht gar intelligent, wie er meine Persiflage zu seinen Gunsten umgedreht hat bzw. zu haben glaubte. Bloß nicht mit einem Scherz antworten. Ich war auch auf seiner Webseite, wo er sich selbst ordentlich lobt und preist. Ausbildung? Wird nicht erwähnt, aber er war mehrere Jahre in gehobener Managementposition tätig. Was auch heißen kann, ich weiß es ja nicht, dass er Autoverkäufer in einer kleinen Werkstatt mit zwei Angestellten war. Natürlich kann er auch in leitender Position bei Bosch oder BMW tätig gewesen sein. Was aber niemand weiß, er sagt ja nix. Vermutlich hat er seine Ausbildung in der Schule des Lebens genossen. Das ist auch immer hübsch in Facebook, das schreiben vorwiegend diejenigen, die sich wegen ihrer nichtunversitären Ausbildung schämen. Was ich merkwürdig finde, muss jeder an einer Uni sein? Dies, als Abschweifung, ist auch Zeitgeist: In Xing und Facebook lässt sich eine einfache Ausbildung sehr gut etwas größer darstellen, denn wenn ich einmal in Mainz in der Mensa der Universität zu Mittag gegessen habe, kann ich mit gutem Gewissen schreiben: „Ich war an der Uni Mainz. Studiert habe ich Italienisch und Mazedonisch. Meine Hobbies sind Psychologie, Ägyptologie, Philosophie und Latein.“ Dafür reicht dann eine Ausbildung zum Fremdsprachenassistenten, außerdem eine einjährige Beziehung mit einem Mazedonier.

Was mich aber am meisten fasziniert: Diese Coach-/Expertenseiten sind komplett austauschbar. Ich sah mich in den letzten Jahren immer wieder mit neuen Varianten konfrontiert, sie sind alle gleich: Glaube an dich, du bist der Beste, ich hole das Beste aus dir raus, nimm deinen Bauch ernst und und und. Es ist endloses Gelaber, dass ich vor zehn Jahren schon in fünfzehn Jahre alten amerikanischen Büchern zu ähnlichen Themen gelesen habe. Angeknabbert, durchgekaut und immer wieder ausgespuckt.

Faszinierend, Mr. Spock findet das auch.

Sven möge mir nicht böse sein, was er vermutlich gar nicht kann, er ist ja schon souverän und mit dem Namastegruß auf die Welt gekommen.  Er wird meine arme Seele verstehen und wissen, dass mir nur ein Coaching fehlt, damit ich nicht so verbittert auf alles reagiere. Vielleicht wird er es mir sogar mit 50 % Rabatt anbieten? Es ist nicht persönlich gemeint, ich kenne Sven bis auf diese zwei Sätze und seine Webseite nicht. Ich hätte auch Harald, Sabine, Juliane oder Matthias zitieren können.