Werbemails (4/4)

„Sorry, aber Sie sind allesamt nur Geister, Spamgeister, keine echten Menschen.“

„So ein Quatsch“, Yvette öffnete ihre große Handtasche und suchte nach etwas. „Schauen Sie doch hier in meinen Taschenspiegel, ich kann mich darin sehen, Geister sehen sich nicht in Spiegeln!“

Mandy lächelte mitleidig. „Das sind Geister von Gestern. Die alten Geschichten, die Sie da wohl gelesen haben, Frau Strauch, sind lange passé. Heute gibt es bessere Methoden, die mittels fluoreszierender Strahlen Menschen von Geistern und Gespenstern unterscheiden.“

„Selbst wenn das so wäre: Was haben Sie oder Ihre Wissenschaftler davon, wenn Sie uns jetzt zu Geistern machen, uns die Lebensfreude verderben?“ Karl war aufgestanden, seine Unterlippe zitterte.

„Die involvierten Forscher…“

Yvette unterbrach Mandy: „Können Sie vielleicht normales Deutsch reden? Involviert, was für ein hochtrabender Quatsch.“

Mandy bemühte sich offensichtlich um Contenance. „Entschuldigen Sie, ich hatte nicht darüber nachgedacht, dass Sie unterschiedliche Ausbildungsniveaus mitbringen.“

„Ha!“, warf Niklas ein, „Auch noch unverschämt werden! Und wie bitte soll ein Gespenst oder Geist denn eine Ausbildung durchlaufen, Sie widersprechen sich selbst.“

„Ach, bedauerlich, Sie wollen einfach nicht akzeptieren, was jedermann sehen kann. Sie haben ein geträumtes Leben, das ist bei Geistern so. Ja, und Sie sind Geister, Spam-Geister.“

Erica, die vorn auf der Kante gesessen hatte, warf sich in den Stuhl zurück: „Ich glaub’s einfach nicht, nein, das ist Quatsch. Beweisen Sie doch den Unsinn.“ Sie drehte ihren Kopf zu der Videokamera: „Das Spiel ist jetzt zu Ende, ich steige aus.“ Mandy war plötzlich wieder ganz gelassen und lehnte sich gegen das rote Polster der Rückenlehne ihres Stuhls.

„Bevor ich Ihnen den Beweis bringe, möchte ich Ihnen auch noch mitteilen, was neben der Wissenschaft der Zweck der Einladung ist. Die Firmen, die Sie beschäftigt haben, finden, dass Ihre Bezahlung dafür, dass Sie nur Geister sind und dementsprechend viel weniger Bedürfnisse haben, einfach zu hoch. Geister werden in der Regel überhaupt nicht bezahlt,“ und zu Werner gewandt, der gerade etwas sagen wollte: „Und eine Geistergewerkschaft gibt es nicht.“

„Also, wir sind jetzt auch schon am Ende des Gesprächs, da Sie sich so sperren. Wenn Sie bitte freundlicherweise die neuen Verträge unterschreiben“, dabei holte sie sechs Blätter aus der Mappe, die sie nebeneinander auf den Tisch legte. Dazu einen Kugelschreiber. Die Besucher waren einhellig empört.

„Wenn Sie diesen Vertrag nicht unterschreiben, werden Sie eben gar nicht mehr bezahlt.“ Mandys Stimme war hart im Raum wie ein Diamantmesser, das Glas schneidet.

Fred sprang auf, „Kommt Leute, das lassen wir uns nicht länger bieten. Das ist doch wohl das Letzte. Dass der Typ, für den ich arbeite, mies bezahlt, weiß ich längst. Aber das ist nun wirklich die Höhe!“ Die anderen waren noch unschlüssig und starrten auf die neuen Verträge. Fred nahm seine Jacke, die er über die Stuhllehne geworfen hatte, und strebte dem Ausgang zu. Karl, Niklas, Werner, Erica und Yvette sahen ihm nach. Sie beobachteten auch, wie er die Klinke in die Hand nehmen wollte. Seine Hand glitt durch die Klinke, durch die Tür. Aus Freds Gesicht war jede Farbe gewichen, er drehte sich zu seinen Kollegen um. „Nein!“ schrie er mit unhörbarer Stimme, bevor er zu Boden sank.

Werbemails (2/4)

Die Uhr über der Tür war groß, schlicht mit weißem Hintergrund und klaren schwarzen Ziffern, die roten Zeiger bewegten sich geräuschlos. Die sechs Personen musterten sich gegenseitig unauffällig. Werner ergriff das Wort: „Warten wir alle auf dieselbe Person?“ Fred antworte ihm: „Keine Ahnung, ich wurde von einer Frau Mandy Kurz eingeladen“. Die anderen nickten und bestätigten das, ja, sie waren alle von Frau Kurz für zehn Uhr eingeladen worden. „Geht es bei Ihnen auch um berufliches Fortkommen?“, fragte Niklas in die Runde. Alle nickten. Zögerlich begannen sie, sich miteinander zu unterhalten. Das Gespräch stockte immer wieder, wie das unter Fremden so ist. Pünktlich um zehn Uhr öffnete sich die Tür, eine schlanke Mittdreißigerin, die schwarzen Haare straff am Hinterkopf zusammengefasst, kam herein. Sie trug einen knielangen schmalen schwarzen Rock und eine weiße Bluse mit welligem Kragen. Sie war sorgfältig geschminkt, ihre Fingernägel gepflegt und rot lackiert. In der Hand hielt sie eine Mappe. Sie lächelte in die Runde. „Guten Tag, meine Damen und Herren. Mein Name ist Mandy Kurz, ich bin die Leiterin dieser Arbeitsvermittlung und würde gern mit Ihnen allen über Ihre Zukunft sprechen. Bitte folgen Sie mir.“ Die sechs Wartenden sahen sich an, zogen die Augenbrauen hoch oder zuckten mit der Schulter und folgten Mandy. Sie hätten statt ihrer schlanken Figur auch dem dezenten Rosengeruch folgen können, der offenbar von Mandy ausging.

Sie gingen den Flur entlang, bis zum Ende des Ganges, wo eine Tür aufstand. Mandy betrat den Raum, ihre Besucher folgten ihr. Der Raum war luftig mit einer großen Fensterfläche im Hintergrund. Davor stand ein schlichter runder Tisch mit einem Durchmesser von ungefähr einem Meter zwanzig. Um den Tisch waren sieben Stühle auf, sechs mit schwarzem Bezug und silbernen Stuhlbeinen, ähnlich wie im Warteraum. Der siebte Stuhl hatte das gleiche Design, war aber mit tiefrotem Kunstleder bezogen. Mandy setzte sich auf den roten Stuhl und lud ihre Besucher mit einer Handbewegung ein, sich hinzusetzen.

Mandy lächelte in die Runde. „Vielen Dank, dass Sie heute gekommen sind. Sie können mich gern Mandy nennen. Damit Sie sich gegenseitig kennenlernen können, stelle ich Sie kurz vor.“ Sie nickte mit dem Kopf zu Fred: „Hallo Fred, hallo Werner, Sie beide preisen Hochregale an, nicht wahr?“ Fred und Werner nickten. „Karl und Erica sind zuständig für Werkzeugwagen, Niklas für Werkzeugkästen, Yvette versüßt den Herren ihre Freizeit.“

Die vier Männer und zwei Frauen starrten Mandy erwartungsvoll an. „Bitte bedienen Sie sich doch!“ Dabei zeigte sie auf ein Rondell in der Mitte des Tisches, in dem kleine Saftflaschen standen. Daneben waren sechs Gläser aufgereiht. Niklas griff zu einer Flasche Kirschsaft, drehte den Verschluss, bis es knackte, und goss sich den Inhalt der Flasche in eines der Gläser. Die anderen warteten noch.

Werbemails (1/4)

Fred Hoffmann kam als Erster. Er sah sich in dem Raum um. Acht Stühle, eine Garderobe, ein kleines Fenster zum Hof. Dennoch war es hell, weil mindestens vier lange Neonröhren unter der Decke hingen. Die Stühle waren mit schwarzem Kunstleder bezogen, die Stuhlbeine verchromt. Fred schaute auf die Uhr: Viertel vor zehn, er war wie immer etwas zu früh. Er hing seine Jacke an einen Haken und setzte sich auf einen Stuhl an der Seite des Raums. Wie es seine Gewohnheit war, vermied er es, zwischen Fenster und Tür zu sitzen, denn dann war Durchzug unvermeidbar. Er wollte nicht schon wieder eine Erkältung riskieren. Auf dem schwarzen Tisch, ebenfalls mit Chrombeinen, lagen ordentlich aufgereiht Namensschilder. Er suchte seinen Namen heraus und heftete sich das Schild mit einer Klammer an sein Hemd.

Wenige Minuten später kamen ein Mann und eine Frau in den Raum. Sie nickten Fred zu: „Guten Tag“. So, wie sie sich verhielten, schienen sie dennoch nicht zusammenzugehören. Der Mann war schätzungsweise Mitte vierzig, untersetzt, sein Haupthaar war zu einem Kranz am Hinterkopf zusammengeschrumpft. Er trug ein dickes Wolljacket, viel zu warm für diese Jahreszeit. Er sah die Schilder auf dem Tisch und griff zu „Karl Gerke“. Er nahm gegenüber von Fred Platz. Die Frau hatte mittlerweile ihren Regenmantel an die Garderobe gehängt. Sie war groß für eine Frau, bestimmt ein Meter fünfundachtzig, knochig. Ihr Gesichtsausdruck ließ auf ein hartes Leben oder Unzufriedenheit schließen. Ihre blondierten Haare erreichten das Kinn, wo sie sich leicht nach innen drehten. Eine typische Frisur für eine Endvierzigerin, war Fred überzeugt. Ihre Augen lagen klein und tief hinter einer dicken Brille. Sie ging zum Tisch und griff zum Schild mit dem Namen „Erica Feist“. Fred lächelte sie ermunternd an, aber sie reagierte nicht. Sechs Personen waren offenbar eingeladen worden. Die drei anderen trafen ebenfalls pünktlich ein: Niklas Ostermann, Ende zwanzig, für sein Alter recht picklig und mit einem Spitzbart, lässig gekleidet. Seine welligen Haare erreichten sein dunkelblaues Sweatshirt, wo sie einen leichten Schuppenregen hinterlassen hatten. Werner Kesselmann war der Älteste von allen, schätzungsweise so um die sechzig. Er war klein und rund, seine braunen Augen lachten genauso wie sein kleiner runder Mund. Er nickte fröhlich in die Runde, steckte sich sein Schild an den Kragen seiner Sweatstoffjacke, die in Kontrast stand zu seiner grauen Stoffhose. Yvette Strauch war im gleichen Alter wie Niklas, vielleicht ein wenig jünger. Sie war eine üppige Brünette, ihr pinkes T-Shirt gab Einblick in ihr Dekolleté, die blassblaue Jeansjacke stand offen und würde sich garantiert auch nie über ihrem Busen schließen lassen. Ihre Haare hingen glatt bis über die Schultern, ihre Wimpern waren genauso wenig echt wie ihre Fingernägel, die in dem grellen Rosaton das Pink ihres Tops ergänzten.

Es (4/4)

Alex beschloss seine drei Studien in Fernlehrgängen zu beenden, was Es parallel in weiteren sechs Semestern schaffte. Da saß Es nun mit einem Master in Psychologie, einem Bachelor in Mathematik und einem Bachelor in Geographie. Den Master hatte Es für die Prüfer als Frau abgelegt, die beiden Bachelorprüfungen als Mann. Es stellte fest, dass Fernstudien ein einsames Leben bedeuten. Seine Eltern waren mittlerweile schon alt geworden, war seine Mutter bei seiner Geburt doch schon einundvierzig Jahre und sein Vater dreiundfünfzig Jahre alt gewesen.

Es beschloss in die weite Welt zu ziehen, um ein anderes Es zu finden. Einen Menschen, der ähnliche Erfahrungen gemacht hatte wie Es, mit dem Es sich austauschen konnte. Jahrelang zog Es so von Land zu Land, seine Eltern waren mittlerweile verstorben. Auch die alte Hexe, die seinen Eltern den Fruchtbarkeitstrunk übergeben hatte, war entweder tot oder in eine andere Ecke des Universums verzogen. Es war ganz allein. Sein Geld verdiente Es sich mit Büchern: psychologischen Ratgebern, Lernheften zu Mathematik und kleinen Reiseführern.

Auf einem Teebeutelanhänger hatte Es einen Spruch gelesen: „Gibt es denn eine Welle, die für sich allein ist im Weltenmeer?“ Es folgerte, dass der Autor die Antwort erwartete: „Nein, das gibt es nicht und – nach einer Denkpause – deshalb bin auch ich nie allein.“ Der Verfasser kannte offensichtlich kein Es, sonst hätte er so etwas Dummes nie gesagt. Aber der Spruch beschäftigte Es. Vielleicht war es selbst so eine kleine Welle, dass Es die großen Wellen um sich herum gar nicht wahrnahm? Auch das brachte Es der Lösung nicht näher.

Als das Es über sechzig Jahre alt war, konnte Es wieder häufiger unter Menschen gehen, da man Es nicht ständig damit bedrängte, ob Es nicht endlich eine Familie gründen wollte. Familie? Es zuckte mit den Schultern, was würde ihm das bringen? Und wie vermehrt sich ein Es, das kein Gender Shifter ist? So viele Fragen, so wenige Antworten! Manchmal war Es verzweifelt. Manchmal zürnte Es den Göttern, wobei Es sich gleichzeitig gar nicht sicher war, ob es sie überhaupt gibt. Und waren diese, falls es sie gab, männlich, weiblich oder eslich? Es wehrte sich gegen den Begriff sächlich für ein Es.

Es fühlte sich sehr allein. Wann immer Es versucht hatte, mit anderen Menschen engeren Kontakt zu pflegen, kam die Frage irgendwann auf das Geschlecht. Es gab keine Antwort darauf, aber Es war auch nicht gern allein. Manchmal saß Es auf einer Bank des Spielplatzes im Park und beobachtete die kleinen Kinder, die glücklich auf dem Rasen spielten. Sie hatten es einfach, sie waren Jungen oder Mädchen. Sie würden, wenn sie es geschickt anstellten, niemals einsam sein.

Manchmal tuschelten die Mütter über Es und warfen ihm merkwürdige Blicke zu. Einmal kam ein Vater, baute sich vor ihm auf: „Sie beobachten wohl gern kleine Kinder, sie alter notgeiler Mann? Gehen Sie fort von hier und belästigen Sie unsere Kinder nicht weiter.“

Das alte Es stand traurig auf und ging heim. Auf dem Heimweg hatte Es den Eindruck, ihm folgte jemand. Der wütende Vater, wollte er ihn vielleicht zusammenschlagen? Es bekam Angst, denn Es fürchtete sich vor körperlichen Auseinandersetzungen, Schmerzen, Verletzungen, vielleicht dem Tod. Es konnte aber niemanden sehen.

Als Es nach Hause kam, setzte es sich erschöpft auf sein Sofa. Das Leben als Es war so anstrengend. Es war müde, Es humpelte zum Herd, um sich einen Tee zu kochen. Dann überprüfte Es online sein Konto. Oh, das sah gut aus, der Ratgeber „Sei du selbst“ verkaufte sich prächtig, in den nächsten Jahren musste Es keine finanziellen Sorgen haben, wenn Es ein wenig vorsichtig haushaltete.

Da klingelte es an der Tür. Es bekam eine Gänsehaut, hatte der Vater einen Trupp wütender Nachbarn zusammengetrommelt, um Es zusammenzuschlagen? Es humpelte zur Tür und sah durch den kleinen Sehschlitz. Da war niemand, schon gar nicht ein Trupp. Es öffnete die Tür. Da stand ein kleiner Junge, vielleicht zehn Jahre alt und schaute ihn an.

„Was willst du?“

„Ich bin so allein, und irgendwie fühle ich mich dir so nahe.“

Das Es war erstaunt. Was für eine altkluge Wortwahl. Oder war der kleine Junge vom Mob vorgeschickt, die sich gleich auf Es stürzen wollten, um das Leben aus ihm herauszuprügeln, sobald Es den kleinen Jungen hereinbat.

„Wie heißt du denn?“

„Ulli.“

Das Es schaute nach links, schaute nach rechts, da war niemand zu sehen. Ein bisschen Gesellschaft bei einer Tasse Tee wäre wunderbar, auch wenn es ihn vielleicht die Gesundheit oder das Leben kosten würde.

„Wissen deine Eltern, dass du hier bist?“

Ulli schüttelte den Kopf.

„Du solltest ihnen Bescheid geben.“

„Sie vermissen mich nicht, sie sind froh, wenn sie mich nicht sehen.“

„Aber wie das denn?“ Mitleid zerriss fast Alex‘ Herz. „Du bist doch so ein anständiger netter Junge, wie können sie die nicht sehen wollen?“

Ulli schüttelte den Kopf. „Ich bin kein anständiger netter Junge.“

Alex rührte in seinem Tee. „Nicht? Bist du ein Schläger? Ein Lügner?“

Ulli schüttelte den Kopf erneut. „Ich habe dich im Park gesehen und dachte irgendwie, du verstehst mich. Ich bin kein Junge, meinte ich.“

Da verstand Es die Botschaft, ging in die Küche und kochte einen großen Topf Kakao für sie beide.

 

Es (3/4)

Alex nickte mit dem Kopf, natürlich hatte Es schon von den Wesen hört, die, so hieß es, ihre Form verändern konnten, so komplett, dass sie zu anderen Wesen wurden.

„Du bist ein Gender Shifter. Du kannst jedes Geschlecht annehmen, das du möchtest, oder aber Es bleiben.“

Es schüttelte den Kopf. „Das möchte ich nicht. Ich sehe doch bei Gleichaltrigen, welche Probleme so ein Geschlecht aufwirft. Bin ich etwa ein drittes Geschlecht?“

„Nein“, sagte der Vater, „das bist du nicht und lass dir das nicht einreden.“

Es ging grübelnd in sein Zimmer zurück. War das nun ein Glück oder ein Unglück? Es las in alten Mythen, aber fand nichts über sich. Nichts in Sagen, Märchen, Legenden oder Minnegesängen. Die Schule wurde schwierig, nicht etwa wegen seiner schulischen Leistungen, die waren sehr gut. Aber Es wurde komisch angesehen: immer noch keine Freundin, kein Freund, keine eindeutigen Zeichen. So ein geschlechtsloses Wesen? Es wurde mehr und mehr getuschelt und gelacht. Es bat daher seine Eltern eines Abends, die Schule wechseln zu dürfen. Und so geschah es. Unter der allgemeinen Klage „Mobbing“ konnte Es die Schule zwei Jahre vor dem Abitur wechseln. Bis zum Abschluss ging es gerade noch durch, weil Es sich ein Attest für den Sportunterricht ausgestellt hatte. Alex war sehr gut im Fälschen offizieller Dokumente.

Alex wollte Psychologie, Mathematik oder Geographie studieren. Warum nicht alles zusammen?, fragte sein Vater. „Du bist etwas Besonderes, also enge dich nicht ein.“

Es schrieb sich in Bielefeld in Psychologie ein. Nach zwei Semestern ging auch hier das Getuschel los, also wechselte es nach Göttingen, um dort Mathematik zu studieren. Nach vier Semestern rückten ihm im Studentenwohnheim sowohl die Studenten als auch die Studentinnen zu nahe. Es wechselte nach Hamburg, um dort Geographie zu studieren. Das hielt nicht lang, denn unglücklicherweise verliebte sich ein Professor unsterblich in Es. Das allein wäre noch nicht so schlimm gewesen, aber seine Frau hatte ebenfalls ein Auge auf Es geworfen. So ein junger fescher Bursche! Das Paar geriet daraufhin in einen stundenlangen Streit, weil jeder Alex für sich reklamierte. Sie wollten Alex am nächsten Tag zur Rede stellen. Aber Es war hellhörig und verschwand über Nacht. Kein Abschluss in der Tasche, drei Fächer anstudiert, das war keine Grundlage.

Es ging zu einem Psychologen in Behandlung, weil Es nicht mehr weiter wusste. Dieser riet ihm nach drei Sitzungen, seine sexuelle Identität herauszufinden, sonst käme es im Leben nie weiter. „Aber ich brauche meine sexuelle Identität nicht zu finden, ich habe sie, ich bin Es!“

„Es gibt es nicht. Es gibt Männer, Frauen und auch Asexuelle. Das ist unabhängig davon, ab man heterosexuell, homosexuell, bisexuell oder Transgender ist. Jeder hat eine Grundsexualität.“

Alex betrachtete gelangweilt seine Fingernägel. Es hatte selbst genug Psychologie gelernt, um zu erkennen, dass dieser Mann seine Begriffe nicht korrekt verwendete.

„Ach ja? Und was soll ich Ihrer Meinung nach tun?“

„Ich bin Psychologe, kein Ratgeber. Was Sie tun sollen, müssen Sie selbst herausfinden. Ich begleite sie, ich bin kein Leiter.“

„Ich brauche keine Leiter.“

Der Psychologie starrte Alex an. Was sollte das jetzt?

Alex dachte: „War ja klar, der hat keinen Humor.“

„Haben Sie schon mal von Gender Shiftern gehört?“

Der Psychologe schüttelte den Kopf, „Das klingt nach Unsinn aus einem Science Fiction. Was soll das sein?“

„Menschen, die auf Wunsch ihre Sexualität ändern können.“

„Das sind doch Bisexuelle“.

„Nein. Bisexuelle fühlen sich mit beiden Geschlechtern sexuell verbunden, Gender Shifter ändern ihr Geschlecht.“

„Das sind Transgender!“

„Nein, nein, Gender Shifter machen das mehrmals und ohne Hormone oder Operationen.“

„Ich sage doch, Science Fiction Unsinn. Finden Sie Ihre sexuelle Identität heraus und dann machen wir einen neuen Termin.“

Alex verließ die Praxis wortlos. Es glaubte mittlerweile auch nicht mehr, dass seine Eltern mit der Bezeichnung „Gender Shifter“ bei ihm richtig lagen. Es hatte eines Nachts versucht, sich als Frau zu fühlen, dann als Mann, aber Es fühlte sich nun einmal einfach und schlicht als Es.

Es (1/4)

Es war ein Es und schon als Es geboren worden. Wenn die Mutter während der Schwangerschaft gefragt wurde: „Was wird es denn?“, antwortet sie wahrheitsgemäß: „Keine Ahnung, wir haben dazu keine Informationen.“ Oder „Wir wissen das nicht, wir wollen dies auch erst mit der Geburt erfahren.“

Aufmerksamen Zuhörern hätte auffallen können, dass die Mutter sorgfältig ein gewisses Wort vermied. Es fiel aber niemandem auf. Vor allem nicht, da die Gespräche zwischen Mutter und Vater, so sie dann von Freunden, Bekannten oder Verwandten überhört wurden, ganz normal klangen.

„Sollen wir für es eine Wiege kaufen oder soll es erst bei uns im Bett schlafen?“

„Diese Wickelkommode ist gut, sie hat unten eine Kante, damit es nicht herunterfallen kann, das süße kleine Baby.“

Denn darüber waren sich die Eltern schon im Klaren: Es würde einmalig süß sein, sie würden Es sofort lieben und hegen und pflegen, bis Es erwachsen war.

Die Eltern bestanden auf einer Hausgeburt, eine Hebamme sei nicht nötig. Das gab rechtes Aufsehen, denn das fanden alle sehr unverantwortlich. Einige Verwandte sahen sich gemüßigt, das Ordnungs- oder Jugendamt und die Polizei einzuschalten, aber diese wiesen die Verantwortung weit von sich. „Es gibt in diesem Land keine Unterdrückung der Bürger, hier darf jeder wählen gehen, Impfpflicht wird nur diskutiert. Einen Personalausweis muss man zwar haben, aber man muss ihn nicht ständig bei sich tragen. Und es gibt auch keine Pflicht zu irgendwelchen zwangsanwesenden Geburtshelfern.“

Der Geburtstermin rückte näher, die Eltern besuchten brav alle Kurse von Hebammen, Beratern und Ärzten. Sie fühlten sich dem Tag gewachsen.

Wie die Geburt wirklich vonstatten ging, blieb unbekannt. Die Eltern gaben keinerlei Auskunft. Auf die Frage: „Was ist es denn geworden?“ antworteten sie gleichbleibend fröhlich: „Es ist ein gesundes Kind, wir sind überglücklich!“ Da fanden es alle taktlos nachzufragen. „Wir müssen einfach auf die Geburtsanzeige warten, wenn sie nicht drüber reden wollen.“ Die Geburtsanzeige auf den Namen Alex Kirschmeier stellte alle zufrieden.

„Also doch ein Junge, wobei mir Alex auch besser gefällt als Alexander, das klingt so gewaltig. Alex ist ein sympathischer Jungennamen. Nun wissen wir wenigstens, was wir dem Kleinen zur Taufe schenken können.“

„Endlich hat das Getue ein Ende, es ist ein Mädchen geworden! Die kleine Alexandra, mal sehen, ob sie so hübsch ist wie ihr Name.“

Bei Formularen war das nicht so einfach. Mutter und Vater Kirschmeier hatten sich ein nach Wunsch aufrufbares Nuscheln angewöhnt und ein Kopfnicken, das man entfernt als geistesabwesend bezeichnen könnte, zumindest im Nachhinein. Sie hatten Glück auf den Ämtern, mal erschien Alex als Mädchen auf dem Formular, ein andermal als Junge. Aber es beschwerte sich niemand. „Was wird sein,“ meinte Herr Kirschmeyer eines Abends zu seiner Frau, „wenn Es später selbst einmal gefragt wird nach dem Geschlecht?“ Seine Frau zuckte mit den Schultern. „Warum sollten wir uns heute darüber Gedanken machen, heute fragt niemand Es danach.“ „Stimmt, wir vertagen das.“

Alex war ein ausgesprochen hübsches Kind. Goldene Löckchen, schokoladenbraune Augen, ein fröhliches und heiteres Gemüt, aufgeweckt für sein Alter. Es war überall gerngesehen. Als Es eingeschult wurde, kam die unvermeidliche Frage nach dem Geschlecht. „Alex, das ist doch eindeutig, oder?“ So war es, und jeder trug ein, was er gerade für eindeutig richtig hielt.

Alex selbst war sich dessen gar nicht bewusst, dass Es etwas Besonderes war. Es spielte wie alle Kinder, gern mit Puppen, gern mit Autos, am PC war Es recht schnell fit, aber wer ist das heute nicht? Beim Sport- und Schwimmunterricht galt Alex als ein wenig zurückgeblieben und prüde, da Es sich immer mit dem Rücken zu den anderen Schülern umzog. Manchmal fragte Es seine Eltern, warum Es so anders sei als alles, was es an Menschenbildern gesehen habe. Seine Mutter streichelte ihm liebevoll über den Lockenkopf: „Weil du etwas Besonderes bist.“ „Ach so“, war die Antwort, dann. Es hinterfragte nicht, was seine Eltern sagten. Alex war ein braves Kind, Alex war klug und ging deshalb aufs Gymnasium. Als Es in die Pubertät kam, erwarteten Mitschüler und Mitschülerinnen auf ein Zeichen einer Orientierung, damit sie Es einordnen konnten. Die Mädchen schwärmten von Alex: „Er sieht so gut aus, sein Lächeln geht einem durch und durch, sein männlicher Blick lässt mir die Knie weich werden!“ Die älteren Jungs waren sich einig: „Alex ist eine heiße Nummer, ihr sanfter Blick allein zeigt doch, wie sie voller Weiblichkeit ist, jetzt schon.“