Der alte Mann und das Phone Teil 4 von 4

Seit die Beiden in Rente waren, hatten sie so ein gemütliches Morgenbeisammensein entwickelt. So, wie sie es jetzt handhabten, war es nicht von ihnen bewusst geplant worden, es hatte sich mit der Zeit so ergeben, dass Astrid nach Aufwachen sich noch eine Weile in Winfrieds Arme legteZwei Monate gingen nach dem Erwerb des blauen Smartphones ins Land, bis diese Zeit unmerklich immer kürzer wurde, da Winfried „gerade mal den Wetterbericht“ sehen wollte. Mittlerweile lag Astrid einfach noch fünf Minuten, während Winfried schon in sein Telefon vertieft war. Aber was soll’s, ist doch schön, wenn er so viel Spaß daran hat. Wenn der Reiz des Neuen erst einmal verflogen ist, wird sich das alles normalisieren.

Jedes Mal, wenn Winfried zum ersten Mal zu ungewohnten Zeiten oder an ungewöhnlichen Orten Facebook-Beiträge anschaute und mit „Gefällt mir“ markierte oder Zeitung las usw., versuchte Astrid darauf aufmerksam zu machen, dass dies doch ihre Zweisamkeit erheblich stören würde. Seine Antwort war stets muffelig, auch wenn er das Telefon dann zur Seite legte. Das wiederholte er drei- oder vier Mal, dann hatte Astrid keine Lust mehr, überhaupt noch zu widersprechen. Beim Frühstück, beim Fernsehen, vor dem Einschlafen, nach dem Aufwachen, im Café, überall hatte Winfried sich mit seiner Leselust durchgesetzt. Gelegentlich sprach er noch mit seiner Frau, wenn nämlich etwas am Smartphone nicht klappte oder eine App nicht so funktionierte, wie sie sollte.

Ihre gemeinsamen Einkäufe und das Abendessen waren die letzten Bastionen des gemeinsamen Gesprächs, denn selbst im Kino war das Smartphone interessanter als der Film. Hatte das Kino kostenloses WLAN, so schaute sich Winfried einige Szenen bei YouTube nochmals an. Beschwerte Astrid sich, so hörte sie immer öfter: „Du wolltest doch, dass ich mich dafür interessiere!“. Ihr Mann, der früher gern zum Erzählen aufgelegt war, verstummte immer mehr oder berichtete, was er gerade gelesen hatte. Gelegentlich gingen sie mit Freunden essen, das Smartphone lag stets neben Winfrieds Teller und seine Beiträge zum Gespräch hatte er garantiert gerade in einer Suchmaschine aufgepickt.

Als Winfried auch noch das gemeinsame Abendessen mit Smartphone-Scrollen durchsetzte, weinte Astrid. Winfried bemerkte es nicht. Sie zitterte am ganzen Körper, sie legte den Kopf auf die verschränkten Arme und weinte, wie sie lange nicht mehr geweint hatte, Winfried murmelte: „Was hast du gesagt? Ich höre hier gerade ein spannendes Interview!“, während er das Telefon ans Ohr presste. Sie wusste, dass sie das nicht mehr lange aushalten konnte, wenn sie nicht seelisch zugrunde gehen wollte. Sie liebte Winfried immer noch, aber sie konnte gleichzeitig nicht mehr bei ihm bleiben, sie würde so verkümmern. So fasste sie einen Plan.

Der gemeinsame Tatort war angesagt. Winfried hatte alles wie immer vorbereitet, er hatte ein Glas Himbeerlimonade für seine Frau bereitgestellt, die Kissen aufgeschüttelt, sodass sie gemütlich sitzen konnte. In dieser Zeit räumte Astrid die Küche auf. Wenn sie in diesen Tagen das Fernsehzimmer betrat, schaute ihr Mann nicht einmal hoch, nickte ihr nur zu.

So ging sie auch heute zum Sofa. Unter dem Arm trug sie eine große Wollpuppe, die sie aus Wollresten zusammengebastelt hatte. Wo das Gesicht der Puppe sein sollte, hatte sie ein Foto von sich geklebt. Sie setzte die Puppe aufs Sofa, dicht neben Winfried und wartete. Er schaltete auf das erste Programm, schaute nicht hoch vom Telefon, wo er gerade die Inhaltsangabe des nächsten Tatorts studierte: „Schön, dass du hier bist Astrid.“

Astrid verließ leise das Zimmer. An der Garderobe zog sie ihren Mantel an, sie überprüfte nochmals ihr Portemonnaie und ging zur Haustür. Sie zauderte, war das wirklich die richtige Entscheidung? Sie wusste gar nicht so recht, wie ihr Leben in Zukunft denn aussehen würde, wenn sie jetzt diese Schwelle überschreiten würde. „Nein“, dachte sie, „ich übertreibe, ich gehe zurück und stelle Winfried zur Rede.“ Sie stellte die Reisetasche wieder hin und ging ins Wohnzimmer. Sie hatte die Türe geöffnet, blieb dort stehen, weil sie erst nicht glauben wollte, was sie sah. Sie schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen, biss sich in das Handgelenk, um nicht vor seelischem Schmerz laut zu schreien. Es gab kein Zurück, sie lief zur Haustür, sie ließ den Haustürschlüssel am Schlüsselbrett hängen, griff ihre Reisetasche und stürmte in die wolkenlose Nacht hinaus.

Winfried saß auf dem Sofa, in einer Hand das Smartphone, im Arm die Puppe, die er zärtlich an sich drückte. „Es ist so schön, Astrid, dass du jetzt erkannt hast, wie schön unser Leben sein kann, wenn du nicht ständig Theater machst.“ Er schaute sogar vom Smartphone hoch und drückte seiner Astrid einen liebevollen Kuss auf die Wange.

*** ENDE ***

Der alte Mann und das Phone Teil 3 von 4

Es dauerte ein paar Tage, bis Winfried merkte, dass Videos besser für WLAN geeignet sind als für den mobilen Datenverkehr. Seine Flatrate von 4 Gigabyte war nämlich nach zwei Wochen fast aufgebraucht, während Astrid ihre 5 Gigabyte kaum zur Hälfte schaffte, obwohl sie mit ihren Spielen und den anderen Dingen das Smartphone häufig beanspruchte. Winfried war völlig begeistert von der neuen Technologie und Astrid freute sich über diese Begeisterung. Geduldig erklärte sie ihm, was er wissen musste, zeigte ihm manche Dinge mehrmals.

Wenn Astrid in einem Geschäft nach Kleidung stöberte, trippelte Winfried nicht mehr nervös von einem Fuß auf den anderen, er stand da, zog sein Smartphone aus der Tasche und las seine Lieblingszeitung. Wenn Astrid gerade mal hinter einem bestimmten Pokémon herjagen musste und daher einen Umweg nahm, war Winfried völlig entspannt: Er suchte Zuflucht unter dem Dach einer Bushaltestelle und sah sich die neuesten Facebook-Kommentare an. Astrid dachte immer, wie viel entspannter das Leben jetzt war, denn ihr Mann war von Natur aus eher nervös und ungeduldig. Hätte sie das gewusst, sie hätte ihm doch das Smartphone viel eher „aufgedrängt“.

Erschöpft von einer Einkaufstour nach den Feiertagen saßen sie im Café Blumenberg. Astrid holte Kuchen und Getränke, stellte sie auf den Tisch und ging gleich zur Toilette. Das kalte Wetter forderte seinen Tribut! Als sie zurückkam, war Winfried in sein Smartphone vertieft. Astrid setzte sich ihm gegenüber, nahm ihren Kuchen und ihren Kaffee vom Tablett und stellte sie vor sich. Sie wartete. Winfried sagte gedankenverloren „Guten Appetit“ und scrollte über den Bildschirm, mit der anderen Hand rupfte er große Stücke aus seinem Schokobrötchen und stopfte sie sich in den Mund. Astrid räusperte sich, Winfried schaute hoch. „Ich finde das ein bisschen schade, wenn wir nicht zusammen essen, sondern du Zeitung liest.“ Winfried schob das Smartphone mit einem vorwurfsvollen Seufzer zur Seite. Ein Gespräch wollte nicht wie sonst in Gang kommen. „Vermutlich habe ich ihn gerade bei einer interessanten Reportage gestört, das war blöde“, dachte Astrid. Als die Teller leer waren, nahm auch sie sich ihr Smartphone und schaute Winfried aufmunternd an. So saßen sie noch eine halbe Stunde in der üblichen traulichen Zweisamkeit.

Am nächsten Tag sagte Astrid nichts mehr. Winfried war doch nicht dement, er würde sich vermutlich daran erinnern, dass es ihr nicht gefiel, wenn er für die Außenwelt kein Auge mehr hätte. So war es dann auch, Winfried las seine Zeitung, bis Astrid mit dem Tablett kam, dann aß er hastig. Während sie noch genussvoll an der zweiten Hälfte ihres Hefehörnchens knabberte, war Winfried bereits fertig. „Stört es dich, wenn ich schon mal weiterlese?“ „Nein, nein, mach ruhig.“ Sie war zwar ein bisschen enttäuscht, aber andererseits freute sie sich ja auch, dass ihr Mann so schnell eine starke Bindung an sein Smartphone geknüpft hatte. Bald war es ganz normal, dass Winfried auch beim Cafébesuch das Telefon bediente. Astrid kaufte sich Kopfhörer, so konnte sie wenigstens ihre WhatsApp-Kontakte pflegen, während Winfried seine Zeitungen las oder in Instagram stöberte.

Im Bett hatten sie früher vor dem Einschlafen gelesen, jetzt war diese Lektüre dem Smartphone gewichen. Winfried las und scrollte, hörte auch schon mal Songs auf YouTube, Astrid spielte Tetris.

Winfried fand das Smartphone auch beim Fernsehen sehr bequem, er konnte schnell den Lebenslauf einiger Schauspieler checken und andere Infos lesen, ohne aufzustehen und alles am PC machen zu müssen.

Astrid ging häufig abends noch allein spazieren, spielte Pokémon Go und stieg dann auf Draconius Go um. Dank WhatsApp musste sie jetzt nicht umständlich erst Winfried anrufen, wenn es einmal später wurde. Da Winfried unter leichter Altersschwerhörigkeit litt und sein mobiles Festnetztelefon immer außer Reichweite liegen hatte, derweil sein Handy ausgeschaltet war („Ich muss ja niemanden erreichen“), musste Astrid schon mal den einen oder anderen Spaziergang verkürzen, denn Winfried sollte sich keine Sorgen machen.

Der alte Mann und das Phone Teil 2 von 4

Am nächsten Tag nahm Astrid wieder ihre normale Routine auf, Frühstück mit Brot und Brötchen, frisch aus der Bäckerei, mit Orangensaft und Marmelade. Mittags gab es Brot mit Salat, darauf legte sie großen Wert. Abends wieder etwas Warmes. Winfried scherzte „Etwas Warmes braucht der Mensch…“ Astrid backte am Wochenende gern Kuchen, den sie dann über die Woche als Nachtisch verzehrten. Gleichzeitig war sie vom Smartphone-Fieber gepackt. Mit ihrer Kusine tauschte sie WhatsApp-Nachrichten aus, überhaupt boten die verschiedenen Dienste so viele tolle Möglichkeiten zur Kommunikation! Von ihrer Kusine wurde sie auch in Pokémon Go eingeführt, das sie viele Monate spielte, bis es ihr langweilig wurde. Winfried nahm Anteil, er wusste immer genau, in welchem Level sie war, fieberte mit ihr monatelang, bis sie endlich das letzte Level erreicht hatte. Häufig fragte sie ihn: „Willst du nicht auch so ein Smartphone? Ich bin sicher, du würdest auch viel Freude daran haben!“ Aber Winfried ließ sich nicht so gern auf Neues ein und brummelte: „Ja, ja, demnächst, aber im Moment bin ich mit meinem alten Telefon noch zufrieden.“

Astrid gab nicht locker. Winfried nahm auf Spaziergänge immer ein Navigationsgerät, seine Kamera und sein Telefon mit. „Das ist doch Blödsinn, Winfried, wirklich! Mit so einem neuen Telefon hast du das alles in einem Gerät!“ Eines Tages wusste er, dass Widerstand keinen Sinn mehr machte, wie er sagte. Andererseits fand er langsam auch Gefallen an der Idee, so ein modernes Gerät zu haben. Er mochte nicht gern zum alten Eisen gerechnet werden und mit so einem neuen Smartphone in der Hand… da wäre das sicher anders.

Er sollte dasselbe Modell bekommen wie Astrid, dann konnte sie ihm am besten alles einrichten und erklären. Sie hatte die schlichte schwarze Ausführung. Winfried wollte gern das Himmelblaue. Astrid bestellte es online bei dem Provider, von dem sie auch ihr eigenes Telefon hatte. Ihr Gesprächspartner fand es sehr merkwürdig, dass sie wirklich für ihren Mann dieses teeniefarbene Telefon haben wollte. „Er hat sich dies ausgesucht!“ Schnippisch meinte der Verkäufer schließlich: „Na, gut, wie Sie meinen – aber ich würde mir das Telefon nicht in dieser Farbe kaufen!“ Astrid erzählte Winfried davon und sie lachten beide darüber, während sie in ihrem Lieblingscafé saßen. Winfried nahm immer dasselbe: einen großen Latte macchiato, dazu ein Schokobrötchen. Astrid liebte die Abwechslung, mal war es Cappuccino mit Hefehörnchen, dann Café Crema mit Himbeertorte. Manchmal tranken sie auch nur etwas. Sie hatten vor Ort vier Cafés zur Auswahl, Café Blumenberg war ihr Favorit, es war eigentlich eine Bäckerei mit angeschlossener Sitzmöglichkeit und Selbstbedienung. Dann saßen sie da, tranken ihren Kaffee, genossen ihr Stück Kuchen. Sie waren beliebt, weil sie immer freundlich waren, stets ein nettes Wort für die Verkäuferinnen hatten und auch ein kleines Trinkgeld zurückließen. Sie unterhielten sich miteinander über die Ereignisse des Lebens, die neuesten Nachrichten, was es in der Familie gab, wie sie den Film beurteilten, den sie am Vortag im Kino gesehen hatten. Winfried erzählte von all dem, was er im Fernsehen gesehen hatte, Astrid berichtete von ihrer Lektüre. Es war ein reger fast täglicher Austausch, den sie sehr genossen. Das war anders als bei den Mahlzeiten zu Hause, wo sie eher still waren.
Schon am Tag nachdem das Telefon bestellt war, kam das Päckchen an. Winfried war erst nur mäßig interessiert, es konnte ja noch nichts. Optisch fiel es ihm ausgezeichnet, besonders freute er sich auch über die Schutzhülle, die Astrid dazu bestellt hatte: eine Kunststoffhülle, die alle Bedienelemente freiließ und die gleiche Farbe hatte wie das Telefon selbst. Astrid brauchte zwei Stunden, bis das Gröbste eingerichtet war. Die längste Zeit brauchte es, bis Winfried endlich seine ganzen Passwörter gefunden hatte, die er sich auf verschiedene Zettel notiert hatte, die alle irgendwo in seinem Schreibtisch lagen. „Wichtig ist, dass du dieses Telefon auch anlässt! Bitte nicht wie bei deinem alten nur einschalten, wenn du jemand anrufen willst!“ Schritt für Schritt führte sie Winfried in die neue Welt der Smartphones ein. Er war begeistert von allem, was er lernte. Instagram war für ihn als begeisterter Fotograf genau das richtige Medium, um seine Bilder aller Welt zu zeigen. Facebook konnte er jetzt unterwegs genauso gut benutzen wie Emails und Internet. Auf dem Weg ein Autokennzeichen nachschlagen, einfach sensationell. Für Pokémon mochte er sich allerdings nicht begeistern. Mehr sein Ding waren Zeitschriften und ihre Online-Ausgaben. Unentwegt schaute er YouTube-Videos seiner Lieblingssänger und -Bands.

 

Der alte Mann und das Phone Teil 1 von 4

Der alte Mann und das Phone (nicht das Meer)

Winfried und Astrid waren schon viele Jahre verheiratet. Letztes Jahr im Juli hatten sie Goldene Hochzeit gefeiert. Die Ehe war kinderlos geblieben und als Winfried fristgerecht in Rente gegangen war, hatte Astrid drei Jahre vor der Zeit Frührente beantragt, sie wollten die verbliebenen Jahre gemeinsam genießen. Die Ehe war nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen gewesen – welche ist das schon? Es hatte Turbulenzen bis zur Entfremdung gegeben, aber es hatte sich immer wieder eingerenkt. Im Gegensatz zu vielen Paaren, die sich mit Eintritt der Rente gegenseitig auf den Geist gehen, war das bei Winfried und Astrid anders. Für sie hatte die schönste Zeit des Beisammenseins begonnen.

Astrid kochte, wischte Staub und putzte die Fenster, Winfried machte Badezimmer und Küche sauber, Dinge, die Astrid hasste. Für die Teppichböden griff immer gerade der zum Staubsauger, der am besten Zeit dazu hatte. Astrid kochte lecker und gerne, Winfried aß gerne, ihre Küchenwunder (wie er sie nannte) besonders. Sie hatte in den Jahren vor der Rente viel darüber gelesen, wie eine gute Ernährung für Senioren aussieht und so gab es viel Quark, öligen Fisch, Nüsse, Obst und Gemüse bei den Mahlzeiten. Astrid achtete auch darauf, dass sie genug tranken, was Winfried schon mal vergaß. Vor sieben Jahren war bei Winfried der Blinddarm entfernt worden. Da die Entzündung lange unbemerkt geblieben war, stand nach einem Durchbruch des Blinddarms Winfrieds Leben einige Tage auf dem Spiel. Aber es war alles gut gegangen. Sein Blutdruck war nicht zum Besten, er hatte einen leichten Diabetes. Für beide Erkrankungen brauchte er noch keine Medikamente, Astrid achtete darauf, dass es dazu auch gar nicht erst kam. Was gelegentlich zu kleinem Geplänkel führte, wenn Winfried außer Haus mal „ein ordentliches Stück Kuchen“ essen wollte.

Sie hatten Gemeinsamkeiten wie die täglichen Spaziergänge, die einmal wöchentlichen Kinobesuche, das sonntägliche gemeinsame Tatort-Schauen und ihre Vorliebe für Café-Besuche. Andere Dinge machten sie lieber getrennt, wie Fernsehen, Sudoko lösen oder Rockmusik der 80er Jahre hören (Winfried) und Lesen, sich in den sozialen Medien tummeln oder neue Technik im Haus erproben (Astrid). Winfried hatte schon früh in ihrem Zusammensein bemerkt, dass Astrid die Technikbegeisterte im Haushalt war. Für diese Generation war eine solche weibliche Begeisterung eher ungewöhnlich, aber er genoss das. Seinem Hang zur Bequemlichkeit kam das sehr entgegen, dass Astrid früher die Videorekorder, dann den DVD-Player und schließlich auch die neuen Aufzeichnungsgeräte erlernte. Ihm vermittelte sie dann in Kurzform das, was er für die Nutzung wissen musste. Eine prima Aufteilung, fand Winfried, der gerne betonte, dass er das natürlich auch könnte, aber Astrid das ja nur zu gerne übernähme. Astrid lächelte dazu.

Im Frühjahr vor zwei Jahren hatte Astrid entschieden, sich von ihrem alten Handy zu trennen. Sie konnte damit zwar ins Internet, aber nur sehr mühsam. Das Lesen von Emails war keine große Freude, das Verschicken schon gar nicht. Dann entschied sie sich, so ein neues Smartphone zu kaufen. Das war Liebe auf den ersten Blick: Das Gerät war kaum eingetroffen, da hatte Astrid die wichtigsten Funktionen verstanden und ihre Vorlieben eingestellt. Abends waren bereits alle wichtigen Apps installiert. Winfried freute sich mit ihr und verzichtete daher gern auf seine geliebte Hühnerbrust mit Curryreis, die ihm für diesen Abend versprochen waren. Er strich Astrid liebevoll übers Haar, als sie begeistert und mit aufgeregter Stimme von den ganzen Neuerungen sprach. Er konnte sich wirklich mit ihr freuen. Auch das Putzen übernahm Winfried an dem Tag allein, das dankbare Lächeln von Astrid war ihm Freude genug.

Luft-Not Teil 3 von 3

Es hielten sich nur drei Personen in der Filiale auf. Der Mitarbeiter am Schalter, sie und noch ein Kunde, der gerade ein Formular ausfüllte. Sie waren alle in ihren Bewegungen erstarrt. „Du, komm her!“ schrie der Mann sie an. Da wusste sie genau, was passieren würde: Der Bankangestellte würde dem Räuber das Geld aushändigen, der sie draußen in sein Auto zerren würde, mit ihr in den Wald fahren und dort in einen Lieferwagen umsteigen. Sie müsste hinten in dem leeren Wagen sitzen und damit sie nicht um Hilfe riefe, würde er sie fesseln und ihren Mund doppelt mit Klebeband zum Verstummen bringen. Und dann würde sie zwangsläufig ersticken, denn sie hatte bereits wieder eine leichte Erkältung. Nein, so wollte sie nicht sterben, lieber sollte der Mann sie erschießen. Diese Gedanken gingen ihr in Nanosekunden durch den Kopf. „Nicht ersticken, bitte nicht ersticken lassen, lieber Gott“ dachte sie und stürzte sich auf den Täter. Ein Schuss löste sich. Der Angestellte nutzte die Chance, den Alarmknopf zu drücken.

Der Polizeipsychiater Winfried Wollerfeld, seines Zeichens Diplom-Psychologe, erklärte diesen Fall später bei einer Schulung:

„Es gibt immer wieder diese Menschen, die den Drang haben, sich in den Mittelpunkt zu stellen, dieses Begehren, einmal im Zentrum zu stehen, einmal Held oder Heldin zu sein. Wie wir an den Zeitungsausschnitten sehen können, die Ihnen vorliegen, hat es auch in diesem Fall geklappt. Diese geltungsbedürftigen Egomanen nehmen das Leben anderer, ja auch ihr eigenes in Kauf, nur um ihr Bild in der Zeitung zu sehen, sie malen sich das manchmal schon Jahre vorher aus, wie sie in einem Notfall einschreiten, wie ihr Sarg mit Blumen der dankbaren Geretteten überschüttet wird. Eine Todessehnsucht eng verbunden mit Geltungsgeilheit, wenn Sie mir diese Wortschöpfung verzeihen. Diese Menschen machen Ihnen das Leben unnötig schwer!“

Die Zuhörer nickten zustimmend. Er nippte an dem Glas Wasser, das auf dem Rednerpult stand und wandte den Kopf wieder dem Bild zu, das der Beamer auf die Wand warf. Er wippte dabei leicht vor und zurück, wobei er sich wieder vom Pult zurückzog, das sonst im Vergleich leicht offenbarte, dass er nur einen Meter dreiundsechzig groß war.

„Sehen Sie diese Frau, sie hat alles riskiert, nur um ihr Bild in der Zeitung zu sehen. Es ist einfach widerwärtig, es ist hochgradig krank!“

Winfried wunderte sich selbst, warum er sich so echauffierte.

„Wenn es nach mir ginge“, so fuhr der kluge Psychiater fort, „wäre diese Frau sofort stationär aufgenommen worden, statt sie auch noch mit Empfängen und dem ganzen Brimborium zu ehren. Die Frau wird, wenn sie nicht von uns behandelt wird, eines Tages Alpträume bekommen, die in letzter Instanz bis zu suizidalem Verhalten führen können! Auch hier haben wir die Pflicht, diese Menschen vor sich selbst und ihrer Eitelkeit zu schützen.“

Winfried lächelte ins Publikum, fuhr sich mit der Hand durch die Haare, rückte sein Manuskript zurecht, zog seine Krawatte gerade: „Danke für Ihre Aufmerksamkeit!“ und beugte seinen Kopf. Die Zuhörer spendeten höflichen Beifall. Er stierte auf den kleinen Zeitungsartikel, der vor ihm lag. Das Foto einer etwa sechzigjährigen Frau, die unbeholfen in die Kamera schaute. „Unsere Heldin beim Bürgermeister“, lautete die Überschrift. Wann war er jemals vom Bürgermeister eingeladen worden?

Luft-Not Teil 2 von 3

Auch Tauchen im Schwimmbad war ein Problem, dieses Gefühl „Ich schaffe es nicht mehr!“ machte es ihr unmöglich, die Luftreserven sinnvoll einzusetzen. War sie geprägt vom schweren Asthma ihrer Großmutter? Diese kannte sie vorwiegend mit einem kleinen Atemgerät in der Hand: ein brauner Glasaufsatz auf einem roten ellipsenartigen Gummiballon, mit irgendeiner Flüssigkeit. Die Großmutter hielt sich bei nebligem Wetter oder Aufregung den Mundansatz des Glases in den Mund, presste auf den Ballon und machte Atemübungen, bis es „wieder ging“. Wenn das die Erklärung wäre – warum hatte sie die Träume mit dem Ertrinken erst vor wenigen Jahren bekommen? Jetzt war sie Ende vierzig und hatte diesen wirklich dramatischen Traum-Wachtraum. Konnte das noch von einer Großmutter kommen? War ihr Leben nicht in Ordnung, erdrückte sie etwas? Sie fand Gedanken in diese Richtung immer sehr hilfreich. Nur gab es da nichts, was eine Erklärung bieten könnte.

Sie vergaß dieses Erlebnis nicht, es hinterließ seine Spuren. Sie bekam Angst vor Erkältungen. Niemand liebt Schnupfen, niemand will ihn haben, jeder scheut ihn – aber wer hat wirklich Angst vor Erkältungen? Wenn der Schnupfen tief sitzt, reicht er bis in den Rachen. Die Nase komplett verstopft, nur bei weit geöffnetem Mund noch das Atmen möglich, wenn es soweit war, hatte sie Angst vor dem Einschlafen.

Manchmal kam es sogar dazu, dass sie nicht mehr automatisch schlucken konnte. Sobald die Nase halb verstopft war, atmete sie langsam und mit Willenskraft. Eines Morgens wachte sie auf, schweißgebadet. Der Hals war verschleimt, nur die Nase frei. „Jeder normale Mensch kann dabei doch trotzdem atmen, warum nicht ich? Warum diese Panik?“ Es ging vorbei. Sie vermied alles, was eine Erkältung hervorrufen könnte. Im Winter machte sie um Gesellschaft einen weiten Bogen, wenn es draußen nass war, ging sie nur vor die Tür, wenn es unbedingt nötig war. Öffnete im Büro jemand das Fenster, konnte man wetten, dass sie nach spätestens drei Minuten mit vorwurfsvollem Blick das Fenster wieder schloss: „Du weißt doch, dass ich mir bei Durchzug sofort ‘was hole!“.

Sie begann sich mit dem Thema Reinkarnation zu beschäftigen. War sie vielleicht in einem vorherigen Leben erstickt?

Kriminalgeschichten und Filme mit Entführungen konnte sie nicht sehen, die Geiseln wurden häufig stumm gestellt, indem ihr Mund mit Isolierband zugeklebt wurde. Sie setzte sich dann abends auf dem Bettrand, die Nase vom letzten Schnupfen noch leicht verstopft, und probierte, ob sie mit zugeklebtem Mund noch atmen könnte. Es ging nicht! Spätestens nach dem fünften schwierigen Luftzug und trotz selbstberuhigender Gedanken klappte es nicht, das Herz raste, im Kopf breitete sich ein dumpfes Gefühl aus. Sie riss den Mund auf. „Ich würde elendig ersticken!“

Am Mittwoch hatte sie frei, sie wollte noch etwas in der kleinen Filiale ihrer Hausbank erledigen. Sie stand am Kundenschalter, ihre neue Bankkarte sollte da sein. Der Angestellte reichte ihr die Karte und eine Empfangsbestätigung, sie unterschrieb. Sie drehte sich gerade um, weil sie die Bank verlassen wollte, als er hereingestürmt kam. Eine Maske auf dem Gesicht, eine leere Tasche unterm Arm, eine Waffe in der Hand. Er stürzte genau auf sie zu, in ihre Richtung. „Keine Bewegung, dies ist ein Überfall!“

Luft-Not Teil 1 von 3

Der Erstickungstod

Sie bekam keine Luft, das bisschen Sauerstoff, das noch in den Atemwegen verfügbar war, wurde immer weniger. Panik. Sie röchelte, ihr Herz begann zu jagen. Sie lag unter einer Tonne Lehm, die Luft wurde dichter und dichter, der winzige Hohlraum war nur noch mit wenigen Kubikmillimetern Sauerstoff gefüllt. Gleich, gleich….

Sie wachte auf. Der Alptraum war zu Ende, aber die Panik blieb bestehen, obwohl kein Lehm auf ihren Brustkorb drückte. Nur das Schwarz-Grau des Schlafzimmers nahm sie am Rande ihrer Atembemühungen wahr. Aber auch das Bewusstsein, aus einem Alptraum erwacht zu sein, half nicht. Es gab keine Luft für sie, Atmen war nicht möglich. Mit aller Kraft versuchte sie, Luft durch die Nase zu holen, es ging nicht. Sie hielt das eine Nasloch zu, versuchte Luft zu holen, es ging nicht. Auch nicht auf der anderen Seite. Der Luftmangel hämmerte in ihrem Schädel. Warum öffnete sie nicht den Mund, warum holte sie die notwendige Luft nicht aus dieser Richtung? Sie versuchte zu denken „mach den Mund auf, atme!“ und gleichzeitig Luft durch die Nase einzuatmen. Kurz bevor sie glaubte, das Bewusstsein zu verlieren, stieß sie endlich Luft durch den Mund in die Lunge, die Atemlähmung, wie sie sie später nannte, war deutlich verringert.

Hastig setzte sie sich auf, Atmen im Liegen war immer noch nicht möglich. Sie zog mit den Fingern den rechten Nasenflügel zur Seite, dann den linken, bis sie endlich eine kleine Bahn für den lebensnotwendigen Sauerstoff freimachen konnte. Dazwischen hechelte sie durch den Mund. Der Rachen schien nicht ganz frei.

Als sie richtig wach war und wieder normal atmete, versuchte sie mental, mit diesem Traum klarzukommen, der auch ins Wachbewusstsein hinein Wirkung gehabt hatte. Was war nicht in Ordnung? Sie hatte schon mehrmals vom Ertrinken geträumt, zynisch sprach sie dann schon mal von „meinem Lieblingsalptraum“. Meist saß sie dabei in einem Wagen, dessen Türen sich nicht öffnen ließen. Sie hatte immer aufmerksam Tipps dazu gelesen, was man machen soll, wenn man mit dem Auto ins Wasser stürzt: Warten bis der Wagen abgesunken ist, ruhig atmen. Fenster öffnen, bis der Druckausgleich stattgefunden hat, dann die Tür öffnen und zügig nach oben schwimmen. Ob sie in einem solchen Falle die nötige Ruhe hätte?