Es (4/4)

Alex beschloss seine drei Studien in Fernlehrgängen zu beenden, was Es parallel in weiteren sechs Semestern schaffte. Da saß Es nun mit einem Master in Psychologie, einem Bachelor in Mathematik und einem Bachelor in Geographie. Den Master hatte Es für die Prüfer als Frau abgelegt, die beiden Bachelorprüfungen als Mann. Es stellte fest, dass Fernstudien ein einsames Leben bedeuten. Seine Eltern waren mittlerweile schon alt geworden, war seine Mutter bei seiner Geburt doch schon einundvierzig Jahre und sein Vater dreiundfünfzig Jahre alt gewesen.

Es beschloss in die weite Welt zu ziehen, um ein anderes Es zu finden. Einen Menschen, der ähnliche Erfahrungen gemacht hatte wie Es, mit dem Es sich austauschen konnte. Jahrelang zog Es so von Land zu Land, seine Eltern waren mittlerweile verstorben. Auch die alte Hexe, die seinen Eltern den Fruchtbarkeitstrunk übergeben hatte, war entweder tot oder in eine andere Ecke des Universums verzogen. Es war ganz allein. Sein Geld verdiente Es sich mit Büchern: psychologischen Ratgebern, Lernheften zu Mathematik und kleinen Reiseführern.

Auf einem Teebeutelanhänger hatte Es einen Spruch gelesen: „Gibt es denn eine Welle, die für sich allein ist im Weltenmeer?“ Es folgerte, dass der Autor die Antwort erwartete: „Nein, das gibt es nicht und – nach einer Denkpause – deshalb bin auch ich nie allein.“ Der Verfasser kannte offensichtlich kein Es, sonst hätte er so etwas Dummes nie gesagt. Aber der Spruch beschäftigte Es. Vielleicht war es selbst so eine kleine Welle, dass Es die großen Wellen um sich herum gar nicht wahrnahm? Auch das brachte Es der Lösung nicht näher.

Als das Es über sechzig Jahre alt war, konnte Es wieder häufiger unter Menschen gehen, da man Es nicht ständig damit bedrängte, ob Es nicht endlich eine Familie gründen wollte. Familie? Es zuckte mit den Schultern, was würde ihm das bringen? Und wie vermehrt sich ein Es, das kein Gender Shifter ist? So viele Fragen, so wenige Antworten! Manchmal war Es verzweifelt. Manchmal zürnte Es den Göttern, wobei Es sich gleichzeitig gar nicht sicher war, ob es sie überhaupt gibt. Und waren diese, falls es sie gab, männlich, weiblich oder eslich? Es wehrte sich gegen den Begriff sächlich für ein Es.

Es fühlte sich sehr allein. Wann immer Es versucht hatte, mit anderen Menschen engeren Kontakt zu pflegen, kam die Frage irgendwann auf das Geschlecht. Es gab keine Antwort darauf, aber Es war auch nicht gern allein. Manchmal saß Es auf einer Bank des Spielplatzes im Park und beobachtete die kleinen Kinder, die glücklich auf dem Rasen spielten. Sie hatten es einfach, sie waren Jungen oder Mädchen. Sie würden, wenn sie es geschickt anstellten, niemals einsam sein.

Manchmal tuschelten die Mütter über Es und warfen ihm merkwürdige Blicke zu. Einmal kam ein Vater, baute sich vor ihm auf: „Sie beobachten wohl gern kleine Kinder, sie alter notgeiler Mann? Gehen Sie fort von hier und belästigen Sie unsere Kinder nicht weiter.“

Das alte Es stand traurig auf und ging heim. Auf dem Heimweg hatte Es den Eindruck, ihm folgte jemand. Der wütende Vater, wollte er ihn vielleicht zusammenschlagen? Es bekam Angst, denn Es fürchtete sich vor körperlichen Auseinandersetzungen, Schmerzen, Verletzungen, vielleicht dem Tod. Es konnte aber niemanden sehen.

Als Es nach Hause kam, setzte es sich erschöpft auf sein Sofa. Das Leben als Es war so anstrengend. Es war müde, Es humpelte zum Herd, um sich einen Tee zu kochen. Dann überprüfte Es online sein Konto. Oh, das sah gut aus, der Ratgeber „Sei du selbst“ verkaufte sich prächtig, in den nächsten Jahren musste Es keine finanziellen Sorgen haben, wenn Es ein wenig vorsichtig haushaltete.

Da klingelte es an der Tür. Es bekam eine Gänsehaut, hatte der Vater einen Trupp wütender Nachbarn zusammengetrommelt, um Es zusammenzuschlagen? Es humpelte zur Tür und sah durch den kleinen Sehschlitz. Da war niemand, schon gar nicht ein Trupp. Es öffnete die Tür. Da stand ein kleiner Junge, vielleicht zehn Jahre alt und schaute ihn an.

„Was willst du?“

„Ich bin so allein, und irgendwie fühle ich mich dir so nahe.“

Das Es war erstaunt. Was für eine altkluge Wortwahl. Oder war der kleine Junge vom Mob vorgeschickt, die sich gleich auf Es stürzen wollten, um das Leben aus ihm herauszuprügeln, sobald Es den kleinen Jungen hereinbat.

„Wie heißt du denn?“

„Ulli.“

Das Es schaute nach links, schaute nach rechts, da war niemand zu sehen. Ein bisschen Gesellschaft bei einer Tasse Tee wäre wunderbar, auch wenn es ihn vielleicht die Gesundheit oder das Leben kosten würde.

„Wissen deine Eltern, dass du hier bist?“

Ulli schüttelte den Kopf.

„Du solltest ihnen Bescheid geben.“

„Sie vermissen mich nicht, sie sind froh, wenn sie mich nicht sehen.“

„Aber wie das denn?“ Mitleid zerriss fast Alex‘ Herz. „Du bist doch so ein anständiger netter Junge, wie können sie die nicht sehen wollen?“

Ulli schüttelte den Kopf. „Ich bin kein anständiger netter Junge.“

Alex rührte in seinem Tee. „Nicht? Bist du ein Schläger? Ein Lügner?“

Ulli schüttelte den Kopf erneut. „Ich habe dich im Park gesehen und dachte irgendwie, du verstehst mich. Ich bin kein Junge, meinte ich.“

Da verstand Es die Botschaft, ging in die Küche und kochte einen großen Topf Kakao für sie beide.

 

Es (3/4)

Alex nickte mit dem Kopf, natürlich hatte Es schon von den Wesen hört, die, so hieß es, ihre Form verändern konnten, so komplett, dass sie zu anderen Wesen wurden.

„Du bist ein Gender Shifter. Du kannst jedes Geschlecht annehmen, das du möchtest, oder aber Es bleiben.“

Es schüttelte den Kopf. „Das möchte ich nicht. Ich sehe doch bei Gleichaltrigen, welche Probleme so ein Geschlecht aufwirft. Bin ich etwa ein drittes Geschlecht?“

„Nein“, sagte der Vater, „das bist du nicht und lass dir das nicht einreden.“

Es ging grübelnd in sein Zimmer zurück. War das nun ein Glück oder ein Unglück? Es las in alten Mythen, aber fand nichts über sich. Nichts in Sagen, Märchen, Legenden oder Minnegesängen. Die Schule wurde schwierig, nicht etwa wegen seiner schulischen Leistungen, die waren sehr gut. Aber Es wurde komisch angesehen: immer noch keine Freundin, kein Freund, keine eindeutigen Zeichen. So ein geschlechtsloses Wesen? Es wurde mehr und mehr getuschelt und gelacht. Es bat daher seine Eltern eines Abends, die Schule wechseln zu dürfen. Und so geschah es. Unter der allgemeinen Klage „Mobbing“ konnte Es die Schule zwei Jahre vor dem Abitur wechseln. Bis zum Abschluss ging es gerade noch durch, weil Es sich ein Attest für den Sportunterricht ausgestellt hatte. Alex war sehr gut im Fälschen offizieller Dokumente.

Alex wollte Psychologie, Mathematik oder Geographie studieren. Warum nicht alles zusammen?, fragte sein Vater. „Du bist etwas Besonderes, also enge dich nicht ein.“

Es schrieb sich in Bielefeld in Psychologie ein. Nach zwei Semestern ging auch hier das Getuschel los, also wechselte es nach Göttingen, um dort Mathematik zu studieren. Nach vier Semestern rückten ihm im Studentenwohnheim sowohl die Studenten als auch die Studentinnen zu nahe. Es wechselte nach Hamburg, um dort Geographie zu studieren. Das hielt nicht lang, denn unglücklicherweise verliebte sich ein Professor unsterblich in Es. Das allein wäre noch nicht so schlimm gewesen, aber seine Frau hatte ebenfalls ein Auge auf Es geworfen. So ein junger fescher Bursche! Das Paar geriet daraufhin in einen stundenlangen Streit, weil jeder Alex für sich reklamierte. Sie wollten Alex am nächsten Tag zur Rede stellen. Aber Es war hellhörig und verschwand über Nacht. Kein Abschluss in der Tasche, drei Fächer anstudiert, das war keine Grundlage.

Es ging zu einem Psychologen in Behandlung, weil Es nicht mehr weiter wusste. Dieser riet ihm nach drei Sitzungen, seine sexuelle Identität herauszufinden, sonst käme es im Leben nie weiter. „Aber ich brauche meine sexuelle Identität nicht zu finden, ich habe sie, ich bin Es!“

„Es gibt es nicht. Es gibt Männer, Frauen und auch Asexuelle. Das ist unabhängig davon, ab man heterosexuell, homosexuell, bisexuell oder Transgender ist. Jeder hat eine Grundsexualität.“

Alex betrachtete gelangweilt seine Fingernägel. Es hatte selbst genug Psychologie gelernt, um zu erkennen, dass dieser Mann seine Begriffe nicht korrekt verwendete.

„Ach ja? Und was soll ich Ihrer Meinung nach tun?“

„Ich bin Psychologe, kein Ratgeber. Was Sie tun sollen, müssen Sie selbst herausfinden. Ich begleite sie, ich bin kein Leiter.“

„Ich brauche keine Leiter.“

Der Psychologie starrte Alex an. Was sollte das jetzt?

Alex dachte: „War ja klar, der hat keinen Humor.“

„Haben Sie schon mal von Gender Shiftern gehört?“

Der Psychologe schüttelte den Kopf, „Das klingt nach Unsinn aus einem Science Fiction. Was soll das sein?“

„Menschen, die auf Wunsch ihre Sexualität ändern können.“

„Das sind doch Bisexuelle“.

„Nein. Bisexuelle fühlen sich mit beiden Geschlechtern sexuell verbunden, Gender Shifter ändern ihr Geschlecht.“

„Das sind Transgender!“

„Nein, nein, Gender Shifter machen das mehrmals und ohne Hormone oder Operationen.“

„Ich sage doch, Science Fiction Unsinn. Finden Sie Ihre sexuelle Identität heraus und dann machen wir einen neuen Termin.“

Alex verließ die Praxis wortlos. Es glaubte mittlerweile auch nicht mehr, dass seine Eltern mit der Bezeichnung „Gender Shifter“ bei ihm richtig lagen. Es hatte eines Nachts versucht, sich als Frau zu fühlen, dann als Mann, aber Es fühlte sich nun einmal einfach und schlicht als Es.

Es (1/4)

Es war ein Es und schon als Es geboren worden. Wenn die Mutter während der Schwangerschaft gefragt wurde: „Was wird es denn?“, antwortet sie wahrheitsgemäß: „Keine Ahnung, wir haben dazu keine Informationen.“ Oder „Wir wissen das nicht, wir wollen dies auch erst mit der Geburt erfahren.“

Aufmerksamen Zuhörern hätte auffallen können, dass die Mutter sorgfältig ein gewisses Wort vermied. Es fiel aber niemandem auf. Vor allem nicht, da die Gespräche zwischen Mutter und Vater, so sie dann von Freunden, Bekannten oder Verwandten überhört wurden, ganz normal klangen.

„Sollen wir für es eine Wiege kaufen oder soll es erst bei uns im Bett schlafen?“

„Diese Wickelkommode ist gut, sie hat unten eine Kante, damit es nicht herunterfallen kann, das süße kleine Baby.“

Denn darüber waren sich die Eltern schon im Klaren: Es würde einmalig süß sein, sie würden Es sofort lieben und hegen und pflegen, bis Es erwachsen war.

Die Eltern bestanden auf einer Hausgeburt, eine Hebamme sei nicht nötig. Das gab rechtes Aufsehen, denn das fanden alle sehr unverantwortlich. Einige Verwandte sahen sich gemüßigt, das Ordnungs- oder Jugendamt und die Polizei einzuschalten, aber diese wiesen die Verantwortung weit von sich. „Es gibt in diesem Land keine Unterdrückung der Bürger, hier darf jeder wählen gehen, Impfpflicht wird nur diskutiert. Einen Personalausweis muss man zwar haben, aber man muss ihn nicht ständig bei sich tragen. Und es gibt auch keine Pflicht zu irgendwelchen zwangsanwesenden Geburtshelfern.“

Der Geburtstermin rückte näher, die Eltern besuchten brav alle Kurse von Hebammen, Beratern und Ärzten. Sie fühlten sich dem Tag gewachsen.

Wie die Geburt wirklich vonstatten ging, blieb unbekannt. Die Eltern gaben keinerlei Auskunft. Auf die Frage: „Was ist es denn geworden?“ antworteten sie gleichbleibend fröhlich: „Es ist ein gesundes Kind, wir sind überglücklich!“ Da fanden es alle taktlos nachzufragen. „Wir müssen einfach auf die Geburtsanzeige warten, wenn sie nicht drüber reden wollen.“ Die Geburtsanzeige auf den Namen Alex Kirschmeier stellte alle zufrieden.

„Also doch ein Junge, wobei mir Alex auch besser gefällt als Alexander, das klingt so gewaltig. Alex ist ein sympathischer Jungennamen. Nun wissen wir wenigstens, was wir dem Kleinen zur Taufe schenken können.“

„Endlich hat das Getue ein Ende, es ist ein Mädchen geworden! Die kleine Alexandra, mal sehen, ob sie so hübsch ist wie ihr Name.“

Bei Formularen war das nicht so einfach. Mutter und Vater Kirschmeier hatten sich ein nach Wunsch aufrufbares Nuscheln angewöhnt und ein Kopfnicken, das man entfernt als geistesabwesend bezeichnen könnte, zumindest im Nachhinein. Sie hatten Glück auf den Ämtern, mal erschien Alex als Mädchen auf dem Formular, ein andermal als Junge. Aber es beschwerte sich niemand. „Was wird sein,“ meinte Herr Kirschmeyer eines Abends zu seiner Frau, „wenn Es später selbst einmal gefragt wird nach dem Geschlecht?“ Seine Frau zuckte mit den Schultern. „Warum sollten wir uns heute darüber Gedanken machen, heute fragt niemand Es danach.“ „Stimmt, wir vertagen das.“

Alex war ein ausgesprochen hübsches Kind. Goldene Löckchen, schokoladenbraune Augen, ein fröhliches und heiteres Gemüt, aufgeweckt für sein Alter. Es war überall gerngesehen. Als Es eingeschult wurde, kam die unvermeidliche Frage nach dem Geschlecht. „Alex, das ist doch eindeutig, oder?“ So war es, und jeder trug ein, was er gerade für eindeutig richtig hielt.

Alex selbst war sich dessen gar nicht bewusst, dass Es etwas Besonderes war. Es spielte wie alle Kinder, gern mit Puppen, gern mit Autos, am PC war Es recht schnell fit, aber wer ist das heute nicht? Beim Sport- und Schwimmunterricht galt Alex als ein wenig zurückgeblieben und prüde, da Es sich immer mit dem Rücken zu den anderen Schülern umzog. Manchmal fragte Es seine Eltern, warum Es so anders sei als alles, was es an Menschenbildern gesehen habe. Seine Mutter streichelte ihm liebevoll über den Lockenkopf: „Weil du etwas Besonderes bist.“ „Ach so“, war die Antwort, dann. Es hinterfragte nicht, was seine Eltern sagten. Alex war ein braves Kind, Alex war klug und ging deshalb aufs Gymnasium. Als Es in die Pubertät kam, erwarteten Mitschüler und Mitschülerinnen auf ein Zeichen einer Orientierung, damit sie Es einordnen konnten. Die Mädchen schwärmten von Alex: „Er sieht so gut aus, sein Lächeln geht einem durch und durch, sein männlicher Blick lässt mir die Knie weich werden!“ Die älteren Jungs waren sich einig: „Alex ist eine heiße Nummer, ihr sanfter Blick allein zeigt doch, wie sie voller Weiblichkeit ist, jetzt schon.“

Das Gleichnis vom Silbergeld (6/6)

„Und dann ist das so langweilig. Warum konnte der mit den zwei Talenten nicht mehr rausschlagen, vielleicht drei hinzuverdienen? Oder mal eins verschusseln? Nee, das sind beide richtige Streber. Der mit den zwei Talenten beschwert sich nicht mal, dass der Boss ihm weniger anvertraut. Da wäre ich aber nicht still geblieben!“

„Das wärst du bestimmt nicht….“, dachte Gertrud, die plötzlich viel Mitgefühl für Ronjas Lehrer entwickelte.

„Und wen trifft es am Ende mal wieder?“ Sie guckte auffordernd in die Runde. „Den Ärmsten! Der Arme kriegt nur ein Talent. Und ist noch so vorsichtig, es einzubuddeln. Er hätte sich ja auch was Nettes kaufen können. Er hat’s verwahrt, gut er ist nicht so raffgierig wie die beiden anderen Kumpane, aber immerhin war er ehrlich und redlich. Aber das zählt wohl nicht mehr. Oder da zählte es nicht. Und dieser Herr kann die Wahrheit nicht vertragen.“

Frederike flüsterte ihrem Mann ins Ohr „Da ist er nicht der Einzige….“.

Ronja setzte noch einen oben drauf: „Und was ist das für ein soziales Gewissen? Da nimmt er am Ende dem armen Schlucker auch noch das letzte Talent weg. Das ist so, Papa, als wenn du dem einen rothaarigen Mann, der in der Stadt bettelt, nicht immer was gibst, sondern ihm stattdessen noch die Euros aus dem Becher klaust!“ Ronja mochte den Bettler, weil er immer so nett Danke sagte und ihr und Tim schon mal Papierblumen aus den Ohren zauberte.

„Da sagt der Diener dem Herrn, was Sache ist, dass er Angst vor ihm hat. Da bekommt man doch Mitleid! Wenn dir jemand sagt, dass er Angst vor dir hat, da bestrafst du ihn doch nicht, damit er noch mehr Angst hat.“ Sie drehte sich zu ihrem Vater: „Weißt du noch, wie du mal so sauer auf Tim warst, weil er geklaut hatte im Laden, und du wolltest ihm gerade eine scheuern, und Tim hat geweint und gewimmert ‚Papa, ich hab Angst!‘. Da bist du ganz still geworden und hast ihn in den Arm genommen. Und nicht in den dunklen Keller gesteckt.“

Ronja hatte sich komplett in eine Erwachsenensprache gearbeitet. Sie stand am Kaffeetisch, die Wangen gerötet, die sonst eher leise Stimme klang deutlich und klar durch den Raum. Ihr Vater fragte sich, was aus dieser Tochter einmal werden solle. Um Tim machte er sich keine Sorgen, der war halt ein kleiner Flegel, aber nicht so…. naja, altklug wollte er nicht sagen, das klang wie Kritik.

Gertrud zeigte ihr Entsetzen nicht. Was für ein furchtbares Kind, schon mit elf! Wie sollte die mal sein, wenn sie Anfang zwanzig war? Aber das kam von diesen modernen Erziehungsmethoden, sie hatte Frederike mehrmals Andeutungen gemacht, dass sie sich da eine Schlangenbrut hochziehen, aber die wollte die vorsichtigen Tipps ja nie verstehen. Aber Gertrud hatte einen Plan, daher lächelte sie Ronja an.

„Das ist ja wirklich sehr interessant. Da wäre ich nie draufgekommen.“ (Was absolut der Wahrheit entsprach, denn Gertruds Horizont endete eigentlich auf der Waage in der Fleischabteilung.) Ronja reagierte kaum, sie war noch in ihrer Argumentationswelt. Schmeicheleien ließ sie sowieso immer an sich herabrieseln, weil sie damit nichts anfangen konnte.

Getrud wandte sich an Ronjas Eltern: „Hättet Ihr nicht mal Lust auf ein Familientreff? Nächsten Samstag kommt Willi mal wieder hierher, er besucht einen Freund, ich habe die beiden zu mir eingeladen. Das wäre für Willi sicher sehr interessant, was unsere kleine Ronja hier so alles denkt.“

Frederike war überrascht, ihre Schwester lud sie und ihre Kinder selten ein. Es könnte Porzellan kaputtgehen, es könnte laut werden. Marco nickte.

„Gern, Gertrud, das klingt nett.“

Gertrud verabschiedete sich, der letzte Bus, mit dem sie ohne Umsteigen nach Hause kam, fuhr bald. Sie rief noch „Alles Liebe, Tim“ in den Garten, strich Ronja über den Kopf, die leicht zusammenzuckte, „dann bis nächste Woche, meine Kleine. Ich glaube, du wirst dich mit Onkel Willi sehr gut unterhalten können.“

Willi war ein sehr engagierter Christ, wie Gertrud es formulierte, wenn sie zu anderen sprach. Wenn sie an ihn dachte, gingen mehr Wörter wie „engstirnig“, „fanatisch“ und „unkritisch“ in ihre Beschreibung ein. Und der Freund von Willi war ein scharfzüngiger Jesuit, der Simbabwe hatte vor wenigen Jahren verlassen müssen, weil er selbst im eigenen Orden als zu unnachgiebig und übermissionarisch galt. Bibelfest selbstverständlich. Ach, wie sie sich freute, die beiden würden dieser kleinen vorlauten Schnepfe endlich mal den Mund stopfen.

Sie saß im Bus, die Handtasche auf dem Schoß. Sie hielt die Handtasche sehr sorgfältig, denn Frederike hatte ihr noch drei Stücke Frankfurter Kranz eingepackt. Sie schaute zum Fenster heraus, sie malte sich den kommenden Samstag in den schönsten Farben aus. Was für ein Triumph das würde!

Das Gleichnis vom Silbergeld (5/6)

Ronja nickte vehement, was Gertrud jetzt gar nicht verstand. Hatte das Kind nicht vorher noch eher kritisch ausgesehen und jetzt fand sie das gut? Merkwürdig. Gut, dass Ronja nicht ihre Tochter war.

Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.

Ronja zeigte dem Text einen Vogel, um ihre Verachtung auszudrücken.

„Hast du diese ganzen Unmöglichkeiten gemerkt, Tante Gertrud? Das ist harnebüschern!“ Das Wort hatte Ronja gestern in einem Gespräch zwischen ihrer Mutter und der Nachbarin aufgeschnappt. Ihre Mutter hatte entsetzt ausgerufen „Das ist ja hanebüchen, was die im Internat von den Kindern fordern!“

Was für ein Glück, dachte sich Ronja, dass sie nicht in so ein harnebüschernes Internat gehen musste! Gertrud war in sich zusammengesackt. Sie fand das Gleichnis eigentlich ganz vernünftig, wer nichts tut, kriegt eben nichts. Aber ihre Nichte hatte nicht nur Shakespeare, Goethe und mehr als die Hälfte der Bibel gelesen. Achthundertzweiunddreißig Seiten des gesammelten Werks von Karl Marx und Friedrich Engels sowie immerhin dreihundertzweiundvierzig Seiten „Sozialkritik und soziale Steuerung: Zur Methodologie systemangepasster Aufklärung“ in der Taschenbuchausgabe von Thilo Hagendorff sowie, last but not least, fünfhundertachtundzwanzig Seiten der „Gesammelten Werke“ von Carl Gustav Jung waren quasi ihr Dessert nach der jeweiligen Pflichtaufgabe gewesen. Irgendwie hatte sich das in ihrem Gehirn zu einem passenden Ganzen gemixt, das sie fortan auf alle anderen Schriftstücke überlagerte.

„Sag’s mir, Ronja, deine Sichtweise interessiert mich.“ Gertrud war mit sich und ihrer klugen Antwort sehr zufrieden. Eigentlich interessierte sie das eine Bohne, aber es formte sich ein Plan in ihrem kuchengetränkten Hirn, der Ronjas Akzeptanz erforderte.

„Also, der dickste Klops ist ja, dass der sogenannte Herr die Fähigkeiten seiner sogenannten Diener kennt. Das scheint mir nicht so! Wenn ich von jemandem weiß, was er kann, weiß ich doch wohl auch, was er nicht kann. Der komische Herr erwartet also von einem Diener, der nicht mit Geld umgehen kann, dass er was draus macht. Es ist mir sowieso schleierhaft, wie lange dieser Typ rumgereist ist. Bei den Zinssätzen, die so herrschen, müssen das Jahrzehnte gewesen sein, bis sich der Brocken von Diener Nummer eins verdoppelt hat!“

„Hmm, sollen so Gleichnisse aber nicht nur Beispiele sein?“ fragte Frederike.

Ronja schüttelte energisch den Kopf. „Nee, ein Beispiel muss auch gut sein.“

„Und warum gibt er den Dreien unterschiedlich viel? Also ich würde euch was husten, wenn ihr mir das Taschengeld nicht nach Alter, sondern nach Fähigkeiten gebt. Prost Mahlzeit, da würde Tim ja nie was kriegen“. Ihre Mutter drohte ihr scherzhaft mit dem Finger: „Nana, Tim kann doch für sein Alter eine Menge.“

„Ein wichtiger Punkt, Mama, den ich noch ganz vergessen habe. Hier steht nichts vom sozialen Umfeld der drei Diener“.

Endlich hatte sie mal die Floskel soziales Umfeld einbauen können!

„Außerdem ist das doch aus der Bibel, wo es um Liebe zu den Mitmenschen und so gehen soll, sagt unsere Relilehrerin immer. Aber hier geht’s nur darum, möglichst viel Geld zu scheffeln. Und welche Methoden diese Diener eingesetzt haben, um das Geld zu verdoppeln, da fragt der Boss auch nicht. Wenigstens ist im Verbuddeln von Geld keine Ausbeutung enthalten.“

Ronja war jetzt richtig in Fahrt. Ihre Eltern amüsierten sich, Gertrud versuchte mehr oder weniger erfolgreich, den Gedankengängen ihrer Nichte überhaupt zu folgen. Sie wischte sich ein paar Krokantstückchen vom Busen, der heute in einem quergestreiften Pulli mit Fledermausärmeln steckte. Also Frederike hatte sehr merkwürdige Kinder, aber Kuchen backen konnte sie wie keine andere.

Das Gleichnis vom Silbergeld (4/6)

Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten Silbergeld[1]. Es ist wie mit einem Mann, der auf Reisen ging. Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten.

Sie blickte hoch, sah Gertrud an, las nochmals langsam und betont: jedem nach seinen Fähigkeiten!!!“ Gertrud nickte, sie wurde langsam müde. Das ging ihr immer so, wenn ihr jemand vorlas. Ronja fuhr fort:

Dann reiste er ab. Sofort ging der Diener, der die fünf Talente erhalten hatte hin, wirtschaftete mit ihnen und gewann noch fünf weitere dazu. Ebenso gewann der, der zwei erhalten hatte, noch zwei weitere dazu. Der aber, der das eine Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kehrte der Herr jener Diener zurück und hielt Abrechnung mit ihnen.

Ronja holte tief Luft. Sie verpasste irgendwie immer die richtigen Stellen, um ein- und auszuatmen. Außerdem regte sie sich beim Lesen schon wieder auf.

„Weißt du, Tante Gertrud, wie viel Euro fünf Talente sind?“ Sie wartete gar nicht erst auf die Antwort, denn an der Fleischtheke wird mit Euro gerechnet, weder mit Silber noch mit Talenten. Auch wenn, das fand Ronja witzig, es ja die Redensart gibt „Sein Talent mit in die Waagschale werfen“. Hahaha, ich sollte immer ganz viel Silber bei mir haben und das ab und an auf die Waage werfen. Dann fiel ihr auf, dass diese Talente ein wunderbares Teekesselchen sind, das müsste sie demnächst mal einsetzen. Das würde niemand raten! Sie holte sich zurück zum Text:

Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte, brachte fünf weitere und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch fünf dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du tüchtiger und treuer Diener. Über Weniges warst du treu, über Vieles werde ich dich setzen. Komm, nimm teil am Freudenfest deines Herrn!

Dann kam der Diener, der zwei Talente erhalten hatte, und sagte: Herr, du hast mir zwei Talente gegeben; sieh her, ich habe noch zwei dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du tüchtiger und treuer Diener. Über Weniges warst du treu, über Vieles werde ich dich setzen. Komm, nimm teil am Freudenfest deines Herrn!

Ronjas Mund war trocken. Sie sah Tante Gertrud an, ob die auch noch wach war und nicht eingeschlafen. Aus dem Garten drang Gekreische und lautes Rufen. Ronja schüttelte altklug den Kopf, nein, also diese kleinen Jungs…

Es kam aber auch der Diener, der das eine Talent erhalten hatte, und sagte: Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mensch bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Sieh her, hier hast du das Deine. Sein Herr antwortete und sprach zu ihm: Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe. Du hättest mein Geld auf die Bank bringen müssen, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten.

Offensichtlich war das ein Abschnitt, der Ronja ärgerte. Sie hatte die Stirn in Falten gelegt und zupfte an einer Haarsträhne, die ihr rechts über die Schulter fiel.

Nehmt ihm also das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn wer hat, dem wird gegeben werden und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.

[1] Quelle: https://www.bibleserver.com/text/EU/Matth%C3%A4us25%2C14-30 (abgerufen am 28.2.18)

Das Gleichnis vom Silbergeld (3/6)

„Wenn ich zwischen acht und zehn Seiten pro Tag lese, schaffe ich es in einem halben Jahr!“ Sie begann die Zettelchen wieder zu entfernen und neu zu verteilen.

Gertrud konzentrierte sich auf den Zitronenkuchen mit Puderzuckerguss, den es heute gab. Ihr Schwager war wohl mit seinem Schützenverein auf dem Schießstand. Schade, sie sah ihn selten.

Drei Tage vor Tims Geburtstag hatte Ronja das Matthäus-Evangelium erreicht, für die eintausendeinhundertfünfundzwanzig Seiten hatte sie einhundertfünfundzwanzig Tage benötigt, damit war sie zufrieden. Sie las weiter und hakte sich fest, das Gleichnis von den anvertrauten Talenten Silbergeld ließ sie nicht los. Talente musste sie erst einmal nachschlagen. Etwa, sie rechnete lieber mit runden Zahlen, 2,5 kg Silber entsprachen einem Talent. Das klang nach viel. Also recherchierte Ronja weiter: Ein Talent entsprach somit etwa einem Wert von eintausend Euro. Da musste sich Ronja erst einmal setzen. Was sie sich mit so einem Talent alles kaufen könnte! Einen E-Book-Reader vom Feinsten, zwei oder drei Wasserpistolen für Tim, einen Seidenschal für ihre Mutter und eine Seidenkrawatte für ihren Vater. Nicht, dass ihr Vater häufig Krawatten trug, aber sie liebte es, wenn ihre Eltern ausgingen und sich „fein“ machten.

Tante Gertrud hatte wohl aufgegeben, die Kinder mit den Geschenken zu ärgern, denn sie hatte Tim eine große Wasserpistole mitgebracht. Okay, es war nicht das Star-Wars-Modell, das er sich so sehnlichst gewünscht hatte, aber immerhin: sie war groß und bunt. Er musste fast gewaltsam davon abgehalten werden, den ganzen Kaffeetisch vollzuspritzen. Ronja mochte Tim sehr, und sie bemühte sich sehr um die Menschen, die nett zu Tim waren – und umgekehrt. Manch ein Erstklässler hatte sich von Ronja zwicken oder gar eine Ohrfeige verpassen lassen müssen, wenn sie anfangs Tim hänselten. Ronja war schlank, aber stark. Und sie hatte sich in YouTube viele Videos über Selbstverteidigung angeschaut.

An diesem Geburtstag hatte Ronja gute Laune und wollte daher auch zu Tante Getrud einmal nett sein, die sich ja offensichtlich Mühe gab. Sie saß ihr beim Kuchenessen gegenüber.

„Tante Gertrud, ich habe viel Freude an der Bibel, die du mir geschenkt hast. Da habe ich faszinierende Dinge gelernt.“

Gertrud nickte, sie hatte den Mund voll mit Frankfurter Kranz und konnte daher nicht antworten. Sie versuchte dennoch, milde zu lächeln. Frederike war sehr glücklich, es sah nach einem gelungenen Nachmittag aus. Tim tollte draußen mit den Kindern aus seiner Klasse herum, die er hatte einladen dürfen. Selbst Marco war heute daheim geblieben, um guten Willen zu zeigen.

„Kennst du das Gleichnis von den Talenten Silbergeld?“

Gertrud schüttelte stumm den Kopf.

„Es ist unlogisch und ungerecht!“

Gertrud schaute ihre Nichte fragend an. Ronja nickte ernst, „Wenn du magst, kann ich dir zeigen, wo das alles komisch ist.“

Gertrud mochte nicht ablehnen, obwohl es sie überhaupt nicht interessierte, was an diesem überflüssigen Buch einer überflüssigen Kirche logisch ist oder nicht. Sie nickte.

Ronja sprang vom Stuhl auf, lief in ihr Zimmer und holte die Bibel. Sie hatte sie in dunkelblaues Papier eingebunden, um den Deckel zu schützen. Das Papier war an den Ecken schon abgeschabt.

„Ich lese dir das jetzt mal vor, und dann kannst du raten, wo das total ungerecht wird. Mega ungerecht!“

Schade, dachte sich Gertrud, dass ihr ältester Bruder Willi nicht gekommen war. Er war extrem christlich, führte stets einen Bibelspruch im Mund. Das wäre doch mal interessant geworden.

Ronja begann vorzulesen, ein wenig stockend. Ihre Vorlesefähigkeiten waren den Lesefähigkeiten noch nicht gleichgekommen: