Seit Sarah (3/3)

Georg besuchte seine Mutter am Sonntag allein. Sarah musste zu einer Fortbildung nach Karlsruhe. Er summte eine kleine Melodie, fand den Regen schön und überhaupt war die Welt doch wunderbar. Er konnte mit seiner Neuigkeit kaum warten, und nahm daher nicht wahr, dass die Wohnung nicht mehr so penibel aufgeräumt und sauber war wie sonst. Kaum standen Kuchen und dampfender Kaffee auf dem kleinen runden Wohnzimmertisch, platzte er mit seiner Nachricht heraus. „Mama, Sarah und ich werden heiraten!“

Seine Mutter reagierte überhaupt nicht darauf. „Möchtest du noch ein Stück Mohnstriezel? Den isst du doch immer so gern.“ Georg war verwirrt und schüttelte den Kopf, „nein, danke, Mama, hast du denn nicht gehört, was für eine tolle Neuigkeit ich dir erzählt habe?“

„Doch, doch, natürlich, du willst diese billige Schlampe heiraten.“ Georg erstarrte auf dem Stuhl: „Mama!! Wie redest du denn über Sarah?“ Seine Mutter blinzelte ihn aus ihren hinter der Brille kleinen Augen hilflos an. „Ach, öhm, ich habe sie da wohl verwechselt“. Georg nahm sie in den Arm, „Ich weiß, das ist für uns beide sehr überraschend, ich hatte schon nicht mehr daran geglaubt, dass das Glück doch einmal so über meine Schwelle kommt.“

Am Sonntag wollten er und Sarah wieder zum Kaffeetrinken zu seiner Mutter gehen, eine lieb gewordene Gewohnheit. Sie nutzen die Chance, um Hand in Hand im Park und um den See zu spazieren, dann schmeckte der Kuchen umso besser. Dienstag rief Sarah Georg an und berichtete, dass seine Mutter sie allein zum Kaffee eingeladen hatte, um „wichtige Dinge vor dem großen Tag zu besprechen“. Er warnte Sarah noch einmal.

„Ach, du Bangbüchs“, lachte sie, „ich kenne dich doch und glaube ihr nicht, wenn sie wirklich anfangen sollte, irgendwelchen Unsinn zu erzählen. Bisher war sie aber doch immer sehr nett.“ Er lächelte, Sarah war so realistisch und positiv.

Mittwochs hörte er nichts von Sarah, das war aber nichts Ungewöhnliches, denn manchmal ging sie mit ihren Freundinnen auf einen „Mädelsabend“. Dann dachte sie nicht immer daran, sich bei ihm zu melden. Die beiden waren so vertraut, dass sie sich nicht „an- und abmelden“ mussten. Am Donnerstag war Georg doch etwas beunruhigt. Er rief sie an, Mailbox. Am Freitag rief er auf der Arbeit an. „Sarah? Ach die, sie hat Dienstagnachmittag angerufen, dass sie spontan Urlaub nimmt und einige Tag wegbleibt.“

Georg wurde es mulmig ums Herz. Hatte seine Mutter es doch geschafft, sie mit einer ihrer furchtbaren Geschichten zu vergraulen? Erst wollte er sie anrufen und fragen, aber dann hielt er doch den Sonntagnachmittag für eine bessere Gelegenheit. Er konnte kaum die Stunde erwarten, er lief in seiner Wohnung auf und ab, er rief ständig bei Sarah an.

Blass, unrasiert, unausgeschlafen und mit schwarzen Ringen unter den Augen kam er sonntags bei seiner Mutter an. „Junge, wie siehst denn du aus?“

„Mama, was hast du zu Sarah gesagt? Sie ist wie vom Erdboden verschluckt!“

„Aber mein Junge, ich habe gar nichts zu ihr gesagt, keine Sorge!“ Sie sah ihn an: „Vielleicht liebt sie dich eben doch nicht so, wie du gedacht hast?“ Er wies das sofort zurück, aber irgendwo nagte es an ihm. Immer noch hoffte er, dass sie gleich zur Tür hereinkäme, mit ihrem herzlichen Lachen, und schnell aufklären würde, was passiert war.

Die Wohnung seiner Mutter war penibelst aufgeräumt, alles blitzte und blinkte, das fiel ihm in seiner Sorge kaum auf. Den Tränen nahe wollte er sich auf den Heimweg machen. Da er kaum Appetit hatte, hatte ihm seine Mutter noch ein paar Stück Kuchen für daheim aufgedrängt. Er hatte nicht gewagt, dies abzulehnen.

Draußen ärgerte er sich. „Ich bin doch erwachsen, ich will den Kuchen nicht, Mohnstriezel habe ich noch nie gemocht!“ Und so bog er um das kleine Häuschen, auf dem Kiesweg, zum Kompost. Im Mülltrennen war er sehr genau. „Typisch Beamter“, hänselte ihn Sarah dann immer.

Als er den Deckel zum Kompost öffnete, schüttete er den Kuchen schwungvoll auf das von Sarah, was von ihr noch übrig war.

 

Seit Sarah (2/3)

Bevor er Sarah mit zu seiner Mutter nahm, erzählte er ein wenig von ihr. Was sie alles für ihn getan hatte, was für ein guter Mensch sie war, aber dass sie doch auch mit den Jahren ein wenig wunderlich geworden war. Sarah wollte wissen, wie er das meint.

„Nun, manchmal erzählt sie abstruse Dinge über mich, die überhaupt nicht stimmen. Letztlich hat sie einer Nachbarin erzählt, ich hätte mit zwanzig noch am Daumen gelutscht.“ Sarah lachte herzlich, „na, die ist ja ’ne Nummer, herrlich!“ Das nahm Georg etwas von der Sorge, dass es mit Sarah verlaufen würde wie mit den anderen Frauen.

„In den letzten Jahren ist sie irgendwie … aggressiver geworden, sie kann Widerspruch nicht leiden.“ Was ein wenig untertrieben war, denn seine Mutter hatte noch nie Widerspruch ertragen. Wenn sie sich über jemanden geärgert hatte, kam es gelegentlich durchaus vor, dass sie einen Pantoffel an die Wand warf, einen Aschenbecher auf dem Boden zerschellen ließ. Davon erzählte er Sarah besorgt und ein wenig zurückhaltender, als die Wahrheit war. Sarah nahm auch das auf ihre heitere Art, legte ihre Hand auf seinen Arm (was ihn immer mit einem so schönen warmen Gefühl erfüllte) und tröstete ihn: „Ich weiß doch Bescheid, du wirst sehen, und einen schicken Pantoffel am Kopf wollte ich immer schon, das ist heute modern.“ Sie mussten darüber herzlich lachen. Georg nahm sie in den Arm und dankte mit stummen Worten wieder einmal dem Schicksal, das ihm so unerwartet diese wunderbare Frau geschickt hatte. Das kam zu einem Zeitpunkt, als er bereits alle Hoffnung auf Romantik aufgegeben und sogar schon einmal mit dem Gedanken gespielt hatte, auf so eine Anzeige zu schreiben, wo Thailänderinnen einen deutschen Mann suchen.

Auch seine Mutter bereitete er auf Sarah vor. Als er ihr beim sonntäglichen Besuch von seiner neuen Freundin berichtete, sah sie ihn an. Sie merkte – da war etwas, was sie vorher bei ihm nicht gesehen hatte. Sie spießte ein Stück Buttercreme auf und ließ es auf der Zunge zergehen. „Vielleicht“, meinte Georg vorsichtig, „erzählst du etwas weniger von mir, wenn ich Sarah nächsten Sonntag mitbringe?“ Sie sah ihn an. Aha. Sie wollte schon etwas Heftiges sagen, aber ließ es dann.

Georg hätte es in seinen kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt, dass der erste Sonntagsbesuch völlig ohne Probleme verlief. Aber genauso war es. Seine Mutter war ungewöhnlich aufgeräumt, umarmte Sarah beim Abschied herzlich und rang ihr das Versprechen ab, dass sie jetzt aber immer mitkommen müsse.

Sarah meinte verwundert zu Georg, dass sie gar nicht verstehe, was er mit diesen Geschichten über seine Mutter gemeint hätte. Sie sei doch eine absolut liebenswürdige Frau, vielleicht ein bisschen schrullig, aber irgendwo doch auch nett in ihrer großen Liebe zu ihrem einzigen Sohn.

Georg sah das als weiteres positives Zeichen. Manchmal lud seine Mutter Sarah sogar unter der Woche allein ein. Sarah versicherte Georg, dass seine Mutter niemals „eigenartige Dinge“ über ihren Sohn erzählte. An einem sonnigen Freitagnachmittag gingen sie Arm in Arm die Einkaufsstraße entlang, drückten sich liebevoll aneinander und fühlten sich so wohl. Plötzlich blieb Georg stehen, sah Sarah ernst an, der schon ganz bange wurde. Dann stellte er die Frage, die er sich bis heute aufbewahrt hatte: „Meine allerallerliebste Sarah, kannst du dir vorstellen, dass wir den Rest unseres Lebens miteinander verbringen, oder noch mehr, dass wir heiraten?“ Sarah war überrascht, damit hatte sie nicht gerechnet, auch wenn sie Georg genauso von Herzen liebte wie er sie. Sie gab ihm mitten auf der Straße einen dicken Kuss, „Das ist meine Antwort!“

Seit Sarah (1/3)

Georg war mit sich und seiner Welt zufrieden. Früher war er ziemlich allein gewesen, nachdem er bei seiner Mutter ausgezogen war. Sie fand das zwar überflüssig („Junge, das ist doch rausgeschmissenes Geld und so viel verdienst du nicht!“), aber er wollte selbstständig sein. Nach dem frühen Tod des Vaters waren er und seine Mutter sich zwar sehr nahe gewesen, aber für einen Erwachsenen ist es gesünder, ein eigenes Zuhause zu haben.

So war er dann im Alter von zweiundzwanzig Jahren in eine kleine, bezahlbare Zweizimmer-Wohnung in einen anderen Stadtteil gezogen. Die Wohnung hatte sogar einen kleinen Balkon, auf dem Georg im Sommer eigene Tomaten zog. Von der ersten Ernte hatte er seiner Mutter ein paar mitgebracht, die zwar auch fand, dass sie gut schmeckten, ihm aber die Hand tätschelte: „Georg, mein Junge, mach dir nicht so viel Arbeit!“ Das waren so Zeiten, wenn er froh war, dass sie nicht mehr unter einem Dach wohnten, auch wenn seine Mutter ihm ihr ganzes Leben geopfert hatte, damit er zur Schule gehen und studieren konnte. Diese Mütter kennt man ja. Er lächelte mild. Ansonsten war sie herzensgut und tat für ihn, was sie nur konnte.

Als Georg mit fünfundzwanzig seine erste Freundin – Gisela – hatte, so eine richtige Freundin, mit der man es ernst meint, nahm er sie an einem Sonntagnachmittag mit zu seiner Mutter. Es gab Kaffee und Kuchen. Seine Mutter war deutlich biestig, er verstand das gar nicht. Sie machte die merkwürdigsten Bemerkungen über ihn („Der kleine Georg wollte mit dreizehn Jahren immer noch sonntags morgens zu mir ins Bett kommen, er war so ängstlich!“), die meist gar nicht zutrafen. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Es war das letzte Mal, dass er Gisela sah. Sie ging nicht ans Telefon, wenn er anrief, wenn er sie auf der Straße traf, wechselte sie die Straßenseite. Er nahm es gelassen. Meine Güte, es ist doch bekannt, dass Mütter von Söhnen, die nur den Sohn haben und sonst niemanden, ein wenig eigenartig sind.

Georg hatte nicht viele Freundinnen, aber wann immer es ernst wurde, stellte er sie seiner Mutter vor. Dass die beiden harmonierten, war ihm doch wichtig. Seine Mutter machte keine solchen eigenartigen Bemerkungen mehr, daher wunderte es ihn, dass nach diesen Besuchen die Beziehungen meist endeten. „Egal, was meine Mutter erzählt hat, als ich kurz draußen war – eine Frau, die zu mir passt, wird das doch in den richtigen Hals bekommen …“

Georg wurde vierzig. Er war auf der Karriereleiter im mittleren Dienst als Beamter im sozialen Wohnungsbau ein wenig aufgestiegen. Sein Einkommen war nicht groß, aber für seine bescheidenen Wünsche reichte es, da er immer noch in seiner ersten Wohnung wohnte. Praktisch, um gelegentlich bei der Mutter auszuhelfen, die nur eine kleine Rente hatte, praktisch, um Geld zu sparen. Einmal im Jahr lud er seine Mutter zu einem kleinen Urlaub ein, und es war ihm wichtig, dass er dann alles bezahlte. Mallorca, Teneriffa, Fuerteventura, Bodensee, Tirol, alles hatten sie zusammen gesehen und es war sehr harmonisch gewesen. Im Grunde war sie eine gutherzige Frau und hatte so viel für ihn getan.

Georg war dreiundvierzig, als sich sein Leben tiefgreifend änderte, förmlich umstülpte. Seit Sarah sich auf der Suche nach dem Ordnungsamt im Rathaus in sein Zimmer verlaufen hatte, war alles anders. Sein Kollege war an jenem Tag krank und so war er allein im Büro, als die Tür aufging, eine junge Frau vorsichtig um die Ecke lugte: „Hier ist auch nicht das Ordnungsamt, oder?“ Georg fand diese Frage irgendwie komisch und musste lachen, leise und mit einem leichten Lächeln, wie das so seine Art war. Die junge Frau fand das wohl ansteckend und lachte kräftig mit. So kamen die beiden ins Gespräch. Wie sich bei einem gemeinsamen Cafébesuch am nächsten Tag herausstellte, waren sie zwei einsame Seelen. Zwar war Sarah – sie duzten sich bald, weil sie so vertraut miteinander waren, als würden sie sich schon lange kennen – mit ihren einunddreißig Jahren deutlich jünger als Georg, aber auf irgendeine Weise war sie doch schon lebenserfahren, abgeklärt und weise. Ihre zarten Bande verflochten sie immer enger miteinander. Die rundliche Sarah mit ihren roten Locken machte auf den ersten Blick gar nicht den Eindruck einer einsamen Seele, aber sie gestand es ihm sehr bald, wie es um sie stand.

Rücksichtlich Renate (4/4)

„Ich werde das Buch in genau einer Woche zurückbringen, zur selben Zeit“, flüsterte sie noch und warf ihm einen letzten dieser wunderbaren Blicke zu, bevor sie das Buch sorgfältig in ihrer Handtasche verstaute und wie eine leichte Brise aus dem Gebäude hauchte.

Quentin konnte den ganzen Tag keine Karteikarte mehr ausfüllen. Zum Glück passierten ihm bei der Buchausgabe keine größeren Patzer. Als seine Chefin zurückkam, wollte sie wissen, ob etwas Besonderes passiert sei. Er schüttelte den Kopf und durfte zu den Karteikarten zurückkehren.

Er schaute auf den Kalender. In einer Woche! Dieselbe Uhrzeit! War es Zufall oder eine Botschaft? Er traute sich nicht, dies zu hoffen. Er musste es unter einem Vorwand hinbekommen, dass er auch in einer Woche wieder den Ausgabedienst übernehmen würde. Drei Tage lang traute er sich nicht, die Bibliotheksleiterin auf seinen Wunsch anzusprechen. Dann nahm er sich ein Herz, war er nicht ein Mann des Wortes, mutig und stark? Eigentlich nein, beantwortete er sich selbst diese Frage. Aber die Vorstellung, Renate vielleicht zu einem Kaffee in der Cafeteria einzuladen und mit ihr über ihre Lektüre zu sprechen, verlieh ihm Flügel.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte ihn seine Chefin und blickte dabei über den oberen Brillenrand, als er ihr Büro betrat.

„War alles okay, als ich Sie an der Ausleihe vertreten habe?“ Kein geschickter Anfang.

„Ja, ja, wunderbar.“ Pause. „War’s das?“

„Öhm, nein“, Quentins Hände klammerten sich an seinem Taschentuch fest. Seine Stimme war heiser: „Wenn Sie wollen, kann ich sie gerne wieder vertreten.“ Kleine Pause und fast unhörbar: „Gern wieder nächste Woche Mittwoch.“ Seine Chefin dachte nach, den zweiten leisen Satz hatte sie gar nicht gehört.

„Das passt! Das ist sehr nett von Ihnen! Ich möchte nämlich am nächsten Donnerstag frei haben, wäre ein ganzer Tag zu viel für Sie? Ich werde Ihnen dafür den Tag davor, also den Mittwoch freigeben.“

Für sie war damit die Angelegenheit erledigt, sie lächelte erfreut und beugte sich wieder über ihre Bücher. Quentin tropfte Angstschweiß von der Stirn, so empfand er es, obwohl seine Stirn trocken war wie eh und je. Er räusperte sich, aber seine Chefin winkte ihm nur freundlich zu „Trinken Sie was, das macht den Hals frei!“

Am Dienstag versäumte sie es nicht, ihm noch einen schönen freien Mittwoch zu wünschen und ihm noch einmal dafür zu danken, dass sie am Donnerstag die wichtigen Einkäufe erledigen könne.

Quentin war so unglücklich. Er überlegte tausend Möglichkeiten, am Mittwoch in der Bibliothek zu sein, er könnte doch privat dort sitzen und lesen. Aber er wusste, dass seine Chefin das für Übereifer halten und ihn prompt nach Hause schicken würde. Er könnte auch vor der Bibliothek stehen, so eine Stunde. Aber dann würde ihn vielleicht jemand anzeigen, weil er sinnlos herumstünde? Alle Möglichkeiten, die er durchspielte, waren undurchführbar. Und so saß er an diesem Tag zu Hause bei seiner Büchersammlung, drehte und wand das Taschentuch zwischen den Händen. Es war ein furchtbarer Tag.

Am Donnerstag kam er überpünktlich zur Arbeit. Der Rilke-Band stand wieder an seinem Platz. „Hat jemand nach mir gefragt?“ Nein.

Renate kam nie wieder. Mittlerweile hatte er erkannt, dass es wohl Liebe gewesen sein musste, die er für Renate empfunden hatte, eine große und tiefe Liebe, wie sie sonst nur in der Literatur zu finden ist. Er wusste auch, dass er nie wieder so viel Zärtlichkeit und Leidenschaft für ein weibliches Wesen werde empfinden können. „Ihr müsst mir reichen, meine heißgeliebten Bücher“, flüsterte er mit tonloser Stimme. Im Halbdunkel hoffte er, dass sie seine Tränen nicht sähen, denn sonst wären sie vielleicht gekränkt, weil sie nicht immer das Liebste in seinem Leben gewesen waren.

Er war mit seiner Geschichte am Ende. Seine Lieblinge schwiegen verständnisvoll, nur der eine oder andere Fritz kicherte dümmlich. Quentin stellte Renate besonders sorgfältig zurück an ihren Platz.

 

Rücksichtlich Renate (3/4)

Diese Arbeit übte er seit einem halben Jahr mit viel Freude aus. Er hatte so einen guten Überblick über den Bücherbestand erhalten. Er notierte sich gelegentlich Titel, die er sich selbst einmal kaufen wollte. An einem Vormittag hatte ihn die Bibliothekarin an der Buchausgabe, seine Vorgesetzte, gebeten, ihn zu vertreten. Gerne machte er das nicht, der Kontakt mit fremden Menschen war ihm unheimlich. Aber seine Chefin war immer so verständnisvoll mit ihm und so entgegenkommend, dass er es ihr kaum abschlagen konnte. Und so stand er dann am nächsten Tag an der Buchausgabe. Jedes Mal, wenn die Tür aufging, bekam er Herzklopfen. Nach den ersten drei Anfragen und Ausleihen ging es ihm langsam besser von der Hand. Er würde es nie mit Begeisterung machen, aber er brach nicht zusammen.

Plötzlich stand ein junges Mädchen vor ihm, oder war es eine junge Frau? Er konnte ihr Alter schlecht schätzen, vielleicht war sie fünfzehn? Sie war schlank, blass und wagte kaum, ihn anzusehen. Er fragte sie freundlich: „Kann ich dir helfen?“ Sie schaute hoch und da blickte er zum ersten Mal in ihre wunderbaren, nachtblauen Augen. Dann senke sie die Wimpern wieder über die Augen, ihre Wangen waren rosig überzogen, als sie flüsterte: „Ich suche ein Buch, das mir eine Freundin empfohlen hat, es heißt ‚Der Wintergarten‘ von Adelbert von Chamisso.“ Quentin wusste nicht, was er sagen sollte. Offenbar wollte diese Freundin sie auf den Arm nehmen. Aber wie konnte er ihr das sagen, ohne dass sie sich von der angeblichen Freundin gedemütigt fühlte?

Er gab sich einen Stoß: „Nun, das Buch haben wir leider nicht hier. Es gibt aber eines, das diesen Band noch bei weitem übertrifft.“ Ihre Hände waren in den Manteltaschen tief vergraben, eine Handtasche hing ihr über die rechte Schulter. Sie sah wieder hoch. Dieser Blick … Er machte Quentin fast mutig. „Also wenn Sie mir das empfehlen, vielleicht sollte ich es dann einmal versuchen.“ Er ging flotten Schrittes zielsicher zur Rilke-Abteilung und griff zum Gedichtband. Sicher würde sie diesen Band bald genauso lieben wie er. Er legte das Buch vor sie auf die Theke. „Ah, Rilke, hat der nicht ‚Der Panther‘ geschrieben?“

Diese Frage beantwortete er ausgiebig mit einer Schmährede auf die Lehrerschaft, die immer das schwächste Gedicht dieses wunderbaren Dichters in den Schulen propagierte. Er sprach mit einer Leidenschaft, wie sie ihm nur im Zusammenhang mit Worten und Sprache zu eigen war.

„Da haben Sie sicher Recht. Ich nehme das Buch.“ Sie schob ihm ihren Bibliotheksausweis zu. Er schaute flüchtig darauf, gleichzeitig nahm er so viele Informationen auf wie möglich. Renate hieß das Mädchen, im Alter hatte er sie aber unterschätzt, sie war schon siebzehn. Er verhaspelte sich bei seiner Entschuldigung, dass er sie ungefragt geduzt hatte. „Das macht gar nichts, bitte, Sie sprechen meinen Namen so schön aus …“, dabei lief sie puterrot an und konnte nicht mehr weitersprechen. Er verschluckte sich fast, trug ihren Namen in die Bücherliste ein und überreichte ihr das Buch. Dabei berührten sich ihre Finger. Es war, als wenn ein Feuerwerk zu Silvester niederging, ein Gefühl, wie Quentin es nicht kannte.

Rücksichtlich Renate (2/4)

Das Büchercafé war modernisiert worden: kahle Stahlregale und Glastische, neonfarbene Lampen, irgendwelche Fruchtsaftgetränke, mit merkwürdigen Gemüsen drin. Nein, danke, das war nicht Quentins Welt.

Vorsichtig stellte er Henriette wieder zurück ins Regal, genau zwischen Marianne und Felicitas. Es ist nicht etwa so, dass ihn der Inhalt der Bücher nicht interessierte, oh, das sollte keiner denken. Beides lief für ihn nebeneinander her. Henriette z.B. waren Gedichte lateinischer Dichter im Original. So konnte Quentin sein Latein noch ein wenig lebendig halten. „Eine tote Sprache lebendig halten“, Quentin lächelte. So war sein feiner Humor.

Er nahm den Rilke-Band aus dem Regal. Ein optisch auffallender Band mit Goldschnitt und Lederprägung. Er roch vorsichtig daran. Er öffnete das Buch, zufällig bei dem Gedicht „Der Panter“. Es zählte nicht zu seinen Lieblingen, war aber sicherlich das in Schulen am stärksten in den Unterricht eingebundene Gedicht von Rilke. Schade, schade. Diesem wunderschönen Band, der ihn relativ viel Geld gekostet hatte, der ihm so wert war, hatte er nur einen Namen geben können: Renate.

Gelegentlich erzählte er seiner Bücherwelt etwas zur Herkunft ihrer Namen oder auch den anderen zur Herkunft eines Bandes, der zwischen ihnen stand. Schon oft hatte er den Eindruck gehabt, sie zitterten und platzten fast vor Neugier, was es denn mit Renate auf sich habe. Heute wollte er ihnen Auskunft geben.

Er saß im Lesesessel, die Augen hinter der Lesebrille geschlossen, die Finger fuhren zart über den gelbroten feinen Lederdeckel. Renate … Er sah sich um: Alle waren aufmerksam und hofften, heute mehr über die „heilige Renate“ (wie sie sie insgeheim nannten) zu erfahren. Quentin schloss die Augen wieder.

Er sprach mit ganz, ganz leiser Stimme, fast flüsterte er. Aber er wusste, dass das Gehör von Büchern anders gestaltet war als das von Menschen. Sie konnten ihn sogar hören, wenn er nur mit seiner inneren Stimme sprach. Er begann:

„Rücksichtlich Renate seid Ihr wirklich sehr interessiert“. Und in seiner antiquierten Ausdrucksweise erzählte er ihre und seine Geschichte.

Es war in seiner ersten Anstellung in einer Bibliothek. Es war die Stadtbibliothek der kleinen Heimatstadt und seine erste Aufgabe bestand darin, die Sammlung vergilbter Karteikarten zu überarbeiten, d.h. auf den neusten Stand zu bringen. Von Digitalisierung war noch keine Rede. Er nahm sich einen großen Stapel weißer Karteikarten. Sie waren mit hellgrauen Linien versehen, was das Beschriften vereinfachte. Die oberste Linie oben auf der Karte war etwas dicker und rot, damit sich der Titel besser absetzte. Er spannte die Karten in die Schreibmaschine ein (weswegen die Linien im Grunde überflüssig waren), wobei er große Sorgfalt darauf verwendete, dass sie gerade waren. Anderthalbzeilig war die Einstellung für normale Bücher. War mehr Text erforderlich, arbeitete er einzeilig. Dann nahm er sich den Stapel alter Karten, die er vor die weißen legte. Sie waren blau, grün und rosa, meist schon angegilbt an den Rändern. Viele waren sogar noch mit Kugelschreiber oder Füller beschriftet worden. Wenn die Karten auf dem Tisch bereit lagen, hatte er bereits kontrolliert, dass die sie den Büchern entsprachen. Entsprechende Korrekturen hatte er handschriftlich eingetragen. Nun musste er es nur noch ordentlich auf die neuen Karten übertragen. Er war verwundert, mit welcher fehlenden Konsequenz die alten Karten erstellt waren. Die wenigsten Bibliothekare schienen sich an die Regel zu halten, dass zwischen Titel und Untertitel ein Doppelpunkt steht, nicht einfach ein Komma oder ein Punkt.