Buchpreis 2018 Teil 2 von 3

2016 ergatterte den Preis ebenfalls ein Mann: Bodo Kirchhoff. Das ist gut, jetzt wird es Zeit für eine Quotenfrau, nämlich mich. Da es immer Autoren über 50, im oder um das Rentenalter sind, passe ich gut hinein. Mein einziger Nachteil ist natürlich, dass ich bisher so wenige Bücher veröffentlicht habe. Ein paar bei BOD (das zählt bei so einer hochrangigen Jury sicher nicht), drei bei „normalen“ Verlagen, und bei allen handelte es sich mehr oder weniger um Kochbücher, sehe ich einmal von „Mein Kollege kocht Vollwert“ (allerdings BOD) ab. Titel des Preisbuches: Widerfahrnis. Das ist gut, denn der Titel meines zweiten Buchs wird sein: Eine Hand wachst die andere. Ein irres Wortspiel, oder?

Inhaltsangabe:

Reither, bis vor kurzem Verleger in einer Großstadt, lebt nun in einem idyllischen Tal am Alpenrand. Von dort beginnt eine unerwartete Reise bis nach Sizilien. Die, die ihn an die Hand nimmt, ist Leonie Palm, zuletzt Besitzerin eines Hutgeschäfts; sie hat ihren Laden geschlossen, weil es an Hutgesichtern fehlt, und er seinen Verlag dichtgemacht, weil es zunehmend mehr Schreibende als Lesende gibt. Als dann nach drei Tagen im Auto am Mittelmeer das Glück über sie hereinbricht, schließt sich ihnen ein Mädchen an, das kein Wort redet.

Hach, auch so etwas, das mit dem wirklichen Leben nichts gemein hat. Jemand, der seinen Hutladen dichtmacht, weil es an Hutgesichtern fehlt? Nein, wie irre, wie intellektuell hervorragend. Ich bemerke an mir einen leichten Widerwillen gegen das Intellektuelle, was ich dann gleich „pseudointellektuell“ nenne, um es richtig herunterzumachen. Ich merke schon, ich muss mal schauen, ob es Preise für Unterhaltungslektüre gibt. Wie begründet die Jury ihre Wahl für 2016?

„Bodo Kirchhoff erzählt vom unerhörten Aufbruch zweier Menschen, die kein Ziel, nur eine Richtung haben – den Süden. Es treibt sie die alte Sehnsucht nach der Liebe, nach Rotwein, Italien, einem späten Abenteuer. Als sie eine junge Streunerin auflesen, begegnen sie den elementaren Themen ihrer Vergangenheit wieder: Verlust, Elternschaft, radikaler Neuanfang. Kirchhoff gelingt es, in einem dichten Erzählgeflecht die großen Motive seines literarischen Werks auf kleinem Raum zu verhandeln. Gleichzeitig erzählt er von unserer Gegenwart und davon, wie zwei melancholische Glückssucher den Menschen begegnen, die in der Jetztzeit den umgekehrten Weg von Süden nach Norden antreten. Kirchhoffs „Widerfahrnis“ ist ein vielschichtiger Text, der auf meisterhafte Weise existentielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebt und den Leser ins Offene entlässt.“

Hmmm, ich glaube nicht, dass ich dieses Buch lesen möchte. Radikaler Neuanfang hat so was von Aussteigern, die auf Kosten ihrer Mitmenschen irgendwo ein Traumziel verfolgen (man hört immer nur von den Leuten, wenn sie aussteigen, aber was ist nach zwanzig Jahren?). Außerdem finde ich Autoren faul, die den Leser „ins Offene entlassen“ – ihnen fehlt einfach eine Idee, ein gutes Ende zu finden. Wobei ich hier „gut“ nicht mit „Happy End“ gleichsetze.

Ich wage einen letzten Vorstoß ins Jahr 2015. Der Preisträger ist schon wieder ein Preisträger, d.h. ein Mann. Ich kann gar nicht glauben, dass es keine guten Literatinnen gibt, die mit einem Preis gekürt werden. Ich bin aber nun wirklich an der Reihe. Frank Witzel gewann den Preis 2015 mit dem Werk „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. Der Titel heißt für mich übersetzt: prätentiöser Käse. Niemals würde ich so ein Buch kaufen. Andererseits kaufe ich meine Lieblingslektüre bei einem Billigversender, am liebsten für 1 Euro das Buch, und dann immer gleich so viele, dass ich sogar noch portofrei wegkomme. Ich bin total unfair, neidzerfressen, ich weiß das. Noch kein einziges Buch (literarisches Buch) habe ich veröffentlicht, mich noch nicht einmal um Veröffentlichung bemüht, und schon mache ich die Konkurrenz runter. Nicht nett. Dabei würden mich die drei Preisträger trotz der gleichen Altersgruppe sicherlich nicht als Konkurrenz sehen. „Wilkesmann? Studiert hat sie, jo, aber was ist denn ein Fachhochschulabschluss? Was hat sie aufzuweisen? Als Übersetzerin hat sie gearbeitet, was ja intellektuell minderwertig ist, wenn sie nicht zumindest Literatur übersetzt hat, nein, es waren mehr oder weniger spröde Sachtexte. Einige Kochbücher, ein paar Geschichten im Blog und ein paar Bemühungen, ihre intellektuell wenig anspruchsvollen Dinge bei einem Verlag unterzubringen?“ Süffisantes Lächeln aller Ortens.

Buchpreis 2018 Teil 1 von 3

Ich hätte gerne den deutschen Buchpreis. Ob ich es 2018 schaffe, wage ich zu bezweifeln. Ich weiß nicht einmal, ob ich 2018 ein Buch zur Veröffentlichung bringen kann.

Um meine Chancen auszuloten und eventuell meine Schreibe noch auf die Zielgruppe Juroren auszurichten, habe ich mir angeschaut, wer 2017 diesen Preis bekommen hat: Robert Menasse. Aha. Jahrgang 1954, das geht ja. Ein kluger Mann mit vielen klugen Veröffentlichungen. Sicher nichts aus dem Sujet leichte Unterhaltung dabei, aber vielleicht sollte ich etwas von ihm lesen, bevor ich mir nur aus einem Wikipedia-Artikel ein Urteil bilde.

Unterhaltung, das ist es, was ich von Literatur erwarte. Durchaus intelligente Unterhaltung, aber nicht so etwas für Akademiker ohne Spaß, Spannung und Spiel. Ich selbst lese nicht gerne etwas, das die Tristesse des echten Lebens widerspiegelt, das nur aus intelligenten Wortspielen besteht. Aber ich bin auch keine Jurorin für den deutschen Buchpreis.

Es wäre doch wirklich genial, wenn mal nicht ein Schriftsteller mit langer Veröffentlichungsliste den Preis bekäme, sondern so ein Newcomer, der erst in der zweiten Hälfte (oder gar im geschätzten letzten Drittel) seines Lebens zum Schreiben kommt, weil er dann wirklich etwas zu sagen hat. Es muss ja auch nicht ein Roman sein, es könnten zum Beispiel Kurzgeschichten sein, die lose miteinander verbunden sind. Hoppla, da sind wir ja bei mir.

Auf der Seite des deutschen Buchpreises gibt es eine Inhaltsangabe für das Buch von Manesse, das den Preis gewonnen hat[i]:

„Beamtin Fenia Xenopoulou soll das Image der Europäischen Kommission aufpolieren. Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee weckt ein Gespenst aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. Kommissar Brunfaut muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen. Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft, soll in einem Think-Tank zur Zukunft Europas Worte sprechen, die seine letzten sein könnten. Und was macht Brüssel? Es sucht einen Namen – für das Schwein, das durch die Straßen läuft.“

Och nee, schon wieder ein Gespenst aus der Geschichte… Ich mag nicht in trauriger Historie herumwühlen. Auch die Begründung der Jury interessiert mich (gleiche Quelle):

„Das Humane ist immer erstrebenswert, niemals zuverlässig gegeben: Dass dies auch auf die Europäische Union zutrifft, das zeigt Robert Menasse mit seinem Roman ‚Die Hauptstadt‘ auf eindringliche Weise. Dramaturgisch gekonnt gräbt er leichthändig in den Tiefenschichten jener Welt, die wir die unsere nennen. Und macht unter anderem unmissverständlich klar: Die Ökonomie allein, sie wird uns keine friedliche Zukunft sichern können. Die, die dieses Friedensprojekt Europa unterhöhlen, sie sitzen unter uns – ‚die anderen‘, das sind nicht selten wir selbst.

Mit ‚Die Hauptstadt‘ ist der Anspruch verwirklicht, den Robert Menasse an sich selbst gestellt hat: Zeitgenossenschaft ist darin literarisch so realisiert, dass sich Zeitgenossen im Werk wiedererkennen und Nachgeborene diese Zeit besser verstehen werden.“

So normale Sätze bauen kann die Jury auch nicht? Oder etwas sagen, das ich interessant finde? Hmmm. Ich schaue mal, wie es in 2016 aussah, um mir meine Chancen auszumalen. Und um zu sehen, ob meine abfälligen Bemerkungen nur auf ein gewisses Neidgefühl zurückgehen oder in meinem Wesen begründet sind.

[i] https://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert/

Luft-Not Teil 3 von 3

Es hielten sich nur drei Personen in der Filiale auf. Der Mitarbeiter am Schalter, sie und noch ein Kunde, der gerade ein Formular ausfüllte. Sie waren alle in ihren Bewegungen erstarrt. „Du, komm her!“ schrie der Mann sie an. Da wusste sie genau, was passieren würde: Der Bankangestellte würde dem Räuber das Geld aushändigen, der sie draußen in sein Auto zerren würde, mit ihr in den Wald fahren und dort in einen Lieferwagen umsteigen. Sie müsste hinten in dem leeren Wagen sitzen und damit sie nicht um Hilfe riefe, würde er sie fesseln und ihren Mund doppelt mit Klebeband zum Verstummen bringen. Und dann würde sie zwangsläufig ersticken, denn sie hatte bereits wieder eine leichte Erkältung. Nein, so wollte sie nicht sterben, lieber sollte der Mann sie erschießen. Diese Gedanken gingen ihr in Nanosekunden durch den Kopf. „Nicht ersticken, bitte nicht ersticken lassen, lieber Gott“ dachte sie und stürzte sich auf den Täter. Ein Schuss löste sich. Der Angestellte nutzte die Chance, den Alarmknopf zu drücken.

Der Polizeipsychiater Winfried Wollerfeld, seines Zeichens Diplom-Psychologe, erklärte diesen Fall später bei einer Schulung:

„Es gibt immer wieder diese Menschen, die den Drang haben, sich in den Mittelpunkt zu stellen, dieses Begehren, einmal im Zentrum zu stehen, einmal Held oder Heldin zu sein. Wie wir an den Zeitungsausschnitten sehen können, die Ihnen vorliegen, hat es auch in diesem Fall geklappt. Diese geltungsbedürftigen Egomanen nehmen das Leben anderer, ja auch ihr eigenes in Kauf, nur um ihr Bild in der Zeitung zu sehen, sie malen sich das manchmal schon Jahre vorher aus, wie sie in einem Notfall einschreiten, wie ihr Sarg mit Blumen der dankbaren Geretteten überschüttet wird. Eine Todessehnsucht eng verbunden mit Geltungsgeilheit, wenn Sie mir diese Wortschöpfung verzeihen. Diese Menschen machen Ihnen das Leben unnötig schwer!“

Die Zuhörer nickten zustimmend. Er nippte an dem Glas Wasser, das auf dem Rednerpult stand und wandte den Kopf wieder dem Bild zu, das der Beamer auf die Wand warf. Er wippte dabei leicht vor und zurück, wobei er sich wieder vom Pult zurückzog, das sonst im Vergleich leicht offenbarte, dass er nur einen Meter dreiundsechzig groß war.

„Sehen Sie diese Frau, sie hat alles riskiert, nur um ihr Bild in der Zeitung zu sehen. Es ist einfach widerwärtig, es ist hochgradig krank!“

Winfried wunderte sich selbst, warum er sich so echauffierte.

„Wenn es nach mir ginge“, so fuhr der kluge Psychiater fort, „wäre diese Frau sofort stationär aufgenommen worden, statt sie auch noch mit Empfängen und dem ganzen Brimborium zu ehren. Die Frau wird, wenn sie nicht von uns behandelt wird, eines Tages Alpträume bekommen, die in letzter Instanz bis zu suizidalem Verhalten führen können! Auch hier haben wir die Pflicht, diese Menschen vor sich selbst und ihrer Eitelkeit zu schützen.“

Winfried lächelte ins Publikum, fuhr sich mit der Hand durch die Haare, rückte sein Manuskript zurecht, zog seine Krawatte gerade: „Danke für Ihre Aufmerksamkeit!“ und beugte seinen Kopf. Die Zuhörer spendeten höflichen Beifall. Er stierte auf den kleinen Zeitungsartikel, der vor ihm lag. Das Foto einer etwa sechzigjährigen Frau, die unbeholfen in die Kamera schaute. „Unsere Heldin beim Bürgermeister“, lautete die Überschrift. Wann war er jemals vom Bürgermeister eingeladen worden?

Luft-Not Teil 2 von 3

Auch Tauchen im Schwimmbad war ein Problem, dieses Gefühl „Ich schaffe es nicht mehr!“ machte es ihr unmöglich, die Luftreserven sinnvoll einzusetzen. War sie geprägt vom schweren Asthma ihrer Großmutter? Diese kannte sie vorwiegend mit einem kleinen Atemgerät in der Hand: ein brauner Glasaufsatz auf einem roten ellipsenartigen Gummiballon, mit irgendeiner Flüssigkeit. Die Großmutter hielt sich bei nebligem Wetter oder Aufregung den Mundansatz des Glases in den Mund, presste auf den Ballon und machte Atemübungen, bis es „wieder ging“. Wenn das die Erklärung wäre – warum hatte sie die Träume mit dem Ertrinken erst vor wenigen Jahren bekommen? Jetzt war sie Ende vierzig und hatte diesen wirklich dramatischen Traum-Wachtraum. Konnte das noch von einer Großmutter kommen? War ihr Leben nicht in Ordnung, erdrückte sie etwas? Sie fand Gedanken in diese Richtung immer sehr hilfreich. Nur gab es da nichts, was eine Erklärung bieten könnte.

Sie vergaß dieses Erlebnis nicht, es hinterließ seine Spuren. Sie bekam Angst vor Erkältungen. Niemand liebt Schnupfen, niemand will ihn haben, jeder scheut ihn – aber wer hat wirklich Angst vor Erkältungen? Wenn der Schnupfen tief sitzt, reicht er bis in den Rachen. Die Nase komplett verstopft, nur bei weit geöffnetem Mund noch das Atmen möglich, wenn es soweit war, hatte sie Angst vor dem Einschlafen.

Manchmal kam es sogar dazu, dass sie nicht mehr automatisch schlucken konnte. Sobald die Nase halb verstopft war, atmete sie langsam und mit Willenskraft. Eines Morgens wachte sie auf, schweißgebadet. Der Hals war verschleimt, nur die Nase frei. „Jeder normale Mensch kann dabei doch trotzdem atmen, warum nicht ich? Warum diese Panik?“ Es ging vorbei. Sie vermied alles, was eine Erkältung hervorrufen könnte. Im Winter machte sie um Gesellschaft einen weiten Bogen, wenn es draußen nass war, ging sie nur vor die Tür, wenn es unbedingt nötig war. Öffnete im Büro jemand das Fenster, konnte man wetten, dass sie nach spätestens drei Minuten mit vorwurfsvollem Blick das Fenster wieder schloss: „Du weißt doch, dass ich mir bei Durchzug sofort ‘was hole!“.

Sie begann sich mit dem Thema Reinkarnation zu beschäftigen. War sie vielleicht in einem vorherigen Leben erstickt?

Kriminalgeschichten und Filme mit Entführungen konnte sie nicht sehen, die Geiseln wurden häufig stumm gestellt, indem ihr Mund mit Isolierband zugeklebt wurde. Sie setzte sich dann abends auf dem Bettrand, die Nase vom letzten Schnupfen noch leicht verstopft, und probierte, ob sie mit zugeklebtem Mund noch atmen könnte. Es ging nicht! Spätestens nach dem fünften schwierigen Luftzug und trotz selbstberuhigender Gedanken klappte es nicht, das Herz raste, im Kopf breitete sich ein dumpfes Gefühl aus. Sie riss den Mund auf. „Ich würde elendig ersticken!“

Am Mittwoch hatte sie frei, sie wollte noch etwas in der kleinen Filiale ihrer Hausbank erledigen. Sie stand am Kundenschalter, ihre neue Bankkarte sollte da sein. Der Angestellte reichte ihr die Karte und eine Empfangsbestätigung, sie unterschrieb. Sie drehte sich gerade um, weil sie die Bank verlassen wollte, als er hereingestürmt kam. Eine Maske auf dem Gesicht, eine leere Tasche unterm Arm, eine Waffe in der Hand. Er stürzte genau auf sie zu, in ihre Richtung. „Keine Bewegung, dies ist ein Überfall!“

Luft-Not Teil 1 von 3

Der Erstickungstod

Sie bekam keine Luft, das bisschen Sauerstoff, das noch in den Atemwegen verfügbar war, wurde immer weniger. Panik. Sie röchelte, ihr Herz begann zu jagen. Sie lag unter einer Tonne Lehm, die Luft wurde dichter und dichter, der winzige Hohlraum war nur noch mit wenigen Kubikmillimetern Sauerstoff gefüllt. Gleich, gleich….

Sie wachte auf. Der Alptraum war zu Ende, aber die Panik blieb bestehen, obwohl kein Lehm auf ihren Brustkorb drückte. Nur das Schwarz-Grau des Schlafzimmers nahm sie am Rande ihrer Atembemühungen wahr. Aber auch das Bewusstsein, aus einem Alptraum erwacht zu sein, half nicht. Es gab keine Luft für sie, Atmen war nicht möglich. Mit aller Kraft versuchte sie, Luft durch die Nase zu holen, es ging nicht. Sie hielt das eine Nasloch zu, versuchte Luft zu holen, es ging nicht. Auch nicht auf der anderen Seite. Der Luftmangel hämmerte in ihrem Schädel. Warum öffnete sie nicht den Mund, warum holte sie die notwendige Luft nicht aus dieser Richtung? Sie versuchte zu denken „mach den Mund auf, atme!“ und gleichzeitig Luft durch die Nase einzuatmen. Kurz bevor sie glaubte, das Bewusstsein zu verlieren, stieß sie endlich Luft durch den Mund in die Lunge, die Atemlähmung, wie sie sie später nannte, war deutlich verringert.

Hastig setzte sie sich auf, Atmen im Liegen war immer noch nicht möglich. Sie zog mit den Fingern den rechten Nasenflügel zur Seite, dann den linken, bis sie endlich eine kleine Bahn für den lebensnotwendigen Sauerstoff freimachen konnte. Dazwischen hechelte sie durch den Mund. Der Rachen schien nicht ganz frei.

Als sie richtig wach war und wieder normal atmete, versuchte sie mental, mit diesem Traum klarzukommen, der auch ins Wachbewusstsein hinein Wirkung gehabt hatte. Was war nicht in Ordnung? Sie hatte schon mehrmals vom Ertrinken geträumt, zynisch sprach sie dann schon mal von „meinem Lieblingsalptraum“. Meist saß sie dabei in einem Wagen, dessen Türen sich nicht öffnen ließen. Sie hatte immer aufmerksam Tipps dazu gelesen, was man machen soll, wenn man mit dem Auto ins Wasser stürzt: Warten bis der Wagen abgesunken ist, ruhig atmen. Fenster öffnen, bis der Druckausgleich stattgefunden hat, dann die Tür öffnen und zügig nach oben schwimmen. Ob sie in einem solchen Falle die nötige Ruhe hätte?