Krimi to Go – M (2/2)

Wikipedia weiß auch unter dem Stichwort „Mord“ ein wenig über Mordlust zu sagen:

Das Mordmerkmal der Mordlust wird allgemein dann als verwirklicht angesehen, wenn die Tötung eines Menschen dem Täter als Selbstzweck dient. Dies soll immer dann der Fall sein, wenn es dem Täter allein darum geht, einen Menschen sterben zu sehen, damit anzugeben, sich nervlich zu stimulieren oder die Zeit zu vertreiben oder wenn der Täter die Tötung eines Menschen als sportliches Vergnügen betrachtet.[27] Entscheidend ist, dass der Täter keinen Anlass zur Tötung gerade seines Opfers hatte. […] Einschränkend wird [für die Definition] gefordert, dass der Täter mit voller Absicht handelt, womit insbesondere Tötungen mit Eventualvorsatz ausgeschlossen werden.[29]

Auf dem weiteren Weg meiner Minirecherche stieß ich auf ein Buch von Gerard Jones mit dem Titel „Kinder brauchen Monster: Vom Umgang mit Gewaltphantasieren“, Kurzzusammenfassung auf Amazon:

Viele Eltern erschrecken, wenn sie sehen, welche Faszination Gewaltdarstellungen auf ihre Kinder ausüben. Der Psychologe Gerard Jones zeigt jedoch, weshalb die Auseinandersetzung mit fiktiver Gewalt für die Entwicklung von Kindern so wichtig ist, und gibt wertvolle Hinweise für einen verantwortungsvollen Umgang mit Gewalt in den Medien.

Das muss ich lesen, denke ich – denn wenn schon Kinder fiktive Gewalt quasi brauchen und von entsprechenden Darstellungen fasziniert sind, ist es für Erwachsene gar nicht so fremd oder widernatürlich, sich auf diese Pfade zu begeben. Das Buch habe ich mir bestellt. Der Unterschied liegt eben da, wo es in die Realität geht. So habe ich vor vielen Jahren einmal gelesen (daher keine Quelle), dass viele Frauen durchaus Vergewaltigungsphantasien mögen, was aber keineswegs heißt, dass sie wirklich vergewaltigt werden möchten oder (mein Gedankengang) vermutlich auch nicht besser mit so einer Tat umgehen können als die Frauen, die solche Phantasien nicht haben.

Morde aus Mordlust sind selten, wie wir im Hamburger Abendblatt erfahren (https://www.abendblatt.de/region/article107890331/Psychologe-Mordlust-ist-als-Tatmotiv-sehr-selten.html):

Das Motiv Mordlust kommt nach Ansicht des Kriminalpsychologen Prof. Rudolf Egg extrem selten vor. „Andere Gründe wie Habgier, Eifersucht, Wut oder Hass sind sehr viel häufiger“, sagte der Leiter der Kriminologischen Zentralstelle Wiesbaden. […] „Man kann unter Mordlust zum Beispiel so etwas wie eine sadistische Neigung verstehen, also eine Freude daran, andere Menschen zu quälen oder gar zu töten.“

„Der sadistische Mörder tötet aus Lust, so ungewöhnlich und unvorstellbar das klingt.“ Zahlen gebe es dazu nicht. „Ich würde meinen, das [sic] es im einstelligen Prozentbereich liegt, vielleicht sogar noch kleiner, aber das sind Vermutungen von mir. (…) Ich selber hatte noch nicht mit einem Mörder zu tun, bei dem man dieses Merkmal angenommen hatte.“ Zur Mordlust gehöre, dass die Tat spontan verübt werde und es in der Regel keine Beziehung zum Opfer gebe. Auch ein sexueller Lustgewinn könne eine Rolle spielen. „In aller Regel ist Mordlust etwas, dass eine sehr lange Entwicklung in der Persönlichkeitsgeschichte des Betreffenden hat.

Zurück zu den drei Handlungssträngen: Im Versicherungsfall würde ich Mordlust als Motiv ausschließen. Der Mord an Caesar Beyer könnte durchaus eine Mordlust-Komponente haben, was die zwei Tötungsarten erklären könnte. Eine motivlose Mordlust liegt im Fall Familie Mustermann so nahe, dass ich jetzt einmal unterstelle, dass die „depperte“ Polizei nur in diese Richtung recherchiert, während unser cleveres Detektiv-Duo Hellerwiesen-Schwesig sehr bald durchschaut, dass Mordlust nur vorgetäuscht wurde, um das wahre Motiv zu verschleiern.

 

Krimi to Go – M (1/2)

M wie Mordlust

Für mich gehört mindestens ein Mord in einen Krimi, es gibt nur wenige Ausnahmen, die ich dann anregend und spannend genug finde. Was interessiert mich ein Umweltskandal, wenn nicht wenigstens ein Abgeordneter oder Greenpeace-Aktivist ums Leben kommt? Was soll ich mit einer Story aus dem Bankmilieu, wenn nicht ein Bankdirektor erstochen über seinem Schreibtisch zusammengebrochen aufgefunden wird?

Morde habe ich in allen drei möglichen Geschichten verankert, diese Notwendigkeit kann ich damit abhaken.

Ich habe hier jedoch die Möglichkeit für etwas Anderes. Autoren auch von Unterhaltungslektüre predigen auch schon mal gerne, fühlen sich verpflichtet, ihre Umwelt moralisch zu erziehen, ihren philosophischen Überlegungen einen und sei es noch so kleinen Platz zu geben. Sich zwischendurch mit einem anderen Gedanken beschäftigen, der nicht unbedingt an der Story klebt, sondern etwas allgemein Menschliches ist.

Dafür eignet sich die Mordlust hervorragend. Ich werde also kleine elegische Überlegungen dazu anstellen, was Mordlust ist. Da haben wir einmal die praktische Mordlust gewisser Mörder. Wobei sich die Frage stellt, ob ein Raubmord nicht letztlich auch auf dieses Lustgefühl zurückzuführen ist. Sonst wäre es Totschlag. Oder? J

Eine Definition von Mordlust gab Die Zeit bereits 1986, sie lässt sich online abrufen (http://www.zeit.de/1986/38/was-ist-mordlust): „In einem klassischen Urteil aus dem Jahr 1953 definiert der Bundesgerichtshof das Wort als ‚unnatürliche Freude an der Vernichtung eines Menschenlebens‘“. Eine interessante Ergänzung findet sich im Juraforum (http://www.juraforum.de/lexikon/mordlust): „Zu beachten ist, dass ein Mord aus Mordlust nicht gegeben ist, wenn eine Person einer anderen zwar beim Sterben zusieht und nicht helfend eingreift, aktiv aber nichts getan hat, um den Zustand des Sterbens herbeizuführen.“ Immerhin ist der Begriff so wichtig, dass es sogar eine Webseite dazu gibt, http://www.mordlust.de (Abgerufen 8.9.17).

Viel interessanter ist die Mordlust beim Leser, die ich unbedingt für vorhanden halte. Ich, die ich mir kaum eine Operations- oder Geburtsgeschichte bis zum Ende anhören kann, ohne weiche Knie und Übelkeit im Magen zu bekommen, und meist schnell Einhalt gebiete oder fluchtartig die Räumlichkeiten verlasse, lese gerne Kriminalromane. Okay, in die „Gory Details“ (grobe übersetzt: unappetitlichen Einzelheiten) mag ich nicht geführt werden. Von einem Messer im Rücken zu lesen, von einer Kugel, die das Gehirn durchschlagen hat, von einer Betonkugel am Fuß vor Ablassen in den See – all das geht. Bin ich im Grunde meines Herzens eine Möchtegernmörderin, deren Blutrünstigkeit nur durch gesellschaftliche Restriktionen aufgehalten wird? Wo sind die Gaffer bei Unfällen einzuordnen? Was fasziniert den Menschen am Unglück anderer? Warum mögen wir dieses Gruselgefühl? Auch ist bekannt, dass viele (alle?) Menschen Gewaltphantasien haben, auch wenn sie alles andere als brutale Schläger oder Psychopathen sind.

Zur Verbreitung von Gewaltphantasien habe ich einmal mehr Wikipedia verwendet (8.9.17):

Insgesamt liegen nur wenige vereinzelte Forschungsbefunde zur Verbreitung von Gewaltfantasien vor. Die Prävalenz von einmaligen aggressiven Fantasien im Lebensverlauf liegt mit 58 % in einer Studie von Nagtegaal (2006) an einer nicht-klinischen Stichprobe recht hoch, wobei 33 % der Teilnehmer von wiederkehrenden Gewaltfantasien berichten. Die Prävalenz von Gewaltfantasien ist darüber hinaus bei Patienten in psychiatrischen Einrichtungen (Grisso et al., 2000)[1] sowie bei Insassen von Strafanstalten erhöht (Meloy et al., 2001).[2] Hierbei wird aber meist nur physische Aggression gemessen. […]

Besonders Tötungsfantasien haben offenbar eine hohe Prävalenz. Demnach gaben in einer Studie von Kenrick und Sheets (1993)[4] 68 % der befragten Studierenden in den USA an, dass sie schon einmal im Leben die ernsthafte Vorstellung hatten, einen anderen Menschen zu töten. Dabei fiel die Prävalenz bei Männern (73 %) etwas höher aus als bei Frauen (66 %). Crabb (2000) kam in einer vergleichbaren Untersuchung auf eine Prävalenz von 45,5 % der Teilnehmer. Dies macht deutlich, dass Tötungsfantasien einerseits offenbar sehr verbreitet sind und nicht unbedingt eine schärfere Form von Gewaltfantasien darstellen. Insgesamt ist jedoch zu berücksichtigen, dass es eine große Streuung in der Intensität und Dauer solcher Gewaltfantasien gibt.

Krimi to Go – L (2/2)

Der Lavendelduft ist doch recht einfach in die Mustermannsche Kriminalgeschichte einzubauen. Eigentlich lassen sich Düfte immer gut verwenden – erst sind sie kaum wahrnehmbar, dann in dem gegebenen Zusammenhang erstaunlich und letztendlich führen sie auf die Spur zum Mörder, sei es direkt oder indirekt. Bei Parfüm wird die Parfümerie zum Knotenpunkt, bei einem einfachen Lavendelduft der eigene Garten, eine Gärtnerei oder auch ein Duftöl.

Als der Postbote später drüber nachdachte, erinnerte er sich schwach an einen Lavendelduft. Auch wenn der Anblick der, man kann es nicht anders sagen, abgeschlachteten Frau Mustermann und der damit verbundene Geruch dies erst einmal deutlich überlagerten. Erst einige Tage später, als sich zwei Polizisten darüber unterhielten, wie seltsam doch der Lavendelduft im Haus gehangen hatte, erinnerte er sich wieder. Wie stark muss doch ein Duftöl sein, wenn es den Schlachthofgeruch und die schrecklichen Eindrücke überlagert? Die Kriminalisten zogen die Stirn in Falten, handelt es sich hier um eine Mörderin? Obwohl solche Gräueltaten, die im Blut ertrinken, eher Männersache sind. Auch Caesar Hellerwiesen und Klara-Anna Schwesig machten sich ihre Gedanken darüber. Sie klappern in Kleinarbeit Drogerien, Apotheken und Gärtnereien vor Ort ab. Für Caesar, der kurze Zeit nach dem furchtbaren Mord im Haus war, verband sich für den Rest seines Lebens ein zarter Lavendelduft mit dem Geruch von abgestandenem Blut, Bildern von Blutspritzern auf Betten, Teppichen und Küchentisch, sodass ihm stets übel wurde, wenn er auch nur den leisesten Hauch von Lavendel wahrnahm. Was Klara-Anna ein wenig bedauerlich fand, denn sie liebte den Duft von Lavendel, weshalb sie auch kleine Lavendeltäschchen zwischen ihre Wäsche legte. Was anfänglich ihrer und Caesars intimerer Bekanntschaft doch stark im Wege stand. Sie schwenkte dann auf Rosenduft um, wobei sie sich allerdings schon darüber im Klaren war, dass der Rosenduft im Gegensatz zu seinem Vorgänger in ihrer Wäsche keine Motten vertrieb.

Anders als die etwas deppenhaften Kriminalbeamten, die mit der Lösung des Mustermannschen Falles heillos überfordert waren, konnten Caesar und Klara-Anna anhand des Lavendeldufts den oder die Mörder oder Mörderin oder Mörderinnen finden. Wir wollen an dieser Stelle alles offenlassen. Vielleicht hat sich doch eine Frau wie die Axt im Wald verhalten. Eine irre Psychopathin? Eine vorbeiziehende Truppe wahnsinniger Insassinnen einer Haftanstalt für psychisch debile Persönlichkeiten auf der Flucht? Das würde auch den Lavendelduft erklären, der sich sonst mit nichts wirklich logisch erklären lässt.

Die akribische Recherche führt also meine beiden Hobbydetektive nicht nur zur Lösung dieses Falls, sondern auch zu der Erkenntnis, dass sie für diesen Beruf außerordentlich geeignet sind: freundliches persönliches Auftreten, Sportlichkeit, Intuition und Beharrlichkeit. Was immerhin dem psychisch angeschlagenen Postboten wieder den Glauben an Gerechtigkeit in dieser Welt zurückgibt und ihm den Mut verleiht, in die gemeinsame Detektei einzusteigen und dafür seinem festen Posten als Boten adieu zu sagen.

Der Luxusschlitten passt haargenau in Manfreds Geschichte. Das Radarfoto zeigt ihn nämlich in einem Luxusschlitten, der auf ihn zugelassen war und von dem seine ganze Familie nichts wusste. Da hätte er besser einen Strohmann gewählt! Aber sein Misstrauen war zu groß, dass ihn jemand verraten würde. „Nur was ich selbst mache, ist zuverlässig und gut“, war immer schon seine Devise. Devisen hat er übrigens, wie sich später herausstellte, auch für diverse Länder bereits eingetauscht. Falls jemand ihm auf die Spur käme – wobei er das mit dem Radarfoto sicher nicht geahnt hatte –, wäre es besser, wirklich jede mögliche Nachforschung zu erschweren. Devisen aus Island, Paraguay, Marokko, Tunesien und Brasilien sowie Euros geben einen guten Querschnitt. Aber halt: Brasilien? Ist nicht die Chefin von Caesar mit einem möglicherweise leicht zwielichtigen Brasilianer zusammen? Ist doch Brasilien beliebter Fluchtort für Mafiabosse wie beispielsweise Neapels ehemaligen Mafia-Chef Pasquale Scotti, und das Land verfügt auch selbst über eine solche „kriminelle Vereinigung“, das Primeiro Comando da Capital (PCC). Es sei angemerkt, dass ich immerhin zwei Minuten Internetsuchmaschinen genutzt habe, um diese Möglichkeit auszuloten.

Eine wichtige Frage ist auch, ob Manfred den Luxusschlitten vor seinem vermeintlichen Tod oder danach gekauft hat. Danach wäre sehr riskant, es könnten nur wenige Stunden oder Tage nach dem künstlichen „Todeszeitpunktes“ sein, sonst wäre seine geheimnisvolle Flucht zu schnell wie ein kleines Kartenhäuschen zusammengefallen. Hatte er den Wagen vor seinem Tod gekauft, musste er sich dafür stark verschuldet haben. Auch muss er seiner Frau das Versicherungsgeld irgendwie vorenthalten haben, denn sonst wäre sie Mitwisserin, etwas, das er gar nicht mag, speziell nicht bei seiner Frau, die er für eine unerträgliche Schwatzbacke und Tratschtante hält. Dies ist mit ein Grund, Land und Leute zu verlassen! So war sein Plan, der auch erst wie gewünscht verlief. Er wurde für tot erklärt, irgendwelche Asche wurde in einem Kolumbarium exhumierungsfest beerdigt und er brauste putzmunter mit seinem neuen Auto durch die Gegend, bis die Überfahrt – wohin auch immer – auf dem Plan stand. Schöne schwere beige Lederpolster, eine Stereoanlage vom Feinsten, der Wagen surrte wie ein Kätzchen durch die Landschaft. Manfred hatte kein Cabrio ausgewählt, weil er es nicht mochte, den direkten Kontakt mit Luft und möglicherweise Regen zu haben. Lange Freude hatte er an diesem teuren Wagen, der immerhin ein Zehntel der Versicherungssumme aufgefressen hatte, jedoch nicht. Dem vorgespielten folgte der echte Tod.

Wobei mir einfällt: Lösegeld wäre auch möglich gewesen, vermutlich deutlich häufiger in Krimis vertreten als meine Auswahl von Lust, Lavendelduft und Luxusschlitten – nur finde ich Erpressungsgeschichten superätzend, um hier die Umgangssprache zu verwenden. Und das reicht, um das Lösegeld hier nur zwei Sätze finden zu lassen.

 

Krimi to Go – L (1/2)

L wie Lust, Lavendelduft und Luxusschlitten

Es ist jetzt an der Zeit, dass ein Wort für einen Buchstaben nicht mehr über alle drei Fälle gegossen wird, sondern zur Abwechslung jede Geschichte einen einzelnen Buchstaben erhält.

L wie Lust ordne ich der ersten Geschichte zu. Das bietet sich an, weil es eheliche und uneheliche Verwicklungen gibt, einen Hinweis auf Sandras dubiose Vergangenheit habe ich bereits gegeben. Jeder weiß: Sex sells, und wie soll ich einen Bestseller schreiben, dessen Verfilmung in fünfundzwanzig unmoralische Länder verkauft wird, wenn ich nicht ein wenig Lust mit an Bord nehme? Bord liegt sowieso nur zwei Phoneme bzw. der Buchstaben vom Bordell entfernt, nämlich e und l. L im Doppel ist quasi Doppellust oder das Sinnbild für zwei Brüste. Puh, es wird warm.

So warm wurde es auch Caesar Beyer, als er Sandra zum ersten Mal begegnete. Er war in Rotterdam bei Geschäftsfreunden, geladen waren auch einige Damen von mehr oder weniger zweifelhaft-eindeutiger Gesinnung. Schon beim Essen konnte er kaum die Augen von seiner weiblichen Begleitung abwenden, am liebsten hätte er sie gleich am Tisch vernascht statt des Desserts. Er dachte an Kirstin, so viele Jahre war er ihr treu geblieben, obwohl es durchaus lustvolle Angebote gegeben hatte. Aber zum Moralisieren hatte er nun keine Lust mehr. Sandra war sich seiner Aufmerksamkeit durchaus bewusst und gestattete ihm so manchen tiefen Blick in ihr sich dezent öffnendes Dekolleté, wenn sie sich herabbeugte. Sie sorgte dafür, dass ihre langen blonden Haare seinen Arm streiften, als sie sich neben ihn setzte. Sie hatte sich vor zwei Wochen entschieden, solide zu werden. Zwar gehörte sie zu einem Edeletablissement, aber die Männer waren dennoch vom selben Trieb getrieben wie die Besucher einfacherer Häuser. Ihr machte es nichts mehr aus, sie sagte sich – egal, wer drüber rutscht, Hauptsache die Kohle stimmt. Lust und Vergnügen zu heucheln gehört zum Geschäft. Der Verdienst war gut, vor allem im Verhältnis zur Arbeitszeit. In dieser Klasse waren auch die Zuhälter eher von Klasse. Sandra brauchte nur einhunderttausend Euro, um sich freizukaufen, hatte ihr Micha gesagt. Ihr fehlte nicht mehr von an der geforderten Summe und so hielt sie Ausschau nach dem passenden Mann. Sie war dabei durchaus wählerisch, nur Geld reichte nicht. Er sollte schon kultiviert, optisch nett bis erträglich und auch ein wenig lustbetont sein. Sie lächelte, sie wollte nicht zur Nonne werden. Und sie wollte es schon ein paar Jahre aushalten, und sei es nur aus Dankbarkeit. Sie war ja schließlich fair.

So kam es, wie von ihr geplant und von Caesar zwar nicht lange erwünscht, aber beim Espresso kaum aushaltbar ersehnt. Sandra gab später im Hotelzimmer nicht ihr ganzes Repertoire preis, ein bisschen muss man sich noch für den Rest des gemeinsamen Lebens aufbewahren. Immerhin war er nicht mehr der Jüngste, da würde er vielleicht bald den einen oder anderen Knaller brauchen, um sein bestes Teil hochzukriegen. Zu ihrer Überraschung war der erste Sex mit Caesar wirklich lustbetont, leidenschaftlich und auch irgendwie gediegen. So hatte sie doch intuitiv die richtige Wahl getroffen, dachte sie sich, während sie neben ihm lag, den Kopf auf seinem nackten Oberkörper. Das war der erste Teil ihres Gesamtplans, eigentlich der einfachste, denn Männer beim Trieb zu packen war relativ einfach.

Der Rest war unkomplizierter, als sie gedacht hatte. Caesar, der mit Kirstin eher eine Ehe auf freundschaftlich-intellektueller Ebene geführt hatte, wobei er, so glaubte er lange, durchaus auf seine Sex-Kosten gekommen war, fühlte sich nun zum leidenschaftlichen Liebhaber berufen, so als hätte er jetzt gerade seine wahre Berufung im Leben entdeckt. Kirstin in ihrer überlegten, ruhigen und bestimmten Art kämpfte nicht lange, wenn überhaupt. Sie zuckte mit den Schultern – Männer in den mittleren Jahren, bitte schön. Sollte er sehen, was in zehn oder fünfzehn Jahren würde, wenn Geld und Samen nicht mehr so reichlich fließen. Sie lächelte fein und blieb Dame bis nach dem Scheidungstermin. Vielleicht nahm sie aber auch in einer kalten Nacht kalten Abschied von Caesar?

Hier liegt ein guter Grund für weitere leidenschaftliche Verwicklungen (Boris!) und Geldgier (Sandras eher ärmliche Herkunft), die in einem Mord enden. Wenn man Fernsehkrimis glauben darf, sind die meisten Morde sowieso Beziehungstaten. Es würde erklären, warum Caesar überhaupt ermordet (Lebensversicherung) und ausgeraubt (Diamanten) wurde, nicht aber wieso er quasi doppelt getötet wurde.

Krimi to Go – K (3/3)

Das täuscht. Zwar ist er dunkelhaarig, aber sein Haar ist eher strähnig und für das Alter schon recht ordentlich auf dem Rückzug begriffen. Seine Augen sind es wohl, die Sarah für ihn gewonnen haben, Mandelaugen nennt man das bei Frauen, lange Wimpern, ein nettes Lächeln. Er ist nicht sehr groß, gerade mal zwei Zentimeter größer als sie, wenn beide barfuß sind, und von Gestalt eher schmächtig. Er hat in Brasilien eine deutsche Schule besucht, weil seine Eltern das für klug hielten. Eventuell hat er sogar indianisches Blut in den Adern? Sein Temperament ist eher still-düster, was ihn zum Mörder prädestinieren könnte. Dank seiner guten Deutsch- und Brasilianisch-Kenntnisse arbeitete er erst in einem Import-Export-Geschäft und hat jetzt eine Anstellung bei einer Bank. Wir wissen (noch) nicht, ob er dubiose Geschäfte mit brasilianischen Kleinkriminellen führt. Er hat keinen Kalender und verlässt sich – außer bei der Arbeit – lieber auf sein sprichwörtlich phantastisches Gedächtnis, d.h. es ist nicht nur sehr gut und präzise, er kann auch sehr geschickt, die Vergangenheit ein wenig an der Realität vorbei ausschmücken, wenn er merkt, dass sein Gegenüber nicht mehr alle Fakten parat hat.

Und dann haben wir natürlich Manfred, den lebenden Toten. Da seine angebliche Leiche in einem Kolumbarium (ebenfalls mit K) weilt, ist eine Exhumierung nicht möglich. Ich weiß auch einfach nicht, ob Asche eines Toten noch DNA-Spuren enthält. Bei den Temperaturen, die dort herrschen, tippe ich einfach auf nein. Liege ich falsch und der Krimi geht in diese Richtung, wappne ich mich schon jetzt gegen die erbosten Zuschriften von DNA-Spezialisten und Wissenschaftlern, die nach Luft ringend fassungslos sind, wie ich ohne entsprechende Kenntnisse einfach so einen Humbug verbreite. Böse Zuschriften sind sowieso unausweichlich, dann lieber welche, die auf Tatsachen beruhen und sich auf Fehler beziehen, für die ich mich tränenreich entschuldigen kann, als – wie es hin und wieder passieren soll – irgendwelche völlig aus der Luft gegriffenen Fetzkritiken, bei denen sich der Autor fragt, ob der hasserfüllte Sermon wirklich von einer Person stammt, die mehr als zwei Zeilen von dem Werk gelesen hat – wenn überhaupt. Back to Manfred.

Unter seinem Nachlass befindet sich natürlich auch ein Kalender. Dieser ist sorgsam geführt und dient durch verschiedene Einträge dazu, die Hinterbliebenen auf eine falsche Fährte zu locken, damit keiner auf die Idee kommt, er sei vielleicht gar nicht verstorben. Wobei mir auffällt: Ich habe seine Todesart noch gar nicht festgelegt. Das verschiebe ich noch, weil ich gleich Mittagessen möchte und mich daher von gegebenenfalls unappetitlichen Themen fernhalte. Auf jeden Fall spielt der Kalender deshalb so eine große Rolle, weil Caesar und Nadine rätseln, wie ein Toter auf ein Radarfoto gerät. Die Erleuchtung kommt ihnen, als Caesars ältere Schwester ihren Bruder besucht und mit Caesar und Nadine in einer Pizzeria sitzt. Catharina mag weder Pizza noch Pasta, trinkt nur einen Kaffee und beobachtet die beiden Fastturteltäubchen über den Rand ihrer Brille. Die beiden sprechen auch über den Kalender, der auf dem Tisch liegt. Während unserer Turtler dann schließlich doch die Pizza ihrem Bestimmungsort zuführen, blättert Catharine in dem Kalender – und entdeckt ein Muster der Eintragungen, das wichtige Hinweise ergibt. Ich habe überhaupt keine Ahnung, was das sein könnte, schade. Vielleicht fällt mir dazu noch etwas ein. Chiffrierte Notizen machen keinen Sinn, weil Manfred den Kalender angelegt hat, gerade um seine Angehörigen usw. an der Nase herumzuführen. Es könnte aber zum Beispiel sein, dass gewisse Dinge merkwürdigerweise ausgelassen wurden bei den Eintragungen, weil Manfred sie in der Bemühung um Fälschung als für zu unglaubwürdig unterschlagen hat. Sachdienliche Hinweise sind hier sehr willkommen, sonst wird dieser Kalender zur Sackgasse.