Deutscher Buchpreis 2018 Teil 3 von 3

Zurück zu Witzel, der in den Reigen passt: richtiges Alter, intellektueller Werdegang, und jetzt zum Inhalt seines preisgekrönten Buches, das selbstverständlich auch nicht in einem publikumsfreundlichen Verlag wie Goldmann oder Heyne erschienen ist:

Gudrun Ensslin eine Indianersquaw aus braunem Plastik und Andreas Baader ein Ritter in schwarzglänzender Rüstung – die Welt des kindlichen Erzählers, der den Kosmos der alten BRD wiederauferstehen lässt, ist nicht minder real als die politischen Ereignisse, die jene Jahre in Atem halten und auf die sich der 13-Jährige seinen ganz eigenen Reim macht. Erinnerungen an das Nachkriegsdeutschland, Ahnungen vom Deutschen Herbst und Betrachtungen der aktuellen Gegenwart entrücken ihn dabei immer weiter seiner Umwelt. Es entsteht ein Kaleidoskop aus Stimmungen einer Welt, die ebenso wie die DDR 1989 Geschichte wurde.

Will ich das lesen? Nee. Die Jury begründet ihre Wahl wie folgt:

Frank Witzels Werk ist ein im besten Sinne maßloses Romankonstrukt. Erzählt wird die Geschichte eines Jungen aus der hessischen Provinz, der sich im Alter von dreizehneinhalb auf der Schwelle zum Erwachsenwerden befindet. In diese Geschichte eingewoben ist das politische Erwachen der alten Bundesrepublik, die beginnt, sich vom Muff der unmittelbaren Nachkriegszeit zu befreien. Diese Ära des Umbruchs wird heraufbeschworen in disparaten Episoden, die unterschiedlichste literarische Formen durchspielen, vom inneren Monolog über die Action-Szene oder das Gesprächsprotokoll bis zum philosophischen Traktat. Der Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ ist in seiner Mischung aus Wahn und Witz, formalem Wagemut und zeitgeschichtlicher Panoramatik einzigartig in der deutschsprachigen Literatur. Frank Witzel begibt sich auf das ungesicherte Terrain eines spekulativen Realismus. Mit dem Deutschen Buchpreis wird ein genialisches Sprachkunstwerk ausgezeichnet, das ein großer Steinbruch ist, ein hybrides Kompendium aus Pop, Politik und Paranoia.

Man lasse sich einmal die letzte attributiale Fügung (heißt das so?) auf der Zunge zergehen. Ein „hybrides Kompendium aus Pop, Politik und Paranoia“. Nein, so etwas kann ich natürlich nicht bieten. Ich bin eher so der Klaus-Havenstein-Typ: „Sport, Spiel, Spannung“ – aber ohne den Sport.

Was tue ich hier? Ich mache Autoren herunter, oder versuche es, die ich nicht einmal kenne. Ich mache mich über Bücher lustig, bei denen ich nicht mehr als den Waschzettel gelesen habe. Kein guter Stil, ein eigentlich primitives populistisches Vorgehen. Eigentlich passe ich mich da an einige der Figuren meiner Geschichten an, die sind auch fies. Das gefällt mir, fies sein.

Falls ich also doch für den Deutschen Buchpreis 2018 oder 2019 nominiert werde, auf diverse Short-Lists und Long-Lists komme … halt, Unterbrechung: Warum, wenn es sich doch um einen deutschen Buchpreis handelt, heißen die nicht Kurzliste und Langliste? Ende Unterbrechung – also, falls ich doch diesen Preis gewinne, kann ich gleich Inhaltsangabe und Begründung im Voraus verfassen. Ich erspare damit den Juroren viel Arbeit und kann vielleicht doch noch meine Chance auf den Preis erhöhen? Wobei ich jetzt erst einmal herausfinden muss, worin der Preis eigentlich besteht. Wenn’s kein Geld gibt, brauche ich mich damit nicht zu beschäftigen. Ich hätte das tun sollen, bevor ich diesen Essay verfasse! Das ist übrigens gut: Ich habe Kurzgeschichten geschrieben, schon eine Dokumentation, quasi ein Roman ist in Arbeit und jetzt noch ein Essay. Ich bin vollwertig im Sinne des Schriftstellertums!

Gerade habe ich nachgeschaut: Der Preisträger erhält 25.000 Euro. Das klingt gut.

Ich, Ute-Marion Wilkesmann, nehme diesen Preis 2018 oder 2019 in Empfang und erhalte 25.000 Euro. Titel des Buchs: Eine Hand wachst die andere.

Inhaltsangabe:

Ann-Kathrin eröffnet den Reigen der jeweils eigenständigen Geschichten als Sprechstundenhilfe. Die Welt des distanzierten Erzählers, in diesem Falle eine Erzählerin, lässt die Grausamkeit der Welt, aber auch ihre freundlichen Facetten anhand einer lose verbundenen Reihe von Lebensausschnitten diverser Figuren entstehen, die sich alle nacheinander begegnen. Ann-Kathrin ist auch die Figur, die wie ein Verbindungsglied den Kosmos der Erzählung / des Romans absteckt. Die Leser werden in Atem gehalten, Atempausen gibt es immer wieder, wenn eine neue Figur den Erzählungsraum betritt. Ahnungen von grausigen Geschehen und Betrachtungen der realen Lebenssituation des Deutschen aus dem deutschen Bürgertum entrücken den Leser dabei immer weiter in sein eigenes Leben. Es entsteht ein Kaleidoskop von Lebenskettengliedern, wobei das Wort Leid nicht zufällig Teil des Wortes Kaleidoskops ist.

Begründung der Jury:

„Ute-Marion Wilkesmann erzählt von Menschen, die nicht unbedingt ein Ziel, nicht unbedingt eine Richtung, aber unbedingt ein Erlebnis haben – ihr Zusammentreffen. Es treibt sie die Liebe, der Hass, die Suche nach Abenteuer im Alltag. Sie setzen sich mit elementaren Themen des Lebens auseinander: Missbrauch, Vergewaltigung, Tod, Liebe, Geburt nur selten, Karriere, Niedergang, Spaß, Spiel, Spannung. Wilkesmann gelingt es, in einem dichten Erzählgeflecht die großen Motive ihrer literarischen Pläne auf nicht allzu kleinem Raum auszuhandeln. Gleichzeitig spiegelt sie die gesellschaftliche Gegenwart in realistischen, esoterischen und phantastischen Nuancen wider. Wilkesmanns „Eine Hand wachst die andere“ ist eine Zusammenstellung vierschichtiger Texte, die auf überlegene Weise existentielle Fragen des Alltags und des Sonntags miteinander verwebt und den Leser dabei freundlich von einem Mosaiksteinchen zum anderen führt und manchmal auch ins offene Messer laufen lässt.“

 

Buchpreis 2018 Teil 2 von 3

2016 ergatterte den Preis ebenfalls ein Mann: Bodo Kirchhoff. Das ist gut, jetzt wird es Zeit für eine Quotenfrau, nämlich mich. Da es immer Autoren über 50, im oder um das Rentenalter sind, passe ich gut hinein. Mein einziger Nachteil ist natürlich, dass ich bisher so wenige Bücher veröffentlicht habe. Ein paar bei BOD (das zählt bei so einer hochrangigen Jury sicher nicht), drei bei „normalen“ Verlagen, und bei allen handelte es sich mehr oder weniger um Kochbücher, sehe ich einmal von „Mein Kollege kocht Vollwert“ (allerdings BOD) ab. Titel des Preisbuches: Widerfahrnis. Das ist gut, denn der Titel meines zweiten Buchs wird sein: Eine Hand wachst die andere. Ein irres Wortspiel, oder?

Inhaltsangabe:

Reither, bis vor kurzem Verleger in einer Großstadt, lebt nun in einem idyllischen Tal am Alpenrand. Von dort beginnt eine unerwartete Reise bis nach Sizilien. Die, die ihn an die Hand nimmt, ist Leonie Palm, zuletzt Besitzerin eines Hutgeschäfts; sie hat ihren Laden geschlossen, weil es an Hutgesichtern fehlt, und er seinen Verlag dichtgemacht, weil es zunehmend mehr Schreibende als Lesende gibt. Als dann nach drei Tagen im Auto am Mittelmeer das Glück über sie hereinbricht, schließt sich ihnen ein Mädchen an, das kein Wort redet.

Hach, auch so etwas, das mit dem wirklichen Leben nichts gemein hat. Jemand, der seinen Hutladen dichtmacht, weil es an Hutgesichtern fehlt? Nein, wie irre, wie intellektuell hervorragend. Ich bemerke an mir einen leichten Widerwillen gegen das Intellektuelle, was ich dann gleich „pseudointellektuell“ nenne, um es richtig herunterzumachen. Ich merke schon, ich muss mal schauen, ob es Preise für Unterhaltungslektüre gibt. Wie begründet die Jury ihre Wahl für 2016?

„Bodo Kirchhoff erzählt vom unerhörten Aufbruch zweier Menschen, die kein Ziel, nur eine Richtung haben – den Süden. Es treibt sie die alte Sehnsucht nach der Liebe, nach Rotwein, Italien, einem späten Abenteuer. Als sie eine junge Streunerin auflesen, begegnen sie den elementaren Themen ihrer Vergangenheit wieder: Verlust, Elternschaft, radikaler Neuanfang. Kirchhoff gelingt es, in einem dichten Erzählgeflecht die großen Motive seines literarischen Werks auf kleinem Raum zu verhandeln. Gleichzeitig erzählt er von unserer Gegenwart und davon, wie zwei melancholische Glückssucher den Menschen begegnen, die in der Jetztzeit den umgekehrten Weg von Süden nach Norden antreten. Kirchhoffs „Widerfahrnis“ ist ein vielschichtiger Text, der auf meisterhafte Weise existentielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebt und den Leser ins Offene entlässt.“

Hmmm, ich glaube nicht, dass ich dieses Buch lesen möchte. Radikaler Neuanfang hat so was von Aussteigern, die auf Kosten ihrer Mitmenschen irgendwo ein Traumziel verfolgen (man hört immer nur von den Leuten, wenn sie aussteigen, aber was ist nach zwanzig Jahren?). Außerdem finde ich Autoren faul, die den Leser „ins Offene entlassen“ – ihnen fehlt einfach eine Idee, ein gutes Ende zu finden. Wobei ich hier „gut“ nicht mit „Happy End“ gleichsetze.

Ich wage einen letzten Vorstoß ins Jahr 2015. Der Preisträger ist schon wieder ein Preisträger, d.h. ein Mann. Ich kann gar nicht glauben, dass es keine guten Literatinnen gibt, die mit einem Preis gekürt werden. Ich bin aber nun wirklich an der Reihe. Frank Witzel gewann den Preis 2015 mit dem Werk „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. Der Titel heißt für mich übersetzt: prätentiöser Käse. Niemals würde ich so ein Buch kaufen. Andererseits kaufe ich meine Lieblingslektüre bei einem Billigversender, am liebsten für 1 Euro das Buch, und dann immer gleich so viele, dass ich sogar noch portofrei wegkomme. Ich bin total unfair, neidzerfressen, ich weiß das. Noch kein einziges Buch (literarisches Buch) habe ich veröffentlicht, mich noch nicht einmal um Veröffentlichung bemüht, und schon mache ich die Konkurrenz runter. Nicht nett. Dabei würden mich die drei Preisträger trotz der gleichen Altersgruppe sicherlich nicht als Konkurrenz sehen. „Wilkesmann? Studiert hat sie, jo, aber was ist denn ein Fachhochschulabschluss? Was hat sie aufzuweisen? Als Übersetzerin hat sie gearbeitet, was ja intellektuell minderwertig ist, wenn sie nicht zumindest Literatur übersetzt hat, nein, es waren mehr oder weniger spröde Sachtexte. Einige Kochbücher, ein paar Geschichten im Blog und ein paar Bemühungen, ihre intellektuell wenig anspruchsvollen Dinge bei einem Verlag unterzubringen?“ Süffisantes Lächeln aller Ortens.