Luft-Not Teil 3 von 3

Es hielten sich nur drei Personen in der Filiale auf. Der Mitarbeiter am Schalter, sie und noch ein Kunde, der gerade ein Formular ausfüllte. Sie waren alle in ihren Bewegungen erstarrt. „Du, komm her!“ schrie der Mann sie an. Da wusste sie genau, was passieren würde: Der Bankangestellte würde dem Räuber das Geld aushändigen, der sie draußen in sein Auto zerren würde, mit ihr in den Wald fahren und dort in einen Lieferwagen umsteigen. Sie müsste hinten in dem leeren Wagen sitzen und damit sie nicht um Hilfe riefe, würde er sie fesseln und ihren Mund doppelt mit Klebeband zum Verstummen bringen. Und dann würde sie zwangsläufig ersticken, denn sie hatte bereits wieder eine leichte Erkältung. Nein, so wollte sie nicht sterben, lieber sollte der Mann sie erschießen. Diese Gedanken gingen ihr in Nanosekunden durch den Kopf. „Nicht ersticken, bitte nicht ersticken lassen, lieber Gott“ dachte sie und stürzte sich auf den Täter. Ein Schuss löste sich. Der Angestellte nutzte die Chance, den Alarmknopf zu drücken.

Der Polizeipsychiater Winfried Wollerfeld, seines Zeichens Diplom-Psychologe, erklärte diesen Fall später bei einer Schulung:

„Es gibt immer wieder diese Menschen, die den Drang haben, sich in den Mittelpunkt zu stellen, dieses Begehren, einmal im Zentrum zu stehen, einmal Held oder Heldin zu sein. Wie wir an den Zeitungsausschnitten sehen können, die Ihnen vorliegen, hat es auch in diesem Fall geklappt. Diese geltungsbedürftigen Egomanen nehmen das Leben anderer, ja auch ihr eigenes in Kauf, nur um ihr Bild in der Zeitung zu sehen, sie malen sich das manchmal schon Jahre vorher aus, wie sie in einem Notfall einschreiten, wie ihr Sarg mit Blumen der dankbaren Geretteten überschüttet wird. Eine Todessehnsucht eng verbunden mit Geltungsgeilheit, wenn Sie mir diese Wortschöpfung verzeihen. Diese Menschen machen Ihnen das Leben unnötig schwer!“

Die Zuhörer nickten zustimmend. Er nippte an dem Glas Wasser, das auf dem Rednerpult stand und wandte den Kopf wieder dem Bild zu, das der Beamer auf die Wand warf. Er wippte dabei leicht vor und zurück, wobei er sich wieder vom Pult zurückzog, das sonst im Vergleich leicht offenbarte, dass er nur einen Meter dreiundsechzig groß war.

„Sehen Sie diese Frau, sie hat alles riskiert, nur um ihr Bild in der Zeitung zu sehen. Es ist einfach widerwärtig, es ist hochgradig krank!“

Winfried wunderte sich selbst, warum er sich so echauffierte.

„Wenn es nach mir ginge“, so fuhr der kluge Psychiater fort, „wäre diese Frau sofort stationär aufgenommen worden, statt sie auch noch mit Empfängen und dem ganzen Brimborium zu ehren. Die Frau wird, wenn sie nicht von uns behandelt wird, eines Tages Alpträume bekommen, die in letzter Instanz bis zu suizidalem Verhalten führen können! Auch hier haben wir die Pflicht, diese Menschen vor sich selbst und ihrer Eitelkeit zu schützen.“

Winfried lächelte ins Publikum, fuhr sich mit der Hand durch die Haare, rückte sein Manuskript zurecht, zog seine Krawatte gerade: „Danke für Ihre Aufmerksamkeit!“ und beugte seinen Kopf. Die Zuhörer spendeten höflichen Beifall. Er stierte auf den kleinen Zeitungsartikel, der vor ihm lag. Das Foto einer etwa sechzigjährigen Frau, die unbeholfen in die Kamera schaute. „Unsere Heldin beim Bürgermeister“, lautete die Überschrift. Wann war er jemals vom Bürgermeister eingeladen worden?

Luft-Not Teil 2 von 3

Auch Tauchen im Schwimmbad war ein Problem, dieses Gefühl „Ich schaffe es nicht mehr!“ machte es ihr unmöglich, die Luftreserven sinnvoll einzusetzen. War sie geprägt vom schweren Asthma ihrer Großmutter? Diese kannte sie vorwiegend mit einem kleinen Atemgerät in der Hand: ein brauner Glasaufsatz auf einem roten ellipsenartigen Gummiballon, mit irgendeiner Flüssigkeit. Die Großmutter hielt sich bei nebligem Wetter oder Aufregung den Mundansatz des Glases in den Mund, presste auf den Ballon und machte Atemübungen, bis es „wieder ging“. Wenn das die Erklärung wäre – warum hatte sie die Träume mit dem Ertrinken erst vor wenigen Jahren bekommen? Jetzt war sie Ende vierzig und hatte diesen wirklich dramatischen Traum-Wachtraum. Konnte das noch von einer Großmutter kommen? War ihr Leben nicht in Ordnung, erdrückte sie etwas? Sie fand Gedanken in diese Richtung immer sehr hilfreich. Nur gab es da nichts, was eine Erklärung bieten könnte.

Sie vergaß dieses Erlebnis nicht, es hinterließ seine Spuren. Sie bekam Angst vor Erkältungen. Niemand liebt Schnupfen, niemand will ihn haben, jeder scheut ihn – aber wer hat wirklich Angst vor Erkältungen? Wenn der Schnupfen tief sitzt, reicht er bis in den Rachen. Die Nase komplett verstopft, nur bei weit geöffnetem Mund noch das Atmen möglich, wenn es soweit war, hatte sie Angst vor dem Einschlafen.

Manchmal kam es sogar dazu, dass sie nicht mehr automatisch schlucken konnte. Sobald die Nase halb verstopft war, atmete sie langsam und mit Willenskraft. Eines Morgens wachte sie auf, schweißgebadet. Der Hals war verschleimt, nur die Nase frei. „Jeder normale Mensch kann dabei doch trotzdem atmen, warum nicht ich? Warum diese Panik?“ Es ging vorbei. Sie vermied alles, was eine Erkältung hervorrufen könnte. Im Winter machte sie um Gesellschaft einen weiten Bogen, wenn es draußen nass war, ging sie nur vor die Tür, wenn es unbedingt nötig war. Öffnete im Büro jemand das Fenster, konnte man wetten, dass sie nach spätestens drei Minuten mit vorwurfsvollem Blick das Fenster wieder schloss: „Du weißt doch, dass ich mir bei Durchzug sofort ‘was hole!“.

Sie begann sich mit dem Thema Reinkarnation zu beschäftigen. War sie vielleicht in einem vorherigen Leben erstickt?

Kriminalgeschichten und Filme mit Entführungen konnte sie nicht sehen, die Geiseln wurden häufig stumm gestellt, indem ihr Mund mit Isolierband zugeklebt wurde. Sie setzte sich dann abends auf dem Bettrand, die Nase vom letzten Schnupfen noch leicht verstopft, und probierte, ob sie mit zugeklebtem Mund noch atmen könnte. Es ging nicht! Spätestens nach dem fünften schwierigen Luftzug und trotz selbstberuhigender Gedanken klappte es nicht, das Herz raste, im Kopf breitete sich ein dumpfes Gefühl aus. Sie riss den Mund auf. „Ich würde elendig ersticken!“

Am Mittwoch hatte sie frei, sie wollte noch etwas in der kleinen Filiale ihrer Hausbank erledigen. Sie stand am Kundenschalter, ihre neue Bankkarte sollte da sein. Der Angestellte reichte ihr die Karte und eine Empfangsbestätigung, sie unterschrieb. Sie drehte sich gerade um, weil sie die Bank verlassen wollte, als er hereingestürmt kam. Eine Maske auf dem Gesicht, eine leere Tasche unterm Arm, eine Waffe in der Hand. Er stürzte genau auf sie zu, in ihre Richtung. „Keine Bewegung, dies ist ein Überfall!“

Luft-Not Teil 1 von 3

Der Erstickungstod

Sie bekam keine Luft, das bisschen Sauerstoff, das noch in den Atemwegen verfügbar war, wurde immer weniger. Panik. Sie röchelte, ihr Herz begann zu jagen. Sie lag unter einer Tonne Lehm, die Luft wurde dichter und dichter, der winzige Hohlraum war nur noch mit wenigen Kubikmillimetern Sauerstoff gefüllt. Gleich, gleich….

Sie wachte auf. Der Alptraum war zu Ende, aber die Panik blieb bestehen, obwohl kein Lehm auf ihren Brustkorb drückte. Nur das Schwarz-Grau des Schlafzimmers nahm sie am Rande ihrer Atembemühungen wahr. Aber auch das Bewusstsein, aus einem Alptraum erwacht zu sein, half nicht. Es gab keine Luft für sie, Atmen war nicht möglich. Mit aller Kraft versuchte sie, Luft durch die Nase zu holen, es ging nicht. Sie hielt das eine Nasloch zu, versuchte Luft zu holen, es ging nicht. Auch nicht auf der anderen Seite. Der Luftmangel hämmerte in ihrem Schädel. Warum öffnete sie nicht den Mund, warum holte sie die notwendige Luft nicht aus dieser Richtung? Sie versuchte zu denken „mach den Mund auf, atme!“ und gleichzeitig Luft durch die Nase einzuatmen. Kurz bevor sie glaubte, das Bewusstsein zu verlieren, stieß sie endlich Luft durch den Mund in die Lunge, die Atemlähmung, wie sie sie später nannte, war deutlich verringert.

Hastig setzte sie sich auf, Atmen im Liegen war immer noch nicht möglich. Sie zog mit den Fingern den rechten Nasenflügel zur Seite, dann den linken, bis sie endlich eine kleine Bahn für den lebensnotwendigen Sauerstoff freimachen konnte. Dazwischen hechelte sie durch den Mund. Der Rachen schien nicht ganz frei.

Als sie richtig wach war und wieder normal atmete, versuchte sie mental, mit diesem Traum klarzukommen, der auch ins Wachbewusstsein hinein Wirkung gehabt hatte. Was war nicht in Ordnung? Sie hatte schon mehrmals vom Ertrinken geträumt, zynisch sprach sie dann schon mal von „meinem Lieblingsalptraum“. Meist saß sie dabei in einem Wagen, dessen Türen sich nicht öffnen ließen. Sie hatte immer aufmerksam Tipps dazu gelesen, was man machen soll, wenn man mit dem Auto ins Wasser stürzt: Warten bis der Wagen abgesunken ist, ruhig atmen. Fenster öffnen, bis der Druckausgleich stattgefunden hat, dann die Tür öffnen und zügig nach oben schwimmen. Ob sie in einem solchen Falle die nötige Ruhe hätte?